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Zeitsprung: Am 3.7.1969 wird Rolling-Stones-Gründer Brian Jones tot aufgefunden

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Brian Jones
Foto: Keystone/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.7.1969.

von Tom Küppers und Christof Leim

Aufstieg und Fall liegen gerade in der Kunst oft gefährlich nahe beinander. Basierend auf der Vision von Brian Jones legten die Rolling Stones den Grundstein für ihre Weltkarriere, doch der Gitarrist wird das nicht mehr erleben. Sein Tod am 3. Juli 1969 ist der tragische Höhepunkt einer traurigen Geschichte und sorgt bis heute immer mal wieder für Spekulationen.

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Hört hier das letzte Stones-Album, das zu Jones’ Lebzeiten veröffentlicht wurde:

Die Jugend des am 28. Februar 1942 geborenen Lewis Brian Hopkin Jones verläuft anfangs in halbwegs geordneten Bahnen. Sein musikalisches Talent legen ihm die Eltern in die Wiege, denn der Vater unterrichtet in seiner Freizeit andere am Klavier, seine Mutter greift ebenfalls in die Tasten und leitet den örtlichen Kirchenchor. Knapp volljährig zieht er nach London, um eine neue Band zu gründen. Dort trifft er auf Mick Jagger, der Keith Richards mitbringt – das Grundgerüst der Rolling Stones steht somit. Jones ist zu diesem Zeitpunkt der klare Anführer der Band. Er bringt Jagger und Richards die Feinheiten des Rhythm & Blues näher, zeigt Mick, wie das mit der Mundharmonika geht und spielt tagelang mit Keith zu Platten von Jimmy Reed und Muddy Waters.

Sprachrohr mit Stimmungsschwankungen

Als die Stones 1963 durchstarten, ist Jones Sprachrohr und Star der Gruppe. Doch hinter den Kulissen zeigt er sich unzufrieden – vor allem ab dem Moment, als Jagger und Richards anfangen, eigene Songs zu schreiben. Denn Jones’ Schwäche liegt darin, dass er als Komponist nicht mit den anderen mithalten kann. Die Stones, getragen von einer bis dato noch nicht gesehenen Erfolgswelle, hetzen durch die Konzertsäle und Aufnahmestudios, Jones kontert dem Stress mit Drogen und Alkohol.

Brian Jones

Anfangs der klare Anführer bei den Stones: Brian Jones. (Bild: Mark & Colleen Hayward/Redferns/Getty Images)

Etliche Zeitgenossen berichten dazu von extremen Stimmungsschwankungen. Stones-Basser Bill Wyman schreibt in seiner Biografie A Stone Alone von zwei Persönlichkeiten: „Die eine gab sich introvertiert, schüchtern, sensibel, tiefgründig. Die andere war eine umher stolzierender Pfau, gesellig künstlerisch und verzweifelt auf die  Anerkennung anderer angewiesen.“ Das Problem an der Sache: Künstlerisch kriegt Jones immer weniger auf die Pfanne. Bei Aufnahmesessions beschränkt sich sein Beitrag hauptsächlich auf obskure Instrumente (auf Paint It, Black brilliert er zum Beispiel mit einem fantastischen Sitar-Lick) – wenn er überhaupt erscheint. Oft ist er zu benebelt, um Produktives beizutragen, was beispielsweise der Promo-Clip zum 1967 veröffentlichten We Love You schmerzlich vor Augen führt.

Als die Stones ihre nächste US-Tour planen, wird klar, dass Jones zum einen wegen diverser Drogendelikte kein Visum erhalten wird und zum anderen überhaupt nicht mehr in der Lage ist, auf Tournee zu gehen. Jagger, Richards und Co. ziehen die Notbremse und eröffnen ihrem ehemaligen Bandleader Anfang Juni 1969, dass sich ihre Wege jetzt trennen werden. (Die ganze Geschichte dazu gibt es hier.)

Große Pläne

Jones zieht sich auf die Cotchford Farm zurück, die früher einmal dem Autoren A.A. Milne (Pu der Bär) gehörte. Sein alter Freund Alexis Korner besucht Brian kurz nach der Trennung und berichtet, er habe den Gitarristen lange nicht mehr so glücklich erlebt. Tatsächlich hegt Brian weitere musikalische Pläne mit John Lennon oder Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience, sogar ein paar eigene Songs nimmt er als Demos auf.

Doch in der Nacht des 3. Juli 1969 entdeckt Jones’ damalige Partnerin Anna Wohlin seinen leblosen Körper am Boden des Swimmingpools. Sie behauptet zwar, dass Jones noch gelebt habe, als er aus dem Wasser gezogen wurde, doch als die Ärzte eintreffen, können sie nur noch den Tod des 27-Jährigen feststellen. Zwei Tage später wollen die Stones im Hyde Park seinen Nachfolger Mick Taylor vorstellen, widmen die Show aber natürlich dem verstorbenen Weggefährten. Jagger trägt aus dem Gedicht Adonais vor, dazu werden Hunderte weiße Schmetterlinge freigelassen, und die Band spielt einen von Brians Lieblingssongs. Eine Woche später wird Brian Jones beerdigt.

Jahrelange Spekulationen

Der Leichenbeschauer kam damals zu dem Schluss, das Ganze sei ein Unfall gewesen, und hält fest, dass Herz und Leber aufgrund der vergangenen Eskapaden deutlich vergrößert seien. Doch immer wieder kochen Theorien hoch, dass Jones’ Tod eben kein Unglück war. Regelmäßig taucht in diesem Zusammenhang der Name Frank Thorogood auf, ein Bauarbeiter, der zum Zeitpunkt des Todes auf dem Anwesen beschäftigt war. Zuletzt kommen diese Vorwürfe 2008 wieder auf, als die Mail On Sunday behauptet, Thorogood habe Jones im Streit getötet, was die Polizei seinerzeit vertuscht hätte. Die zuständigen Behörden in Sussex antworten, dass trotz ausführlicher Untersuchungen keine neuen Beweise aufzufinden sind, die der ursprünglich festgestellten Todesursache widersprechen.

Brian Jones Beerdigung

Brian Jones wird zu Grabe getragen (Bild: Evening Standard/Hulton Archive/Getty)

Über Jones’ Tod zu sprechen, fällt Jagger auch viel später noch sichtlich schwer. „Ich habe die Schwere seiner Drogensucht damals einfach nicht richtig verstanden“, erklärt er 1995 dem Rolling Stone. „Dinge wie LSD waren völlig neu. Niemand kannte die Nachteile. Man dachte, Kokain sei gut für einen.“ In ihrer Dokumentation Crossfire Hurricane setzen die Stones ihrem Gründer dann endgültig ein Denkmal und erinnern so daran, welch immenses musikalisches Talent die Rockwelt viel zu früh verloren hat.


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Popkultur

Interview mit Volbeat: „Du musst mit der Straße verheiratet sein.“

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Foto: Emma McIntyre/Getty Images

Die Pandemie hat Volbeat nicht weichgekocht. Im Gegenteil: Auf ihrem achten Album Servant Of The Mind klingen die Dänen so aggressiv und durchgreifend wie noch nie. Im Interview begibt sich Bandchef Michael Poulsen auf Ursachensuche.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Servant Of The Mind von Volbeat anhören:

Vor rund 15 Jahren war die Kreuzung aus fettem Metal und Elvis eine mittelschwere Sensation. Insbesondere mit ihrer dritten Platte Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008) brillierten Volbeat mit hohem Wiedererkennungswert und einem letztlich einzigartigen Gemisch. In den letzten Jahren wurde das, vorsichtig ausgedrückt, ein kleines bisschen redundant. Für die Band offensichtlich auch: Auf Servant Of The Mind berufen sich Volbeat so ungestüm und hemmungslos auf ihre metallischen Wurzeln wie noch nie.

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Michael, mit Servants Of The Mind dürftet ihr die meisten eurer Hörer überraschen und viele erfreuen. Woher kommt denn diese neue Lust an Heavy Metal? Steckt dahinter etwa euer 20. Geburtstag, den ihr dieses Jahr feiert?

Gut möglich. Jeder ist ja immer von allem beeinflusst, was er selbst gerne hört. Doch nach all den Jahren und Alben können Volbeat sich mittlerweile auch selbst beeinflussen. Und nach 20 Jahren tun wir das auch. Es macht mir Spaß, unsere alten Sachen zu hören und weiterzuentwickeln. Doch als Musiker reifen wir ebenso wie als Menschen. Wir werden besser, wir entwickeln uns weiter, wir finden neue Werte, wir sehen Dinge anders. Irgendwann passten wir uns mit Volbeat musikalisch also eher den großen Arenen an, die wir zu spielen begonnen hatten. Und diesmal ließen wir eben einfach die Pferde mit uns durchgehen. Es waren ja eh keine Arenen in Sicht. Man hört den neuen Songs deswegen sehr deutlich an, dass wir Black Sabbath, The Cramps oder Entombed immer noch sehr gerne hören. (lacht)

„Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm.“

Kam das denn ganz natürlich? Oder war es am Ende doch geplant?

Ich fing in den frühen Neunzigern mit Death Metal an. Diese Musik ist seither in meinem Songwriting verankert. Natürlich kamen bei Volbeat von Anfang an mit Rock’n’Roll, Psychobilly oder Punk sehr viele andere Inspirationen hinzu, aber nach sieben Alben verspürte ich plötzlich wieder große Lust, etwas härter zu werden. Die harte Seite von Volbeat war immer da, sie kam in letzter Zeit nur nicht so prägnant zum Vorschein. Diesmal war es aber einfach an der Zeit. Es geschah ganz natürlich, als ich während des Lockdowns zuhause saß, keine Konzerte spielen konnte und viele alte Platten hörte. Ich konnte nur in den Proberaum gehen, also tat ich das.

Entstanden dann auch gleich neue Songs? Oder ging es nur darum, Dampf abzulassen?

Ich hatte es gar nicht vor, aber genau das passierte. Auf einmal hatte ich all diese Ideen und fing an, sie aufzunehmen. Es fühlte sich an, als würden wir noch mal ganz von vorn anfangen. Und genau dieses Gefühl brachte mich noch näher an unsere Wurzeln zurück. Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm. Und was soll ich sagen? Es machte riesigen Spaß! (lacht)

„Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.“

Klingt, als hätte es bei den Sessions zu Servant Of The Mind keine größeren Hindernisse oder Stolpersteine gegeben…

Nach drei Monaten hatten wir plötzlich 13 neue Songs fertig. Dann gingen wir zu Jacob Hansen, um sie aufzunehmen. Zweieinhalb Wochen später war die Platte im Kasten. Wir sahen uns an und fragten uns: Und was machen wir jetzt? (lacht) Wir waren uns erst unsicher, ob wir das Album auch gleich veröffentlichen sollen, weil ja immer noch niemand weiß, wie alles genau weitergeht. Es fühlte sich aber alles so gut, so frisch an, dass wir die Songs so schnell wie möglich veröffentlichen wollten. Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.

Untypisch ist für euch nicht nur diese neue Härte, sondern auch der Albumtitel Servant Of The Mind. Worum geht’s denn auf der Platte?

Es ist doch so: Wir wachen auf, kommen irgendwie durch den Tag und schlafen. Dabei sind wir eigentlich immer unseren Gedanken oder unserem Mindset ausgesetzt. Unsere Gedanken können uns an sehr dunkle Orte führen – oder sie sorgen dafür, dass es uns richtig gut geht. Diese beiden Extreme spielten in der Musik von Volbeat immer schon eine Rolle. Hat wohl mit der Dualität des Lebens zu tun.

„Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten.“

Kommen wir noch mal auf eure frühen Tage zurück: Wie hast du die Anfangszeit der Band erlebt?

Dazu reicht eigentlich eine einzige Anekdote: Als wir mal ins Studio gehen wollten und uns die Kohle fehlte, meinte unserer früherer Bassist, ihm werde schon etwas einfallen. Wir standen gerade erst im Studio, da klingelte das Telefon klingelt und seine Frau brüllte ihn an, was er mit ihren Möbeln gemacht hat. (lacht)

Und? Was hat er gemacht?

Na ja, er hat sie verkauft, um die Studiomiete zu bezahlen.

Ihr habt also immer alles für die Band gegeben?

Ja. Bei wem das nicht so war, der ist nicht mehr dabei. Volbeat ist meine Band, mein Arbeitsplatz, mein Leben. Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten. Das ist unfassbar! Ich wusste zwar immer, dass ich Musik machen möchte. Aber so etwas zu erleben, ist schwer zu beschreiben.

Dennoch braucht eine Band auch Hierarchien. Jemanden, der alles im Blick hat.

Bei Volbeat war ich von Tag eins der, der sich um alles gekümmert hat. Booking, Merchandise, ich machte sogar die Steuer für meine Bandkollegen. (lacht) So einen braucht es in jeder Band. Doch auch alle anderen müssen 150 Prozent hinter der Band stehen. Sie müssen bereit sein, eine Menge aufzugeben. Und das sind nicht viele. Manche wollen nicht monatelang auf Tour sein, manche wollen mehr Regelmäßigkeit in ihrem Leben. Aber dann funktioniert es nicht. Du musst alles opfern, deine Sicherheit, deine Freunde, deine Partner, deine Kohle. Du musst mit der Straße verheiratet sein. Anders geht es nicht.

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Zeitsprung: Am 6.12.1988 erliegt Roy Orbison einem Herzinfarkt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1988.

von Timon Menge und Christof Leim

Denkt man an Roy Orbison, sieht man vor allem eines: schwarz. Mit seinen getönten Haaren, der stets dunklen Sonnenbrille, seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Gitarre gibt der Texaner der Melancholie eine vier Oktaven starke Stimme. Songs wie Only The Lonely, Oh, Pretty Woman oder You Got It verzaubern Hunderttausende. Doch sein Weg verläuft alles andere als geradlinig…

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Hört hier in Roy Orbisons beste Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.  

Orbisons Karriere beginnt, als er 1945 im Alter von neun Jahren einen Talentwettbewerb bei einem lokalen Radiosender zu Hause in Texas gewinnt und eine wöchentliche Show im Samstagabend-Programm bekommt. Sein erster öffentlicher Auftritt mit Band lässt deutlich länger auf sich warten: 1953, also acht Jahre später, treten er und The Wink Westerners in einer High School auf. Die Schule befindet sich in seiner langjährigen Heimatstadt Wink in Texas, einem Ort, der vor allem von der Ölindustrie lebt. Die Gruppe hatte Orbison bereits im Alter von 13 Jahren gegründet. Ein Jahr nach dem Konzert schließt Orbison die Schule ab und wechselt zum North Texas State College, um Geologie zu studieren.

Der nächste Schritt ins Musikerdasein folgt 1955: Der Gitarrist und Sänger reist mit seiner Band nach Dallas, um Columbia Records den Song Ooby Dooby vorzuspielen, geschrieben von seinen Studienkollegen Wade Lee Moore und Dick Penner. Das Stück gefällt der Plattenfirma zwar, Orbison selbst stößt allerdings auf weniger Gegenliebe. Stattdessen spielen Sid King And The Five Strings den Titel ein.



Die Musiker lassen sich durch den Rückschlag nicht entmutigen, treten in zahlreichen Radiosendungen auf und benennen sich in The Teen Kings um. Am 4. März 1956 nehmen sie Ooby Dooby doch noch auf, und zwar im Studio von Norman Petty, einem der wichtigsten Rock’n’Roll-Produzenten der Zeit. Am 19. März erscheint der Song über Weldon Rogers’ Plattenfirma Je-Wel Records, doch der Vertrag muss kurz nach Erscheinen der Single annulliert werden: Orbison ist noch minderjährig und hätte ihn gar nicht unterzeichnen dürfen.



Sam Phillips, Inhaber der legendären Vinylschmiede Sun Records, interessiert das nicht. Er bietet dem jungen Musiker einen neuen Vertrag, den dieser annimmt. Phillips gilt als Schlüsselfigur der Fünfziger und entdeckt nicht nur Elvis Presley, sondern auch Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Die Gruppe nimmt Ooby Dooby ein weiteres Mal auf, am 1. Mai 1956 erscheint die Single mit der B-Seite Go Go Go. Der Titel erreicht Platz 59 der nationalen Hitparade und verkauft sich mehr als 350.000 Mal. Um das Momentum zu nutzen, geht Orbison auf eine große Tournee mit Johnny Cash, Carl Perkins, Warren Smith, Sonny Burgess und Faron Young. Die Reise führt den Tross bis nach Kanada.


Im September folgt die zweite Single: You’re My Baby, ein Stück von Johnny Cash. Auf der B-Seite findet sich Rockhouse von Orbison und Harold Jenkins alias Conway Twitty. Der Erfolg mit Sun Records bleibt hinter den Erwartungen zurück, und Orbison wechselt zu RCA Records, wo inzwischen auch Elvis Presley unter Vertrag steht. Auch dort bleibt der Durchbruch aus. Orbison veröffentlicht zwei erfolglose Singles, der Vertrag wird nicht verlängert.

Der Nachwuchskünstler betätigt sich stattdessen als Songwriter für andere Leute. So spielt er den Everly Brothers während einer Konzertpause ein Lied vor, das er für seine Frau Claudette geschrieben hat. Die Brüder mögen das Stück, das einfach Claudette heißt, und nehmen es auf. Später schreibt er den Song Down The Line, interpretiert von Jerry Lee Lewis. Auch Buddy Holly und Rick Nelson greifen auf Orbisons Material zurück.



Ab 1959 kommt allmählich Land in Sicht. Orbison unterzeichnet einen Vertrag bei Fred Fosters Plattenfirma Monument Records. Foster erkennt das Potential des jungen Musikers und liegt goldrichtig: Mit Uptown landet gleich der zweite neue Song des Texaners in den Charts, wenn auch nur auf Platz 72. Orbison nutzt die schützenden Arme des neuen Labels, um seinen balladesken Stil weiterzuentwickeln. Am 9. Mai 1960 gelingt mit Only The Lonely (Know The Way I Feel) der nationale und internationale Durchbruch. Orbisons Falsetto beeindruckt Elvis Presley so sehr, dass er die Single gleich kistenweise kauft und an Freunde verteilt. Vier Jahre lang erreicht jeder Song von Orbison die Top 40.



Eines seiner größten Markenzeichen entsteht zufällig, als Orbison 1963 mit den Beatles durch Großbritannien tourt. Der stark weitsichtige Musiker vergisst seine Brille im Flugzeug und muss aus der Not heraus mit seiner Sonnenbrille auftreten, die ebenfalls seiner Sehstärke angepasst ist. Der Look kommt gut an, so dass man ihn im weiteren Verlauf seiner Karriere nur selten ohne Sonnenbrille sieht. (Während derselben Tour erhält er übrigens auch seinen Spitznamen „The Big O“.) Seine stets dunkle Kleidung vervollständigt das Bild des schüchternen, auf Anonymität bedachten Superstars.



Am 1. August 1964 nimmt Orbison dann die erfolgreichste Single seiner Karriere auf. Oh, Pretty Woman erreicht in unzähligen Ländern der Welt Platz 1 der Charts und verkauft sich noch im ersten Jahr mehr als sieben Millionen Mal. Als Orbison 1965 mit den Rolling Stones durch Australien tourt, inspiriert der Song Mick Jagger und Keith Richards sogar dazu, ein ähnliches Intro für (I Can’t Get No) Satisfaction zu schreiben.

Roy Orbison ohne Sonnenbrille, dafür mit seiner zweiten Frau Barbara Anne Marie Wellhöner

Nach dem späten aber erfolgreichen Start seines Musikerdaseins suchen ihn ab Mitte der Sechziger mehrere Schicksalsschläge heim. 1966 stirbt seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, 1968 kommen zwei seiner drei Söhne bei einem Hausbrand ums Leben. Am 25. Mai 1969 heiratet Orbison seine zweite Frau Barbara Anne Marie Wellhöner, geboren in Bielefeld. Sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um 23 Jahre.

Auch seine Karriere gerät ins Wanken: Beatbands dominieren die Charts, Orbison unterschreibt einen neuen Plattenvertrag über eine Million US-Dollar mit MGM. Die Klangqualität von Monument Records wird nicht mehr erreicht, und auch die kompositorische Klasse leidet, weil Orbison sich vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig neue Songs abzuliefern. Er spielt weiter Konzerte, doch es wird ruhiger um ihn.



Ein furioses Comeback gelingt ihm Ende der Achtziger Jahre mit Mystery Girl und der Single-Auskopplung You Got It. Im November 1988 tritt er beim Diamond Awards Festival in Belgien auf und präsentiert den brandneuen Song vor laufenden Kameras. Ein Raunen geht um die Welt: Roy Orbison ist zurück, besser denn je. Auch abseits seiner Solokarriere bewegt sich etwas: Er schließt sich mit Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Jeff Lynne zu den Traveling Wilburys zusammen, einer Supergroup, deren Debüt Traveling Wilburys Vol. 1 millionenfach über die Ladentheken geht.

Leider bekommt Orbison den Erfolg seines Comebacks nicht mehr vollständig mit: Bereits seit seiner Kindheit leidet er an Herzproblemen und muss sich während der Siebziger einer Bypass-Operation unterziehen. Am 6. Dezember 1988 erliegt er kurz vor Mitternacht einem Herzinfarkt. Er wird in Los Angeles beigesetzt, Mystery Girl erscheint posthum.

Bis heute zweifelt niemand am Einfluss, den Orbison auf die Musikwelt genommen hat. Dreht sich der Rock’n’Roll üblicherweise um treibende Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und rebellische Texte, findet all das in der melancholischen Musik des Texaners kaum statt. Stattdessen vergleicht man ihn mit klassisch ausgebildeten Musikern, sogar mit Opernsängern. Kein Wunder: Dank seiner Stimmgewalt füllt er jeden noch so großen Saal aus.

Orbison wird nur 52 Jahre alt. „I still have some love to give“, singt er in Handle With Care von den Traveling Wilburys. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch tolle Songs er sicher noch geschrieben hätte.

Zeitsprung: Am 29.10.1990 erscheint „Traveling Wilburys Vol. 3“.

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Zeitsprung: Am 5.12.1973 erscheint „Band On The Run“ von Paul McCartney & Wings.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.12.1973.

von Timon Menge und Christof Leim

Bis heute markiert Band On The Run von Paul McCartney & Wings den Höhepunkt in der Solokarriere des Beatles-Bassisten. Dabei steht die Albumproduktion unter keinem guten Stern: Die ersten beiden Veröffentlichungen der Gruppe sind gefloppt, mit Gitarrist Henry McCullough und Schlagzeuger Denny Seiwell steigen im Vorfeld gleich zwei Musiker aus. Um für frischen Wind zu sorgen, bucht McCartney ein EMI-Studio in Nigeria — und trifft auf weitere Schwierigkeiten.

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Hört hier in Band On The Run rein:

Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.

Die Reisegruppe freut sich auf ein tropisches Ferienparadies. McCartney, seine Frau Linda, Gitarrist Denny Laine und Tontechniker Geoff Emerick wollen tagsüber am Strand liegen und nachts Musik aufnehmen. So sieht zumindest die Theorie aus. Stattdessen begegnen ihnen Armut, Krankheiten und eine Militärdiktatur. Außerdem befindet sich Nigeria mitten in der Regenzeit. Na toll.



Auch darüber hinaus reißen die Probleme nicht ab. Das Studio in Lagos, der größten Stadt Nigerias, bleibt weit hinter den technischen Erwartungen zurück und erschwert den Aufnahmeprozess. Mit Müh und Not kratzt Emerick alles zusammen, was er benötigt. Außerdem werden McCartney und seine Frau Linda überfallen. Dabei stehlen die Diebe nicht nur die Wertsachen des Paares, sondern auch Textblätter und Demos. Zu allem Überfluss kollabiert Paul im weiteren Verlauf der Aufnahmen, weil er zu viel raucht.

Als wäre all das nicht genug, muss sich die Band auch noch mit Afrobeat-Legende und Polit-Aktivist Fela Kuti herumschlagen, der die Wings öffentlich beschuldigt, bloß nach Nigeria gekommen zu sein, um die traditionelle Musik des Landes für kommerzielle Zwecke auszuschlachten. Erst als die Band Fela Kuti ins Studio einlädt, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen, lässt er sich besänftigen. Die Wogen glätten sich, so dass so etwas wie ein geregelter Arbeitsalltag entstehen kann. Morgens geht die Band in einem Country Club schwimmen, nachmittags fahren die Musiker ins Studio und arbeiten teilweise bis vier oder fünf Uhr morgens. Multiinstrumentalist McCartney spielt Gitarre und Schlagzeug dabei kurzerhand auf eigene Faust ein. Die Wochenenden dienen der Erholung.



Mit der landläufigen Meinung, Band On The Run sei unter besonders schwierigen Bedingungen entstanden, kann sich der Chef nicht anfreunden. „Als wir zurückkamen, haben die Leute gesagt, dass aus der Not heraus ein gutes Album entstanden sei“, gibt er 1998 zu Protokoll. „Ich hasse diese Theorie. Sie stimmt zwar, weshalb ich sie auch nicht mag. Ich finde aber die Vorstellung schrecklich, dass man schwitzen und leiden muss, um etwas Gutes zu erschaffen.“


Die Schwierigkeiten während der Produktion verarbeiten die Musiker im Titeltrack, in dem es gleich zu Beginn heißt: “Stuck inside these four walls / Sent inside forever / Never seeing no one nice again / Like you / If we ever get out of here.”

Stolpersteine hin oder her: Mit Band On The Run gelingt den Briten ihr wichtigstes Album. Die Veröffentlichung erreicht Platz 1 der Billboard-Charts, bringt drei Single-Auskopplungen hervor und verkauft sich bis heute mehr als sieben Millionen Mal. Die erste Welttournee lässt allerdings noch zwei Jahre auf sich warten.

Zeitsprung: Am 9.9.1975 gehen Paul McCartney & Wings auf ihre erste Welttournee.

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