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Popkultur

Zeitsprung: Am 9.2.1964 übernehmen die Beatles die USA – gewissermaßen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 9.2.1964."

von Christof Leim

Als die Beatles am 9. Februar 1964 live im US-Fernsehen auftreten, erweist sich das als entscheidender Moment der Rock’n’Roll-Geschichte. In den Staaten bricht völlige Hysterie aus, nicht wenige heute Rockstars sitzen damals vor dem Fernseher…

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Hört hier in das damals aktuelle US-Album der Beatles rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Der erste Besuch der Beatles in den Vereinigten Staaten wird mit Spannung erwartet: Als die „Fab Four“ am 7. Februar 1964 in New York City landen, nimmt die „Beatlemania“ auch jenseits des Atlantiks ihren Anfang. Dem geplanten Besuch der populären TV-Sendung The Ed Sullivan Show ging ein cleverer Schachzug von Manager Brian Epstein voraus: Statt einem einzigen Auftritt verlangt er gleich drei, um maximale Wirkung zu erzielen, und akzeptiert dafür sogar eine geringere Gage. Am 9. Februar spielen die Fab Four zum ersten Mal in der Sendung – und die USA drehen kollektiv durch.



Sagenhafte 73 Millionen Zuschauer in 23 Millionen Haushalten schauen zu, ein Drittel (!) der damaligen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Eine höhere Einschaltquote war bis dahin noch nie gemessen worden. Für die 728 Plätze im Studio in New York hatte es 50.000 Bewerbungen gegeben. Die Beatles spielen live, nett gekleidet in Anzügen, aber doch unerhört ungezügelt für damalige Verhältnisse. Nur fünf Songs stehen auf der Setlist: All My Loving, Till There Was You und She Loves You im ersten Block, I Saw Her Standing There und die damals aktuelle Single-Nummer-eins I Want to Hold Your Hand. Als die Namen der vier Mittzwanziger einblendet werden, steht bei John Lennon der Hinweis: „Sorry Mädels, er ist verheiratet“. Das stört die schreienden Fans jedoch kein Stück. Die Wirkung der kurzen Darbietung ist immens. Zeugen umschreiben diese TV-Übertragung als den Moment, als die schwarzweiße Welt farbig wird und eine neue Zeitrechnung der Popkultur beginnt, mit der sich die junge Generation nachhaltig von ihren Eltern absetzt.

Die vier Jungs aus Liverpool mit Ed Sullivan – Pic: CBS/Promo

Ein Woche darauf, am 16. Februar, treten die Beatles in Miami erneut in der Ed Sullivan Show auf und erreichen noch einmal 70 Millionen Zuschauer. Vor Ort wird sogar Polizeischutz nötig, damit die Band überhaupt die Bühne erreicht; Epstein und Sullivan nutzen das gleichzeitig vor Ort stattfindende Trainingslager von Muhammad Ali (damals noch Cassius Clay) für zusätzliche Aufmerksamkeit. Ein drittes Gastspiel wird am 23. Februar ausgestrahlt; da sind John, Paul, George und Ringo aber schon wieder im guten alten England gelandet. Ihre Performance wurde am 9. Februar vor dem ersten Liveauftritt aufgezeichnet.



Der Besuch der Beatles in den USA und insbesondere der erste Auftritt in der Ed Sullivan Show haben eine nachhaltige Wirkung auf unzählige zukünftige Rockstars, die genau hier ihre Initialzündung erhalten und fortan Musik machen wollen – am liebsten als einer der Beatles. So singt John Fogerty Jahre später in I Saw It On T.V.:

We gathered round to hear the sound comin’ on the little screen
The grief had passed, the old men laughed, and all the girls screamed
’Cause four guys from England took us all by the hand
It was time to laugh, time to sing, time to join the band.

Tom Petty erklärt gegenüber Guitar World: „Ich glaube, die ganze Welt hat an dem Abend Fernsehen geguckt. Zumindest hat es sich so angefühlt. Wir wussten einfach, dass sich gerade alles ändert. Die Beatles im Radio zu hören, fand ich schon großartig, aber sie live zu sehen, hat mich elektrifiziert.“ Gene Simmons von Kiss schlägt in die gleiche Kerbe: „Ich würde auf keinen Fall tun, was ich so tue, wenn es die Beatles nicht gegeben hätte. Ich habe sie bei Ed Sullivan gesehen, vier schmächtige Jungs, ein bisschen androgyn, mit langem Haar wie Mädchen. Es hat mich umgehauen, dass diese Typen solche Musik machen können.“



Oder Billy Joel: „Der wichtigste Moment, der mich dazu gebracht hat, unbedingt mein Leben als Musiker zu führen, waren die Beatles bei Ed Sullivan.“ Oder Joe Perry von Aerosmith: „Dieser TV-Auftritt war wie ein Feiertag. Ich habe noch nie Typen gesehen, die so cool aussahen, und ich war gar nicht darauf vorbereitet, wie kraftvoll und faszinierend sie rüberkamen. Das hat mich völlig verändert. Am nächsten Tag hat in der Schule niemand über etwas anderes geredet. Die Jungs mussten natürlich möglichst unbeeindruckt tun, weil die Mädchen ganz aufgeregt überall Herzchen hingemalt haben. Aber uns war allen klar, dass wir die Beatles großartig finden.“ Bon Jovi-Veteran Richie Sambora zählte 1964 nicht mal fünf Jahre, und trotzdem öffnete der Abend ihm ebenfalls die Augen: „Ich habe nur gedacht: Wow, das will ich auch machen! Ich wollte einer der Beatles sein, nicht Feuerwehrmann oder Polizist.“



Neun Tage bleiben John, Paul, Ringo und George in den USA. In dieser kurzen Zeit kaufen die Amerikaner mehr als zwei Millionen (!) Beatles-Tonträger und Merchandise für mehr als 2,5 Millionen Dollar. Für den Rest des Jahres 1964 dominieren die „Fab Four“ die US-Charts: Ihr erstes US-Album Meet The Beatles!, eine Kombination aus bisherigen UK-Veröffentlichungen, erreicht Platz, am 4. April 1964 belegt die Band sogar die komplette Single-Top 5.


Es gibt sogar nicht wenige Stimmen, die rundheraus behaupten: Die Beatles haben mit ihrer Ankunft in den USA den Rock’n’Roll gerettet. Schließlich kam von den anderen Größen zu diesen Zeiten nicht viel: Elvis hielt sich 1964 vor allem in Hollywood auf, Chuck Berry saß im Knast, und Little Richard hatte sich noch nicht von seinem Ausflug in die Gospelmusik erholt. Ganz falsch scheint diese These nicht zu sein, und es mag auch andere Künstler gegeben haben, die vor und nach der legendären TV-Show die Pop- und Rockmusik nach vorne gebracht haben. Doch niemand, wirklich niemand hatte die gewaltige Wirkung der Beatles…

Zeitsprung: Am 30.1.1969 spielen die Beatles ihre letzte Show — auf einem Dach.

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Platten

Motown: Die 15 wichtigsten Songs aus der legendären Hitfabrik

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Motown

Gespeist aus einem gewaltigen Backkatalog, der Jahrzehnte umspannt, haben die größten Hits aus dem Hause Motown nicht nur eine Ära definiert: Sie sind dermaßen zeitlos, dass sie längst als Inbegriff des „Classic Pop“ gelten müssen. Dass Berry Gordy es geschafft hat, sein unabhängiges Soul-Label aus Detroit zu einer der bekanntesten Musikadressen der Welt zu machen, ist an sich schon bemerkenswert. Dass die bei Motown veröffentlichten Titel auch nach so langer Zeit zu den bekanntesten und mitreißendsten Aufnahmen der Musikgeschichte zählen, unterstreicht, was für ein einzigartiges Gespür Mr. Gordy hatte. Die 15 Titel, die nun folgen, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.

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15. I Want You (Marvin Gaye)

Das Verlangen überwältigt Marvin Gaye im Verlauf des Titelsongs seines I Want You-Longplayers aus dem Jahr 1976. Produziert von Leon Ware, der außerdem Co-Autor ist, kann sich dieser Song mitunter sogar fast schon zu intim anfühlen, sollte man gerade nicht in Stimmung sein – doch wer bitte ist schon nicht in Stimmung, wenn Mr. Gaye loslegt?

14. Heaven Must Have Sent You (The Elgins)

Die vom Hitmaker-Trio Holland-Dozier-Holland komponierte und produzierte Single sollte für The Elgins der einzige wirklich große Hit bleiben – dabei hätten ihre Ausnahmestimmen deutlich mehr Erfolge verdient. Doch 1966 ein Top-50-Titel in den Staaten, mussten sie auch noch fünf Jahre warten, bis ihr Hit in England die Top-3 knackte. Trotzdem: Auch musikalisch ganz klar ein Geschenk des Himmels!

13. Just My Imagination (Running Away With Me) (The Temptations)

Eine verträumte – genauer: tagträumerische – Ballade, die zugleich als Abschiedsgeschenk von Eddie Kendricks an The Temptations fungierte. Was als Geschichte von einem verblendeten Schwärmer beginnt, verwandelt Kendricks in einen Traum aller Fans. Außerdem war’s ein Abschiedsgruß an den Kollegen Paul Williams, der 1971 aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste.

12. Reach Out I’ll Be There (Four Tops)

Der Monsterhit der Four Tops aus dem Jahr 1966. Levi Stubbs aktiviert jeden Muskel, spannt jede Sehne, belastet seine Stimmbänder aufs Äußerste, um allen Zuhörenden klarzumachen, dass er bereit wäre, sie zu fangen, sollten sie denn einmal fallen. Was für ein Typ. Was für ein Track.

11. My Guy (Mary Wells)

Die etwas wehklagend wirkende Sirene zu Beginn markiert den Auftakt zu jenem Song aus dem Jahr 1964, der damals wie eine Bombe einschlug. Von Smokey Robinson komponiert, war der Song für Mary Wells hinterher auch der größte Motown-Hit – denn wenig später verabschiedete sie sich nach vielen Jahren vom Label. Auch heute klingt der Song immer noch so klar und lebendig wie vor gut 50 Jahren.

10. My Girl (The Temptations)

Die Antwort auf My Guy (Mary Wells) schrieb Smokey mit My Girl: Der nächste große Wurf, der gerade durch das reduzierte Gitarrenspiel von Robert White so unwiderstehlich wird, weil das Motiv so grandios mit David Ruffins Gesang harmoniert. Zärtlich und dabei doch lebhaft, darf dieser Titel als inoffizielle Hymne und Erkennungsmelodie der Temptations gelten.

9. Sir Duke (Stevie Wonder)

Mit seiner Verneigung vor jenen Swing-Jazz-Ikonen, die ihn als Kind inspiriert hatten, lieferte Stevie Wonder im Jahr 1976 einen dermaßen ausgelassenen Titel ab, dass man fast meinen könnte, „Sir“ Duke Ellington persönlich habe ihn eingespielt – nur klang die Single dafür dann doch einen Tick zu funky! Ein großer, fröhlicher, überschwänglicher Platz-1-Kandidat im Jahr 1977.

8. Stop! In The Name Of Love (The Supremes)

Schluss mit den Spielchen, Junge! Denn The Supremes wissen ganz genau, was du da treibst – und der dazugehörige Song funktioniert als Bitte um Besserung und als unüberhörbarer Warnschuss zugleich. Allein wie die charmanten Damen das Wörtchen „charms“ benutzen! Also wenn diese Message nicht bei ihm ankommt, dann kann er nur ein seelenloses Wesen sein. Oder taub.

7. The Tracks Of My Tears (The Miracles)

Noch so ein miracle von Smokey: Dieses vertonte Geständnis war 1965 ein Top-10-Hit in den USA – hätte aber noch deutlich höher in den Charts klettern müssen. Das Problem: Die Dinge sind nicht immer so, wie es scheint. Ein Thema, das er auch mit Tears Of A Clown umkreisen sollte. Sein Leid ist der Stoff für ein Lied, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

6. I Want You Back (Jackson 5)

Die Jungs aus Gary, Indiana drehten mal so richtig auf für ihre erste Tamla-Veröffentlichung: Wie eine Kreuzung aus ganz, ganz jungen Sly And The Family Stone mit den Temptations im Teenager-Alter wirkte das. Veröffentlicht 1969, ganz oben in den Charts im Jahr drauf: Es war die Geburtsstunde eine Legende.

5. What Becomes Of The Brokenhearted (Jimmy Ruffin)

Auch der Bruder des Temptations-Sängers ergriff seine Chance bzw. das Mikrofon: Hier präsentiert er eine eher düstere Geschichte aus dem Land der Verlassenen und Einsamen. Von Anfang an beliebter bei den Briten und Britinnen als in den USA, schaffte es die Single doch immerhin auf Platz 7 der US-Charts. Kein Wunder bei so viel Soul.

4. I Heard It Through The Grapevine (Marvin Gaye)

Marvin Gaye war nicht der erste, der I Heard It Through The Grapevine aufgenommen hat. Auch nicht der erste, der damit die Charts eroberte, denn das hatten vor ihm schon Gladys Knight And The Pips übernommen. Trotzdem ist seine Version, gedrosselt und eindringlich, diejenige, die zum Klassiker werden sollte. Die Single war riesengroß im Jahr 1968. Und sie ist es heute noch.

3. Papa Was A Rollin’ Stone (The Temptations)

Auch diesen Song hatten Undisputed Truth schon im Jahr zuvor eingespielt, aber erst The Temptations machten ihn 1973 zum Mega-Hit. Man sagt, die Bandmitglieder hätten sich zunächst nicht wirklich wohl damit gefühlt, dermaßen abfällig über ihre Papas zu reden – schließlich waren die Väter allesamt ganz anständige Leute. Pure Fiktion also, und fantastisch eingängig verpackt.

2. Someday We’ll Be Together (Diana Ross And The Supremes)

Mit dieser Version des Johnny And Jackey-Duetts aus dem Jahr 1961 verabschiedete sich Diana Ross von den Supremes: Passend dazu klingt der Song denn auch nach Resignation und Hoffnungsschimmer zugleich. Das Arrangement ist dem Original überraschend ähnlich; verantwortlich dafür war Johnny Bristol persönlich, der Johnny also von Johnny And Jackey. Ironisch daran ist vor allem, dass die Supremes genau genommen gar nicht mitsingen. Denn man hört nur Diana Ross, deren Stimme von Mr. Bristol immer höher und höher getrieben wird.

1. Ain’t No Mountain High Enough (Marvin Gaye & Tammi Terrell)

Die Bergspitze des Sixties-Pop, einer der größten Soul-Tracks aller Zeiten, und für viele Menschen auch ganz klar: der Höhepunkt der Motown-Ära. Der von Ashford & Simpson komponierte Song vereint Gospel-Wurzeln mit himmlischem Soul – in einem Arrangement, das sich aus seichten Tälern bis in luftige Höhen erhebt. Marvin und Tammi klangen nie besser als hier, weder zusammen noch als Solokünstler. So leidenschaftlich. So ambitioniert.

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Motown Records: Vom Party- zum Protest-Sound einer ganzen Generation

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Zeitsprung: Am 16.5.2010 verstirbt der große Ronnie James Dio.

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Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 16.5.2010.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 16. Mai 2010 verstummt eine der größten Stimmen des Hard Rock und Heavy Metal: Ronnie James Dio erliegt im Alter von 67 Jahren einem Magenkrebsleiden. Mit den Bands Rainbow, Black Sabbath und seiner eigenen Formation Dio hat der Sänger beide Genres über Jahrzehnte hinweg mit seinem Göttergesang geprägt wie kaum ein anderer. Ganz zu schweigen von der Einführung einer szenetypischen Handgeste und einem Faible für Fantasy-Texte….

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Hier könnt ihr euch Dios größte Solohits in der Livefassung anhören:

Auf die Welt kommt Ronald James Padavona am 10. Juli 1942 in Portsmouth, New Hampshire, seine Kindheit verbringt er in Cortland, New York. Zur Musik kommt der Junge zunächst durch eine klassisch orientierte Ausbildung an der Trompete. Bass und seine legendäre Kernkompetenz, der Gesang, gesellen sich erst später zu seinem Repertoire. Zunächst verfolgt er seinen Musikertraum in Schultanzkapellen und später in diversen Rock’n’Roll-Gruppierungen, ab 1960 gibt es sich den Mafioso-inspirierten Künstlernachnamen Dio. 


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Von Elfen und Trompeten

Anfang der Siebziger wird es dann wirklich ernst. Im August 1972 veröffentlich Dio mit seiner langjährigen Band Elf den ersten gleichnamigen Langspieler, der noch irgendwo zwischen Blues und Pub-Rock pendelt. Trotz Deep Purple als prominenten Paten und Unterstützern bringen Elf zwar auf drei Platten, schaffen den großen Durchbruch aber nicht. Dafür ist Deep-Purple-Gitarrist Ritchie Blackmore derart von Dio begeistert, dass er den Sänger und den Rest von Elf (minus den Gitarristen) als Begleitmusiker für seinen ersten Albumalleingang Ritchie Blackmore’s Rainbow (1975) engagiert – und nach dem Ausstieg bei Deep Purple zu seiner neuen Soloband macht. Im Verlauf von drei gemeinsamen Alben, unter dem verkürzten Namen Rainbow (etwa Long Live Rock’n’Roll  und On Stage) finden Dios Ausnahmestimme und seine Leidenschaft für Drachen und andere Fantasyfiguren ihre hart rockende Spielwiese.

Mit dem als schwierig geltenden Blackmore kommt es 1979 jedoch zum Streit. Als glückliche Fügung gestaltet es sich, dass Black Sabbath just ihren Sänger Ozzy Osbourne rausgeworfen haben und ihr Gitarrist Tony Iommi mit Dio bereits bekannt ist und zusammenarbeiten möchte. Die neu geschmiedete stählerne Allianz entfacht mit dem 1980 erscheinenden künftigen Klassiker Heaven And Hell nicht nur einen gehörigen kreativen Funkenschlag, sondern schafft es auch, die seit Ende der Siebziger stilistisch und qualitativ strauchelnden Black Sabbath für eine neue metallische Dekade fit und gleichermaßen relevant zu machen. 

Die Pommesgabel

Während seiner Zeit mit Black Sabbath bringt Dio auch (s)ein ultimatives metallisches Markenzeichen ins Spiel. Die sogenannte „mano cornuta“, italienisch für „gehörnte Hand“, und heute gemeinhin als „Pommesgabel“ bekannt, wird schnell zum neuen Heavy-Metal-Wahrzeichen und globalen Erkennungsgruß unter der wachsenden Krachmusikgemeinde. Musikalisch und menschlich leben sich der Sänger und Black Sabbath jedoch schneller auseinander, als es den (neuen) Fans lieb ist. Nach lediglich zwei Studio- und einem Livealbum geht man – zunächst – wieder getrennter Wege. 

Dio gründet im direkten Anschluss mit Schlagzeuger Vinny Appice, Gitarrist Vivian Campbell und Bassist Jimmy Bain die Band, die seinen Namen trägt. Deren Debüt Holy Diver gerät 1983 zum gefeierten Erfolg und bildet den Grundstein einer Solokarriere, die vom Zweitwerk The Last In Line (1984) bis zur 2004er-Veröffentlichung Master Of The Moon zehn Studioalben umfasst. Insbesondere in den Achtzigern sind Dios Songs nicht nur für alle Tolkien-Jünger und Rollenspiel-Fans ein Traum. Vielmehr gestaltet der Sänger mit wechselnden musikalischen Mitstreitern das Bild vom hymnischen Achtziger-Metal maßgeblich mit und stellt zudem die Weichen für das Schwertschwinger-affinste Subgenre: Power Metal.

Himmel und Hölle

An die Erfolge der fruchtbaren Symbiose mit dem Black-Sabbath-Lager kann der grazile Mann mit der großen Stimme ebenfalls noch zwei Mal anknüpfen. Zunächst kreuzen sich die Wege von Dio, Schlagzeuger Vinny Appice und der Hälfte der Sabbath-Urbesetzung aus Tony Iommi und Geezer Butler für das gemeinsame Black-Sabbath-Album Dehumanizer im Jahre 1992 erneut. 2009 erlebt dieselbe Konstellation mit der Platte The Devil You Know unter dem neuen Bandnamen Heaven & Hell einen zweiten Frühling. Gefeierte Tour- und Festivalauftritte wie etwa der vom Wacken Open Air 2009 (welcher sich nachträglich als letzter Auftritt von Ronnie James Dio auf dem europäischen Festland entpuppen wird) lassen einen neuen Lauf für die Formation erhoffen. 

Rest in peace: Ronnie James Dio – 1942-2010. Foto: Gene Kirkland/Warner/Promo

Dann kommt die verheerende Krebs-Diagnose. Bis zum Schluss plant der Erkrankte eine baldige Rückkehr auf die Bühne und bucht Termine mit Heaven & Hell um. Doch am 16. Mai 2010 erliegt er schließlich im Alter von 67 Jahren seinem Krebsleiden. Ein Tag, an dem die Welt des Metal und der Musik allgemein kollektiv trauert. Gedenkaktionen wie etwa die Umbenennung von Festivalbühnen zu Ehren des Meisters sind in Folge an der Tagesordnung, ebenso Tribute-Bands oder einfach neue Zusammenschlüsse von ehemaligen Weggefährten, etwa in Last In Line oder Dio Disciples. Sogar als Hologramm erfährt Dio inzwischen gelegentlich seine Wiederauferstehung auf der Bühne, was ihn auf Augenhöhe mit anderen toten Projektionsstars wie Elvis, Roy Orbison oder Tupac Shakur erhebt, die Fans aber auch polarisiert. Die Dinge gestalten sich eben komplizierter, wenn man schon zu Lebzeiten eine Lichtgestalt ist… 

Zeitsprung: Am 17.4.1980 feiern Black Sabbath mit Dio Premiere – in Ostfriesland.

 

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Zeitsprung: Am 15.5.1959 kommt Andrew Eldritch (Sisters Of Mercy) zur Welt.

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Andrew Eldritch

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.5.1959.

von Timon Menge und Christof Leim

Rabenschwarze Haare, ein unvergleichlicher Bariton und Wangenknochen, die jedes Topmodel vor Neid erblassen lassen: Als „Godfather Of Goth“ hat Andrew Eldritch von den Sisters Of Mercy dabei geholfen, die Regeln für eine ganze Szene zu schreiben – auch wenn er diesen Spitznamen nicht gerne hört. Am 15. Mai feiert er Geburtstag.

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Hört hier in die besten Songs der Sisters Of Mercy rein:

Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.

Eigentlich beginnt Eldritchs musikalisches Leben als Trommler. Am 15. Mai 1959 unter dem Namen Andrew William Harvey Taylor in der englischen Kleinstadt Ely geboren, studiert er zunächst französische und deutsche Literatur in Oxford. Gegen Ende der Siebziger zieht es ihn nach Leeds, wo er Kurse in Mandarin besucht. Zwar schließt er keinen seiner Studiengänge ab, spricht aber bis heute fließend Französisch und Deutsch, hat Kenntnisse in Niederländisch, Italienisch, Russisch, Serbokroatisch sowie Latein. Eine kleine Beruhigung für alle Menschen mit normal ausgebildetem Sprachtalent: Mandarin, also im Wesentlichen Chinesisch, konnte sich sogar Eldritch nicht merken.

Bereits zu Studienzeiten treibt er sich als Schlagzeuger in der Punkszene von Leeds herum. Im Jahr 1980 trifft er Gary Marx, gemeinsam gründen die beiden die Sisters Of Mercy. Der Grund: Die Musiker möchten sich gerne in der Radiosendung von DJ-Legende John Peel hören. Auf der ersten Single Damage Done/Watch/Home Of The Hit-Men trommelt Eldritch noch, übergibt den Job aber schnell an einen Drumcomputer, der fortan unter der Bezeichnung Doktor Avalanche läuft. (Über die Jahre ändern sich die verwendeten Geräte immer wieder, bis die Gruppe schließlich auf Notebooks umsteigt.) Zu jener Zeit steigt auch Bassist Craig Adams ein. Eldritch kann sich nun voll auf seinen Gesang konzentrieren — ein musikalisches Element, dass die Sisters zukünftig maßgeblich prägen wird.



Nach zahlreichen Besetzungswechseln, der Gründung des hauseigenen Labels Merciful Release, ein paar Singles, darunter das erfolgreiche Temple Of Love von 1983,  sowie zwei EPs erscheint 1985 das Debüt First And Last And Always. Es verhilft der Gruppe in Großbritannien aus dem Stand auf Platz 14 der Charts.



Im Rahmen der letzten Änderung des Line-ups steigt Gitarrist Wayne Hussey (The Mission, Dead Or Alive) ein, gemeinsam definieren er und Eldritch den vorläufigen Sound der Sisters. Nach der Albumveröffentlichung kommt es jedoch zum Streit und zur kurzfristigen Auflösung, nur Eldritch bleibt übrig. Der Ruhm setzt ihm zu, vor allem seine vermeintliche Rolle als alleiniger Begründer des Gothic Rock.



Zwei Jahre später schließt sich Eldritch mit Bassistin Patricia Morrison zusammen. 1987 folgt die Scheibe Floodland, deren erste Single-Auskopplung This Corrosion den ersten Hit der Sisters markiert. Doch auch Morrison bleibt nur zwei Jahre an Bord, ihr musikalischer Beitrag zur Gruppe ist umstritten. So gibt Eldritch 1992 zu Protokoll: „Ich dachte damals, dass es unhöflich und nicht sehr hilfreich sei, wenn ich öffentlich bekannt gebe, dass sie keinen einzigen Song geschrieben und die Stücke auch nicht im Studio eingespielt hat. Oder dass sie während der ganzen Zeit in der Band nie eine Gitarre in der Hand hatte, außer für Musikvideos. Kein Wunder, dass sie nicht richtig spielen konnte, wenn es mal gefordert war.“ Die Streitigkeiten führen zu einer Gerichtsverhandlung zwischen den beiden. Das Ergebnis: eine Geheimhaltungsvereinbarung.

Die einzige Konstante bei den Sisters Of Mercy (außer dem Drumcomputer): Andrew Eldritch 1993

Wenig später siedelt Eldritch nach Hamburg um, wo er den deutschen Gitarristen Andreas Bruhn kennenlernt. Bassist Tony James und Gitarrist Tim Bricheno vervollständigen die Band. 1990 veröffentlichen die Sisters Of Mercy mit Vision Thing ihr drittes Album. Einzige personelle Konstanten seit den Anfängen: Andrew Eldritch und Doctor Avalanche. Mehrere Singles werden ausgekoppelt, vor allem der von Meat-Loaf-Stammkomponist Jim Steinman mitverfasste Song More läuft im Musikfernsehen rauf und runter.



Vision Thing bleibt bisher (Stand: 2019) das letzte Studioalbum der Sisters Of Mercy – aus Prinzip. Die Gruppe protestiert gegen ihren Plattenvertrieb und weigert sich, neue Musik aufzunehmen. 1992 und 1993 erscheinen noch zwei Compilations. Anschließend schlagen Eldritch und seine wechselnden Begleiter den Weg einer reinen Live-Band ein und touren, was das Zeug hält.

Die Sisters zu Zeiten von „Vision Thing“

Weil er aus vertraglichen Gründen keine Platten unter seinem eigenen Namen auf den Markt bringen darf, agiert der Frontmann während der Neunziger unter verschiedenen Pseudonymen, zum Beispiel Paris Riots oder Leeds Underground. Er bewegt sich nun im Technobereich, zu einer Veröffentlichung kommt es aber nicht. Erst 1997 spielt er unter dem Namen SSV ein Album namens Go Figure ein, das zur Folge hat, dass die Plattenfirma Time Warner die Sisters Of Mercy aus ihrem Vertrag entlässt. Der vollständige Name seines neuen Projektes lautet SSV-NSMABAAOTWMODAACOTIATW, eine Abkürzung für: „Screw Shareholder Value – Not So Much A Band As Another Opportunity To Waste Money On Drugs And Ammunition Courtesy Of The Idiots At Time Warner“. Touché. Eine offizielle Veröffentlichung bleibt aus.

Um sich von seinem Gothic-Image zu lösen, blondiert sich Eldritch die Haare, später rasiert er sie vollständig ab. Interviews gibt er nur selten, neue Sisters-Studioalben bleiben bis heute außer Sicht. Und in der Tat: Ruft man auf der Website der Sisters Of Mercy heute den Menüpunkt „Record News“ auf, öffnet sich eine kryptische Fehlermeldung.

Andrew Eldritch 2009 – Pic: Mendor/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 27.7.1986 sticht ein Mann bei einem The-Cure-Konzert auf sich ein.

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