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Popkultur

So war’s: Gene Simmons live in Oberhausen 2018

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"Gene Simmons kennen wir natürlich alle als Schlabberzunge von Kiss. Nun spielt er zum ersten Mal als Solokünstler in Deutschland – ohne Maskerade, mit eigener Band und mit einer halbspontanen Setlist aus Klassikern und Schätzchen. Wir haben uns das Konzert am 20. Juli in der Oberhausener Turbinenhalle angesehen.

von Christof Leim

Hier könnt ihr in die Setlist des Abends reinhören:

Klickt auf “Listen” für das volle Programm.

Gene Simmons verfolgt seit jeher unzählige Projekte außerhalb von Kiss, der legendären Hard Rock-Combo mit Schminke, Feuer und großer Show. So wollte er lange Zeit als Schauspieler Fuß fassen, er engagierte sich als Produzent, Autor, Songwriter, Reality-TV-Objekt, Merch-Mogul und genereller Geldscheffler. Nur als Solokünstler ist der 68-Jährige bis vor kurzem noch nicht aufgetreten – im Gegensatz zu seinem Kiss-Kollegen Paul Stanley, der bereits 1989 und 2006 unter eigenem Namen getourt war. Im vergangenen Jahr jedoch stellte der Bassist und Sänger die Gene Simmons Band zusammen, mit der er nun zum ersten Mal in Deutschland spielt. Dazu hat ihn das Magazin Rocks eingeladen, das in Oberhausen sein zehntes Jubiläum feiert.

Das „Rocks“-Magazin hatte zum Jubiläum geladen

Es ist unfassbar heiß in der Turbinenhalle, als die Sause am frühen Abend startet. Viele Fans stehen deshalb lieber im Flur oder sogar draußen, als die russischen Melodic-Rocker Reds’ Cool loslegen. Es folgen die Briten The Brew, bei denen vor allem der Drummer mit durchschlagendem Einsatz glänzt, bevor Thunder schließlich zeigen, dass man als klassische Rockband mit Stil reifen kann. Danny Bowes mag mit den kurzen grauen Haaren ein bisschen aussehen wie ein Erdkundelehrer, aber der Mann singt so großartig, als wäre irgendwann vor zwei Dekaden die Zeit stehen geblieben. Und tolle Songs wie Low Life In High Places sind allgemein verstandene musikalische Tatsachen: Sie funktionieren eben.

Natürlich sind die meisten Gäste wegen Gene Simmons gekommen. Das belegen die überproportional vielen Kiss-Shirts, manche Fans haben sich sogar das ikonische Schwarz-Weiß-Makeup ins Gesicht gemalt, und immer wieder erschallt irgendwo der Schlachtruf „You wanted the best, you got the best“. Für seine Soloshows verzichtet Gene auf sämtliches Brimborium, sein Dämonen-Charakter bleibt ebenso zu Hause wie aufwändige Bühnenaufbauten: Hinten eine kleine Wand aus Gitarren- und Bassverstärkern, ein Schlagzeug in der Mitte und vier Mikros – fertig. Nur die beiden hüfthohen grauen Kästen vorne fallen aus dem Rahmen: Der feuerspuckende „God Of Thunder“ hat sich heute Klimaanlagen mitgebracht, die kalte Luft auf die Bühne blasen.

Ziemlich entspannt und ohne Inszenierung tritt Simmons dann vor das Publikum, in schwarzer Lederhose, schwarzem Sakko und mit der unnachahmlichen Lord Helmchen-Frisur. Rasch setzt er sich seine Sonnenbrille auf, lässt sich einen Bass reichen, und los geht’s mit Deuce, dem bewährten Opener unzähliger Kiss-Shows, den das Ur-Line-up der Band bereits vor 45 Jahren bei der ersten Probe gespielt hatte. Simmons’ Mitmusiker lassen sich dabei nicht lumpen, die drei langhaarigen Gitarristen im bestem Rock’n’Roll-Gypsy-Styling posen wie die Weltmeister. Natürlich knallt das, natürlich steht den Kiss-Fans dabei ein erstes Grinsen ins Gesicht geschrieben, ganz zu schweigen von der Freude darüber, dass hier eine Rocklegende ein verhältnismäßig kleines Hallenkonzert spielt. Nach dem Song begrüßt Gene das Publikum erstmal mit einer paar lockeren Sprüchen auf Deutsch. Er lässt sich bejubeln und filmt das sogar in aller Seelenruhe mit seinem Smartphone, das auch beim Gig in der hinteren Hosentasche steckt. Eilig hat er es nicht, was gleich klar macht, dass heute Abend kein Programm einfach runtergeballert wird.

Beste Unterhaltung: Gene Simmons mit seiner Soloband. Pic: Axel Jusseit

Das nächste Stück stammt vom Gene Simmons Vault, dem „größten Boxset aller Zeiten“, wie der Chef mit Nachdruck verkündet: Are You Ready erweist sich als generischer, aber amüsanter Rocker zwischen All Right Now und Heaven’s On Fire. Den können die Fans ohne Probleme mitsingen, obwohl die Nummer noch nicht in großem Stil veröffentlicht wurde. Anschließend greift Simmons in die große Kiss-Kiste mit den Hits und den Schätzchen: Zunächst glänzt Shout It Out Loud mit einem dreistimmigem Chor (die Einsätze von Paul Stanley teilen sich dabei die Gitarristen), dann macht Parasite überraschend viel Druck.

Die offizielle Setlist – aber dann kommt es doch anders…

Verpflichtend scheint die Setlist heute nicht zu sein, denn Simmons und seine Truppe spielen, was ihnen einfällt. Entweder schlagen die Musiker ihrem Boss ein Stück vor oder der ruft ungewöhnliche Nummern aus. Manchmal reagiert er sogar auf Zurufe aus dem Auditorium. Dann folgt eine kurze Frage an seine Mitstreiter („Do you know this one?“), und los geht’s. Das verleiht dem Abend eine angenehme Lockerheit; es macht Spaß, Seltenes wie She’s So European und härtere Spätwerke wie Unholy zu hören, selbst wenn das Quintett die Songs nicht immer bis zum Ende bringt.

Credit: Oliver Niklas

Für Do You Love Me? lädt Gene schließlich zwei Dutzend Damen auf die Bühne ein, die ihn mit hohen Stimmen unterstützen sollen. Auch hier übernehmen die Gitarristen wechselweise die Passagen von Paul Stanley, Gene singt nur im Chorus und amüsiert sich ansonsten über diese Einlage. Eine Fan-Dame fällt dem Bassisten besonders auf, weil sie sein markantes Make-up trägt. Simmons bittet sie ans Mikro, nachdem alle anderen Mädels die Bühne schon wieder verlassen haben. Er fragt sie nach ihrem Namen und muss lachen. Das Mädel heißt tatsächlich: Gina. Sie darf (eher: muss) I Was Made For Lovin’ You singen und schlägt sich ziemlich gut. Gene amüsiert sich weiter königlich.



Bisher standen mit Ausnahme von Are You Ready nur Kiss-Songs auf der Agenda, jetzt erhalten wir eine Geschichtsstunde: „Vor Peter Maffay“, beginnt Simmons einen kleinen Vortrag, „vor Die Toten Hosen, vor Die Ärzte, sogar vor Nena und Dschingis Khan, auch vor den Beatles, Led Zeppelin und Kiss, vor allen diesen Bands gab es schon die Urväter: Little Richard, Chuck Berry und Fats Domino. Sie haben den Rock’n’Roll erschaffen.“ Diesem Vermächtnis zollt die Truppe nun mit einer flotten Version von Little Richards’ Long Tall Sally Tribut. Welchen Einfluss diese „Ursuppe“ auf die Welt von Kiss hatte, zeigt sich im folgenden Let Me Go, Rock’n’Roll sehr deutlich.



Im Set finden sich weitere alte Schlachtrösser: Watchin’ You von 1974 zum Beispiel oder War Machine von 1982, bei dem damals ein junger Songwriter namens Bryan Adams mitgeschrieben hatte. Gene hält immer wieder kleine Schwätzchen mit dem Publikum und verspricht sogar, die „Arschloch-Sonnenbrille“ auszuziehen (seine Worte, nicht unsere). Seine Band fordert er auf, sich selber vorzustellen, den deutschen Fans dürfte vor allem Drummer Brent Fitz aus der Band von Slash bekannt sein.

Wirklich interessant wird es, wenn der Griff  in die Kuriositätenkiste geht: Das Instrumental Love Theme From Kiss vom Debüt hört man nicht oft, ebensowenig I vom umstrittenen 1981er-Konzeptalbum Music From (The Elder)Charisma von der Discoplatte Dynasty (1979) klingt live wesentlich rockiger, ebenso Radioactive, der einzige Track von Genes Soloalbum von 1978. Für I Love It Loud darf dann eine Horde Jungs auf die Bühne, um die „Yeah Yeah!“-Chöre mitzugrölen, bevor es wieder spontan wird: Die Band spielt Domino und Almost Human an und muss Ladies Room abbrechen. Simmons stört das nicht: „Ich weiß nicht mehr, wie das geht, und ich habe die Nummer geschrieben!“ Dafür gelingt Goin’ Blind sehr ergreifend. Bei dessen hoher Gesangslinie muss sich Gene ein wenig mehr anstrengen, eine Blöße gibt er sich nicht.



All The Way vom zweiten Album steht zwar regulär auf der Setlist, doch das lässt der Boss heute mit den Worten „Let’s skip that!“ weg. Stattdessen beenden Calling Dr. Love und natürlich Rock And Roll All Nite eine äußerst unterhaltsame Show. Man merkt, dass Gene Simmons es genießt, ohne großes Theater einfach Musik zu machen. Und die Kiss-Songs funktionieren auch so. Vielleicht sollte er Konzerte wie heute einfach öfter geben…

Credit: Oliver Niklas

 


Setlist:

Deuce
Are You Ready
Shout It Out Loud
Parasite
She’s So European
Unholy**
Do You Love Me?
I Was Made For Lovin’ You**
Long Tall Sally (Little Richard)
Let Me Go, Rock ‘N’ Roll
Watchin’ You
Love Theme From Kiss
War Machine
I
Charisma
Radioactive
I Love It Loud
Domino**
Ladies Room**
Almost Human**
Goin’ Blind**
Calling Dr. Love
Rock And Roll All Nite
(**nicht auf der Setlist, zum Teil nur angespielt)

Headerbild Credit: Axel Jusseit

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„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

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