------------

Popkultur

Zeitsprung: Am 20.8.1948 kommt Robert Plant zur Welt.

Published on

Robert Plant
Foto: Phil King

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 20.8.1948."

von Christof Leim

Mit Led Zeppelin hat er definiert, was Rockmusik ausmacht. Als Solokünstler bleibt er fortwährend in Bewegung. Mit seiner Stimme hat er mehr Leute beeinflusst, als wir hier aufschreiben können. Am 20. August feiert er seinen Geburtstag – und wir blicken auf ein höchst kreatives Leben zurück.

Hört hier in die besten Solo-Songs von Robert Plant rein:

Man sieht folgendes Bild, wenn man an Robert Plant denkt: Blonde Locken, blanke Brust und die Haltung eines jungen Mannes, der mit jedem Schrei, jeder Pose Zehntausende in seinen Bann zieht. Dabei will die Hälfte der Fans mit ihm ins Bett, die andere Hälfte will schlicht sein wie er. So geht „Rockgott“, ein ikonisches Bild aus den Siebzigern, geprägt nicht zuletzt durch Plant als Frontmann der größten Band der Zeit. Doch der legendäre Sänger der noch legendäreren Led Zeppelin hat sein künstlerisches Schaffen schon lange über diese Rolle hinaus ausgedehnt – und gilt weiterhin als eine der großartigsten Stimmen der Rockmusik. Nach über fünf Dekaden bleibt Plant als Künstler weiter kreativ, wandelbar und auf der Suche nach neuen Klängen. In der Vergangenheit möchte er nicht leben, deshalb ist er es, der weiteren Reunion-Aktivitäten von Led Zeppelin konsequent eine Absage erteilt.

Selbständige musikalische Frühbildung

Robert Anthony Plant kommt am 20. August 1948 im englischen West Bromwich in Staffordshire zur Welt. Schon als kleiner Junge entwickelt er ein Interesse an Musik und Gesang. Vor allem der Blues hat es ihm angetan, zu seinen Helden gehören Willie Dixon und Robert Johnson. Als Teenager verlässt er die Schule, auf eine Ausbildung als Buchhalter hat er nach zwei Wochen keine Lust mehr. Stattdessen schreibt er sich an einer Universität ein und versucht, in der Blues-Szene von Mittelengland Fuß zu fassen. „Ich habe mein Zuhause mit 16 verlassen und mich meiner musikalischen Bildung gewidmet“, wird er später im Classic Rock zitiert. „Auf eine Band folgte die nächste, was mein Verständnis des Blues nur noch verstärkt hat, ebenso für andere Arten von Musik mit einem gewissen Gewicht und Wert.“ Berufsmusiker wird man allerdings nicht aus dem Stand, also muss Robert eine Menge an eines zukünftigen Rockgottes unwürdigen Jobs erledigen. So arbeitet er im Straßenbau und in einem Kaufhaus, nimmt aber immerhin drei obskure Singles für CBS Records auf, die jedoch alle umgehend in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Außerdem arbeitet er mit Terry Reid (der beinahe Led-Zeppelin-Sänger geworden wäre) und Alexis Korner. Außerdem singt Plant in einer Vielzahl an Bands, darunter die Crawling King Snakes, bei denen er einen Drummer namens John Bonham kennenlernt. In der Band Of Joy widmen sich die beiden dem Blues in Verbindung mit neueren psychedelischen Sounds. Schade finden wir, dass aus der Gruppe Hobstweedle nichts wurde – der Name ist doch so schön.

1968 schließlich sucht Yardbirds-Gitarrist und Sessionprofi Jimmy Page neue Musiker. Als er Plant singen hört, fragt er sich, ob mit dem Mann irgendwas nicht stimmt: „Vielleicht seine Persönlichkeit, vielleicht kann man mit ihm nicht vernünftig arbeiten“, sagt er später. „Ich konnte einfach nicht verstehen, warum nach einigen Jahren als Sänger noch nicht zu den ganz großen Namen gehörte. Ich habe ihn zu mir nach Hause eingeladen, und wir haben uns prima verstanden.“ Mit John Paul Jones findet Page einen passenden Bassisten, Plant empfiehlt seinen Drummer-Kumpel John Bonham – und am 12. August 1968 spielen die vier Musiker von Led Zeppelin dann zum ersten Mal zusammen (alles dazu hier). Der Rest ist Rock’n’Roll-Geschichte vom Feinsten…

Sex & Hobbits

Schon ein halbes Jahr später sorgt das Debüt Led Zeppelin für Furore, in den folgenden Jahren wird das Quartet zu einer der größten und aufregendsten Rockbands aller Zeiten. Ihre Musik gilt als Grundlage für den harten Rock, bietet neben Riffs aber noch viel mehr: Blues, Folk, Country, keltische Musik, Americana, Spurenelemente von Pop, Funk und Reggae und sogar Weltmusik. Texte schreibt Plant zunächst keine, doch anspornt von Page entwickelt er ab Led Zeppelin II (1969) seinen eigenen Stil, der oft mystisch, philosophisch und spirituell klingt. Der Sänger bezieht sich in seinen Worten gerne auf nordische Mythology, walisische Geschichte – und J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe. Anderseits folgt er der Tradition des Blues und der frühen Rock’n’Roller und lässt jede Menge sexuell aufgeladene Zwei- und auch Eindeutigkeiten vom Stapel (man höre etwa The Lemon Song).

Led Zeppelin werden zu weltweiten Stars und leben ein Leben als überlebensgroße Rockgötter. Sie spielen riesige Shows, verdienen eine noch riesigere Menge an Geld und reisen auf Tour sogar in einem Luxusflugzeug. Plant gilt als der archetypische Frontmann, mit überbordendem Selbstbewusstsein, Sex-Appeal und begeisterndem Ausdruck. (Die englische Sprache bietet dafür die wunderbaren Begriffe „bravado“ und „swagger“.) In dieser Rolle können ihm damals höchstens Mick Jagger (The Rolling Stones), Roger Daltrey (The Who) und Jim Morrison (The Doors) das Wasser reichen. Als Songwriter schafft Plant vor allem in Zusammenarbeit mit Jimmy Page unsterbliche Stücke. Doch am 25. September 1980 ist alles vorbei: John Bonham stirbt an den Folgen seines ausschweifenden Lebensstiles. Weil Led Zeppelin von der Chemie genau dieser vier Musiker lebt, löst sich die Band auf. Robert Plant ist da gerade mal 32 Jahre alt.

Den Blick immer, immer nach vorne

Kurzzeitig denkt Plant darüber nach, die Musik hinter sich zu lassen. Angeblich soll er sogar eine Laufbahn als Lehrer an einer Rudolf-Steiner-Schule ins Auge gefasst haben. Rockfans wie wir müssen an der Stelle erstmal schlucken und danken schweigend allen uns sympathischen Gottheiten, denn Plant besinnt sich eines besseren und startet eine erfolgreiche, vielseitige und bis heute andauernde Solokarriere. Dazu redet ihm insbesondere Genesis-Drummer Phil Collins ins Gewissen; später spielen die beiden sogar zusammen. Sein erstes Soloalbum Pictures At Eleven erscheint 1982, bis 1993 folgen fünf weitere. Auf den dazugehörigen Tourneen gehören Stücke seiner alten Band zunächst nicht zum Programm, weil Plant nicht bis in alle Zeiten als „ehemaliger Led-Zeppelin-Sänger“ bekannt sein will.

Über die Jahre kooperiert er trotzdem immer wieder mit seinem Songwriting-Partner Jimmy Page, etwa 1984 in der kurzlebigen All-Star-Truppe The Honeydrippers, die die gemeinsamen R&B-Wurzeln feiert. (Jeff Beck spielt ebenfalls mit.) 1988 wirkt Plant an Jimmy Pages Solowerk Outrider mit, der revanchiert sich auf Now And Zen im gleichen Jahr. 1994 schließlich macht das Duo wieder ganz offiziell gemeinsame Sache als Page & Plant und veröffentlicht das Album No Quarter: Jimmy Page And Robert Plant Unledded, auf dem sie Led-Zeppelin-Stücke im Akustikgewand und mit Weltmusik-Einschlag präsentieren und sogar neues Material schreiben. Die Tour erfreut sich großer Beliebtheit, die Fans wünschen sich (natürlich) eine „richtige“ Led Zeppelin-Reunion, doch zunächst schreiben unsere beiden Helden mit Walking Into Clarksdale (1998) ein neues Studioalbum (alles dazu hier).

Geld ist nicht mehr wichtig

Doch für Robert Plant muss es nicht immer „groß“ sein, denn er gründet die Folk Rock-Truppe Priory Of Brion und spielt für ein, zwei Jahre am liebsten in kleinen Läden. Danach gibt es noch eine neue Band namens Strange Sensation, die mit Dreamland (2002) Blues- und Folk-Songs wiederbelebt und auf Mighty ReArranger (2005) sogar neue Stücke bietet. Das funktioniert so gut, dass dabei vier Grammy-Nominierungen rausspringen. Aber Robert Plant hält sich nie gerne an Erwartungen – und tut sich mit Bluegrass-Musikern Alison Krauss zusammen. 2007 erscheint Raising Sand, und damit gewinnen die beiden sogar mehrere Grammys. Mit über 60 könnte sich der Mann dann theoretisch zur Ruhe setzen, aber das kommt selbstredend nicht in Frage: 2010 veröffentlicht er mit Band Of Joy ein gleichnamiges Album – eine Referenz an seine erste Band mit John Bonham Dekaden vorher. 2012 und 2013 spielt er schließlich mit den Sensational Shape Shifters. (Mal ehrlich: Wenn ihr an der Stelle schon den Überblick über Bands von Robert Plant verloren habt, macht euch nix daraus. Das geht uns auch so.)

Mit all diese vielseitigen Aktivitäten erweitert Plant konsequent seinen künstlerischen Ausdruck, doch der Schatten Led Zeppelin bleibt groß – und das ist nicht mal schlimm, finden wir. Mit den überlebenden Mitgliedern der Band tritt er am 13. Juli 1985 bei Live Aid auf (Phil Collins und Tony Thompson trommeln), außerdem am 15. Mai 1988 beim 40. Jubiläum von Atlantic Records, hier mit Bonhams Sohn Jason am Schlagzeug. Beide Male spielen die Musiker nur wenige Songs mit minimaler Vorbereitung, was Plant mit „Sex mit der Ex-Frau“ vergleicht. Am 10. Dezember 2007 passiert es dann endlich: Led Zeppelin spielen mit Jason Bonham ein zweistündiges Konzert in London (alles dazu hier). Schon im Vorfeld war die mediale Aufmerksamkeit gewaltig, die Show wird ein großes Ereignis (aber angeblich setzt sich Plant danach erstmal alleine in eine Kneipe). Die Nachfrage nach weiteren Gigs überrascht nicht, doch eine Tour mit Led Zeppelin – für 200 Millionen Dollar – lehnt er ab.

Heute hat er sich als Solokünstler etabliert, dessen Liebe zur Musik ungebrochen scheint (und der immer noch eine blonde Löwenmähne trägt). Sein Einfluss auf alle Rockstimmen der Welt ist immens. Die Encyclopædia Britannica schreibt: „Plant übertreibt den Stil und Ausdruck von Blues-Vokalisten wie Howlin’ Wolf und Muddy Waters und kreiert so den Sound, der viel von Hard Rock und Heavy Metal definiert mit großem Stimmumfang, viel Lautstärke und emotionalem Exzess.“ Gut so.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 4.8.1975 hat Robert Plant einen folgenschweren Unfall.

Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

Published on

Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Robert (@dutchramone) am

Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


Jetzt in unserem Store erhältlich:

Ben Harper - Best of Solo Albums & KISSWORLD
Kiss
Best of Solo Albums & KISSWORLD – The Best Of KISS
Ltd. Colour LP

HIER BESTELLEN


Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]