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Popkultur

So war’s: Metallica live in Leipzig 2018

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"Mit der Worldwired-Tour sind Metallica noch lange nicht fertig: Ein halbes Jahr nach den ersten Deutschlands-Shows zur Platte rollt die Metal-Maschine wieder durch Europa. Mit dabei sind erneut die Norweger Kverlertak. Wir haben uns die Sause am 30. April 2018 in Leipzig angesehen.

von Christof Leim

Die Setlist könnt ihr hier nachhören:

Zur ganzen Playlist klickt auf “Listen”.

Länger als zwei Wochen am Stück gehen Metallica nicht mehr auf Tour. Familie, Kinder und das wirkliche Leben sollen nicht wie früher ständig zu kurz kommen, also kehren die vier Herren Mitte 50 immer wieder zwischendurch nach Hause zurück. Lars Ulrich bezeichnet seine Band sogar gerne als die ultimative „man cave“, den besten Hobbykeller überhaupt, weil er sich hier zurückziehen und Spaß haben kann. Das klingt als Beschreibung der erfolgreichsten Metal-Kapelle der Welt zwar befremdlich, aber letztendlich auch logisch.

Das heißt jedoch keinesfalls, dass Metallica nicht fleißig sind: Die Band ist auf der Bühne groß geworden, Konzerte weltweit gehören weiter zum Geschäft. Für Fans bedeutet das, dass Metallica regelmäßig zurückkehren und immer mal wieder irgendwo in Deutschland spielen. Das ist eigentlich recht angenehm, man muss nur manchmal etwas länger warten. So kommt es auch, dass die kalifornischen Thrash-Legenden nach den ersten Deutschland-Konzerten zum aktuellen Album Hardwired…To Self-Destruct in Köln im vergangenen September gefühlt „schon wieder“ durch die Lande rollen. Neben den üblichen größten Hallen in den großen Städten wie München oder Hamburg steht diesmal Leipzig auf dem Tourplan.

Doch vor der Krachmusik gibt kommt zunächst eine gute Tat: Metallica haben es sich zur Angewohnheit gemacht, mit ihrer Stiftung „All Within My Hands“ (www.allwithinmyhands.org) Geld zu sammeln und in jedem Ort der Tour etwas an das örtliche Gemeinwesen zurückzugeben. Heute können sie sage und schreibe 12.000 Euro an die Leipziger Tafel überreichen – Applaus!

Leipzig zeigt sich schön warm an diesem Abend, entspannt wirken die Horden in schwarzen Shirts vor der Tür der Arena. Natürlich wird das heute keine kleine Show, aber Metallifans haben schon mehr Gedrängel erlebt und mussten schon weiter von der Bühne entfernt stehen. Sehr schön. Apropos Bühne: Die befindet sich bei Metallica seit mehr als zwei Dekaden in der Mitte der Halle, was optimale Sicht aus allen Richtung garantiert. Erneut hängen große Quader unter der Decke, auf denen später Videos und Bilder zu sehen sein werden. Das Ganze sieht cool und ungewöhnlich aus, selbst wenn die meisten es mittlerweile kennen dürften.

Gewohnt spektakulär: Die Metallica-Bühne

Zunächst müssen sich Kverlertak auf dem großen Quadrat beweisen. Einfach ist das nicht, eine Band muss umdenken, aber die sechs Norweger hatten als Support für die meisten Europa-Shows der vergangenen Monate Gelegenheit zum Üben. Und tatsächlich schaffen sie es, die gesamte Fläche zu nutzen und das Auditorium in alle Richtungen zu bedienen. Zumindest, was die physische Präsenz angeht, denn musikalisch kann die Truppe den sprichwörtlichen Funken nicht entzünden. Das mag daran liegen, dass viele Besucher die Kapelle nicht kennen, oder daran, dass die rüde, aber eigenständige Mischung aus Rock, Punk und Extrem-Metal besser im Club funktioniert. Für die die große Halle fehlen der Band vor allem aber ein Quäntchen Charisma und bessere Songs. Zudem hatten womöglich Frontmann Erlend Hjelvik oder der Soundtechniker einen schlechten Tag, denn der auf einen Ton beschränkte und selbst für dieses Genre ausdruckslimitierte Röchelgesang hilft bei alledem wenig. Kann passieren, Schwamm drüber.



Metallica starten eine halbe Stunde später mit dem gewohnten Doppel aus Hardwired und Atlas, Rise!, gefolgt vom ebenso unverwüstlichen wie unvermeidlichen Frühwerk Seek & Destroy. Das knallt, das sitzt, das geht ab. Die Musiker legen mit viel Schwung vor, souverän und eingespielt, angeführt von James Hetfield, der ständig ein neues Mirko ansteuert und sich damit einer neuen Ecke der Halle zuwendet. Die Fans kennen das Spielchen: Die Setlist besteht zum einen aus strategisch platzierten Standards, zum anderen aus Schätzchen aus der zweiten Reihe, neuem Material und handfesten Überraschungen. Eine solche folgt erneut auf Platz vier: The Shortest Straw von …And Justice For All, selten gespielt und in seiner Komplexität auch nicht mal eben aus dem Handgelenk zu schütteln. Man merkt der Band an, dass sie sich hier konzentrieren muss, und dem Publikum, dass nicht jeder die Nummer im Kopf hat. Der epische Gassenhauer Fade To Black reißt es wieder raus, bevor mit Now That We’re Dead der „große Rock-Song“ der neuen Platte folgt. Mittendrin fahren vier hüfthohe Blöcke aus dem Bühnenboden, die sich als elektronische Trommeln erweisen, auf denen die Musiker unisono einen knackigen Rhythmus hämmern – coole Einlage.



Die vier Musiker wirken alle gut gelaunt und haben Spaß an der Arbeit. James Hetfield spricht oft von der „Metallica-Familie“ und begrüßt junge Fans in der ersten Reihe: „Wie alt bist du? Zwölf? Ich habe als Zwölfjähriger keine einzige Metallica-Show gesehen!“) Das folgende Confusion widmet er dann „those who serve“, also Militärangehörigen, was sich auch in den Filmsequenzen widerspiegelt, die über die großen Videoquader unter der Decke laufen. Was allerdings gar nicht läuft, ist der Song: Die fast siebenminütige Nummer zieht sich, will nicht grooven und nicht zünden. Das gleiche Schicksal widerfährt dem neuen und ohne Not acht Minuten langen Halo On Fire. Man muss es sagen: Es wird langweilig. Glücklicherweise steht das unkaputtbare Schlachtross For Whom The Bell Tolls dazwischen. Für Abwechslung sorgt ebenfalls die Soloeinlage von Leadgitarrist Kirk Hammett und Bassist Rob Trujillo: In jeder Stadt geben die beiden einen bekannten Song Klassiker zum Besten, gerne mit regionalem Bezug wie etwas Skandal Im Sperrbezirk in München. In Leipzig jedoch greifen sie auf den Accept-Klassiker Balls To The Wall zurück und stimmen auch Anesthesia (Pulling Teeth) an, das legendäre Solo der verstorbenen Metallica-Basslegende Cliff Burton an. Sein Gesicht auf den Quadern erntet eigenen Applaus.



Es folgen mit dem Budgie-Cover Breadfan und dem Mitsingfest The Memory Remains zwei weitere Überraschungen, bevor mit Moth Into Flame einer der Höhepunkte von Hardwired…To Self-Destruct erklingt. Hierbei steigen wie schon im Vorjahr zwei Dutzend leuchtende Drohnen aus dem Bühnenboden und kreisen über den Musikern – beeindruckend. Das in letzter Zeit nicht mehr regelmäßig ausgegrabene Sad But True im Anschluss stampft alles kaputt (herrlich!), bevor Metallica auf die Zielgerade einbiegen – und die Spur verlieren. Natürlich sorgen die Ausschnitte aus dem Film Johnny Got His Gun im Intro von One für Gänsehaut, natürlich singen alle mit, natürlich ist das ein verdammter Hit. Aber vielleicht wird die Band gerade müde, vielleicht haben die Herren den Song zu oft gespielt, vielleicht bleibt das Publikum zu ruhig. Was auch immer es ist, das Ganze schwimmt und eiert plötzlich. Sogar Master Of Puppets, der am häufigsten live gespielte Song der Metallica-Historie, will nicht so majestätisch ins Hirn brettern wie sonst. Glücklicherweise kann man das Ding notfalls auf einem Kamm blasen, und es kommt immer noch einigermaßen cool.



Dem Wunsch nach Zugabe tut das alles keinen Abbruch, den die Band mit dem brutalen Spit Out The Bone gerne bedient. Und plötzlich stimmt wieder alles. Oder kurz gesagt: Was ein Brett! Es fehlen jetzt nur noch Nothing Else Matters und Enter Sandman, die beiden immergrünen Megahits, und fertig ist die Sause.



Es mag nicht der beste Gig der Tour gewesen sein, auch nicht das wildeste Publikum und sowieso nicht für jeden Fan die optimale Setlist. Die fette Produktion mit der mittigen Bühnen, den Drohnen, den Leuchtquadern und den Feuerfontänen dürften zudem viele mittlerweile schon gesehen haben. Aber eines fest steht: Das war eine große, fette, bunte, ehrliche Metal-Show, wie nur wenige Bands sie hinbekommen. Und Lars Ulrich twittert im Anschluss sogar ein Dankeschön an die deutschen Fans:

Die üppige offizielle Fotogalerie der Band findet ihr hier.


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Vor 55 Jahren feierten Simon & Garfunkel mit „Mrs. Robinson“ eine Nummer eins

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Simon & Garfunkel HEADER
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Am 1. Juni 1968 landeten Simon and Garfunkel mit Mrs. Robinson auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboard Hot 100 Charts — und blieben dort drei Wochen lang. Wir werfen einen Blick auf die Entstehung des Songs.

von Markus Brandstetter

Es ist einer der größten Songs der Popgeschichte — und entstand zu einem guten Teil sozusagen aus Verlegenheit. Geschrieben hatte Paul Simon den Song eigens für den 1967 erschienenen Film The Graduate. Ganz einfach war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Mike Nichols nicht — dieser hatte nämlich zwei andere Songvorschläge abgelehnt.

Zähe Soundtrack-Zusammenarbeit

Simon hatte ihm zwei Stücke namens Punky’s Dilemma und Overs vorgespielt, so richtig enthusiastisch stimmen Nichols die Songs allerdings nicht. Der Sänger und Songschreiber hatte noch etwas in der Tasche: einen Entwurf eines Stücks namens Mrs. Roosevelt (so der Arbeitstitel des Stücks, der sich ursprünglich auf die Politaktivisten und Ehefrau des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Eleanor Roosevelt bezog. Dass der Song dann auf Mrs. Robinson umgetauft wurde, macht Sinn — schließlich heißt so der weibliche Hauptcharakter des Films. Die Geschichten, wie es dazu kam, variieren indes ein wenig.

„Paul hatte an dem Song gearbeitet, der jetzt Mrs. Robinson heißt, aber es gab keinen Namen darin und wir füllten ihn einfach mit irgendeinem dreisilbigen Namen. Und wegen des Charakters in dem Film fingen wir einfach an, den Namen Mrs. Robinson zu verwenden, weil er passte […]“, erinnerte sich Art Garfunkel einmal. Eines Tages saßen wir mit Mike zusammen und sprachen über Ideen für einen weiteren Song. Und ich sagte: Wie wäre es mit Mrs. Robinson? Mike schoss auf die Beine. Ihr habt einen Song, der Mrs. Robinson heißt, und ihr habt ihn mir noch nicht einmal gezeigt? Also erklärten wir ihm den Arbeitstitel und sangen ihn ihm vor. Und dann hat Mike ihn für den Film als ‘Mrs. Robinson’ verewigt.“

Paul Simon: „Ich wusste nicht einmal, was ich spielte“

Paul Simon, der am Anfang von der Auftragsarbeit nicht wirklich begeistert war, erinnert sich folgendermaßen: „Mike Nichols rief an und fragte uns. Er sagte, er habe ein Buch und wolle einen Film mit dem Titel The Graduate drehen… Er überzeugte uns, die Musik zu machen. Die Musik sollte größtenteils Originalmusik sein, aber es kam vor, dass wir, um eine Szene zu füllen, ein Musikstück nahmen und es dort einsetzten, nur um zu hören, wie die Musik klingen würde.“ Die Entstehung des Songs sei sehr spontan und intuitiv gewesen, erzählt er: „Mrs. Robinson wurde an Ort und Stelle erfunden”, fährt er fort. “Ursprünglich sollte das eine Verfolgungsszene sein, und sie wollten Gitarrenmusik. Ich spielte… Ich wusste nicht einmal, was ich spielte, ich riffte einfach auf der Gitarre.” Auf dem Soundtrack des Films finden sich zwei Kurzversionen des Stücks. Die volle Version — die sich in einigen Dingen unterscheidet, gab es erst im Jahr darauf zu hören: da veröffentlichten Simon & Garfunkel ihr Album Bookends.

„Das von Harmonien getriebene Lied des schwülen Vorstadtvergnügens“

Textlich ist der Song ganz auf die Filmfigur Mrs. Robinson zugeschnitten, die eine komplexe Beziehung mit einem jungen Mann eingeht. Oder wie es das Magazin American Songwriter beschreibt: „Der berüchtigte Song Mrs. Robinson von Simon & Garfunkel ist die inoffizielle Hymne einer außerehelichen Affäre. Es ist die inoffizielle Hymne der älteren Frau. Es ist das von Harmonien getriebene Lied des schwülen Vorstadtvergnügens.“

Joe DiMaggio: „Ich bin nirgendwo hingegangen!“

Einer soll übrigens über den Text — genauer gesagt die legendäre Zeile „Where have you gone, Joe DiMaggio“ — nicht begeistert gewesen sein: nämlich die Baseball-Legende Joe DiMaggio selbst. Simon berichtet, ihn in einem Restaurant getroffen zu haben. Das Gespräch sei so verlaufen: „Ich war zufällig in einem Restaurant und da war er. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging hin, um mich vorzustellen und zu sagen: ‚Hi, ich bin der Typ, der “Mrs. Robinson” geschrieben hat’, und er sagte: ‚Ja, setzen Sie sich… warum sagen Sie das? Ich bin hier, jeder weiß, dass ich hier bin.æ Ich sagte:‚’So habe ich es nicht gemeint – ich meine, wo sind diese großen Helden jetzt?’ Er war geschmeichelt, als er verstand, dass es schmeichelhaft gemeint war.”

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.6.1975 beginnt Ron Wood seine erste Tour als Gitarrist der Rolling Stones.

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Rolling Stones
Foto: Ronnie, Mick und Keith im Sommer 1975 in Texas. Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.6.1975.

von Christian Böhm und Christof Leim

Manchmal regelt das Universum die Dinge. So mag es sich zumindest für Ron Wood anfühlen, als er am 1. Juni 1975 die Bühne betritt. Es ist der Beginn der USA-Tour der Rolling Stones zum gerade erschienenen Album It’s Only Rock’n’Roll – und Ron Woods erste Tour als ihr neuer Gitarrist. Sein Einstieg bei der wahrscheinlich größten Rock-Band der Welt stellt sicherlich einen Meilenstein seiner Karriere dar, die bis dato schon beachtlich lief. Und Ron Wood, der davor bei den Birds, der Jeff Beck Band und bei den Faces gespielt hatte, bleibt bis heute Mitglied der Rolling Stones.

Hier könnt ihr euch das damals aktuelle Album It’s Only Rock’n’Roll anhören:

Für einen Kollegen geht mit diesem Anfang natürlich etwas zu Ende – und im Nachhinein sagt Woods Vorgänger bei den Stones, Mick Taylor, dass ihm schon immer irgendwie klar war, dass er in dieser Band nicht ewig spielen würde. Auch für Ron Wood endet gerade etwas, als Mick Jagger anruft und ihm den Job des Tourgitarristen anbietet: Die Faces sind im Begriff, sich aufzulösen, als das Telefon klingelt und für Ron etwas Neues beginnt. Man sagt ja, dass neue Türen sich genau dann öffnen, wenn man die alten schließt.

Touren sind nie langweilig

It’s Only Rock’n’Roll heißt die Tour, und der Titel trifft es wohl ziemlich genau: Vor Beginn fährt die Band Brown Sugar spielend auf einem LKW über die New Yorker 5th Avenue. Ein gelungener Promo-Gag! Nicht ganz so gelungen und auch nicht unbedingt lustig verläuft dann eine Fahrt durch Arkansas. Im Örtchen Fordyce droht die Sause vorzeitig zu enden, als die dortige Polizei die Band stoppt und zumindest einen Teil der nicht gerade wenigen Drogen in ihrem Wagen findet. Ihr Anwalt boxt die Rocker aus der Situation heraus, und so zieht der Tross weiter durch den sogenannten „Bible Belt“, den extrem christlichen Teil der USA. Wem nicht klar ist, wie die Gepflogenheiten in diesem Landstrich so aussehen, dem sei gesagt, das in Arkansas einmal versucht wurde, Rock’n’Roll per Gesetz zu verbieten.

Darüber lacht Keith Richards nicht schlecht in seiner in seiner Autobiografie Life, welche übrigens mit der oben beschriebenen Geschichte beginnt.

Ron (oder auch Ronnie, wie manche ihn nennen) Wood kannte seine neuen Mitstreiter schon vorher: Am Titelsong des Albums It’s Only Rock’n’Roll ist der Gitarrist kompositorisch beteiligt. Jagger und Richards wiederum hatten ihm zuvor bei seinem Soloalbum I’ve Got My Own Album To Do (1974) ausgeholfen. Als er die Platte 1974 schreibt, gehört Ron Wood auch zu den Faces und gibt dort mit Rod Steward ein ähnliches Duo ab wie Mick Jagger mit Keith Richards bei den Stones.

Man kennt sich, man versteht sich

Auf selbiger verstehen Keith und Ron sich fast blind. Schmunzelnd sagt Richards im Interview mit Gitarre & Bass: „Wenn ich mitbekomme, dass er sich irgendwohin bewegt, ziehe ich mich zurück und tauche unter ihm ab. Und wenn er hört, dass ich abhebe, macht er dasselbe. Es ist eben genau wie beim Weben, mit den verschiedenen Fäden – und wir sind die dienstälteste Manufaktur auf Erden. Alt und rostig. Aber hey – es funktioniert.“ Die Chemie zwischen den beiden stimmt also. Seine eigenen Songs aber kann Ronnie bei den Stones eher selten unterbringen. Die meisten Songs kommen dann eben doch von… na, von den beiden anderen eben.

„Ich wäre schon froh, wenn sie meine Stücke überhaupt mal ernsthaft anhören würden, sie könnten ja sagen: „Vergiss es, das Zeugs ist Mist.“ Aber sie könnten meinen Stücken wenigstens eine Chance geben“, sagt Wood dazu. Klingt nicht gerade nach Friede-Freude-Eierkuchen, aber so läuft das Rock’n’Roll-Geschäft ja auch nicht immer. Man sagt, Ron sei nicht immer nur Gitarrist gewesen, sondern musste auch öfter den Streitschlichter geben, wenn die beiden guten Freunde Keith und Mick sich mal wieder in den Haaren hatten.

Nicht ungefährlich

Apropos Rock’n’Roll: Für Präsident Richard Nixon waren die Stones nicht die größte, sondern „die gefährlichste Rock’n’Roll-Band der Welt“, was er dem Anwalt der Band offiziell mitteilen ließ. Ganz ungefährlich lief auch Ron Woods Leben nicht: Mehrmals unterzieht er sich Entziehungskuren, um seiner Alkoholsucht zu entkommen, und auch bezüglich anderer Substanzen galt er nicht als Kind von Traurigkeit. Bis zu acht Pints Guinness (und das sind immerhin über vier Liter Bier!) an einem Tag sollen keine Seltenheit gewesen sein – und obendrauf kamen mehrere Flaschen harter Schnaps. Nüchtern betrachtet war es Ron Wood vielleicht auch deshalb nicht möglich, die Leadgitarre der Band zu übernehmen, obwohl er das eigentlich tun sollte, denn Keith Richards gab seit jeher den Rhythmusgitarristen. Gern nennt man Keith das „Human Riff“, das menschliche Gitarrenriff, aber nun übernimmt er öfter die Leadgitarre. Auf der Bühne bedröhnt waren sie bisweilen beide.

Nochmal zurück zum Anfang der Geschichte: Mick Taylor, der den Platz für Ron Wood im Juni 1975 räumte, hatte die Qualitäten eines Rhythmusgitarristen. Noch weiter zurück findet man den anderen, vielleicht bekannteren Vorgänger Woods: Brian Jones. Auch dieser war bekannt für seinen ausschweifenden Alkohol- und Drogenkonsum. Während man Jones aber 1969 tot im Pool fand, hat Ron Wood seine Eskapaden überlebt.

Ein langer Weg

Vom langen Weg an die Spitze des Rock’n’Roll sang bekanntlich schon eine andere Rock-Größe vom unteren Ende der Welt. Vom Tour-Gitarristen avanciert Ronnie Wood zum festen Bandmitglied. Dann vergehen fast 20 Jahre als angestellter Musiker, bevor er 1993 auch Beteiligter am Unternehmen Rolling Stones wird. Später wird er sagen, dass ihm schon vor dem 1. Juni 1975 irgendwie klar war, dass er letztendlich bei den Stones landen würde. Er musste nur warten, bis das Universum das für ihn regelt.

Zeitsprung: Am 19.7.1989 rebelliert eine Kleinstadt gegen die Rolling Stones.

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Popkultur

„Speaking In Tongues“ wird 40: Die Talking Heads verbrüdern Art-Rock und Schwarzen Soul

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Die Talking Heads sind Ikonen der kunstvollen Popmusik. Ihr größter Erfolg landet vor genau 40 Jahren: Mit Speaking In Tongues gelingt David Byrne und Band der Durchbruch – auch dank Burning Down The House, das man in Europa aber eher wegen Tom Jones kennt.

von Björn Springorum

Die New Yorker Kunstszene der Siebziger ist ein Schmelztiegel radikaler Ideen und freakiger Gestalten. Nur hier kann Andy Warhols Factory entstehen, nur hier fließen Kunst, Pop und Punk so mühelos zusammen. Auch die Talking Heads gehen aus der Kunst-Bubble der Stadt hervor. David Byrne und Chris Frantz besuchen die Rhode Island School Of Design, gehen mit so ziemlich den gegensätzlichsten Ideen in die Bandgründung wie beispielsweise die Ramones. Kunstvoll soll es sein, avantgardistisch, vielschichtig, intelligent. Mit Kommilitonin Tina Weymouth ziehen sie nach New York City, teilen sich ein Loft. Bis dahin also eine ganz normale Studentengeschichte.

Basslernen mit Suzi Quatro

Fast: Weymouth bringt sich nämlich das Bassspielen mit alten Suzi-Quatro-Platten bei, geboren sind auch schon die Talking Heads. Und Apropos die Ramones: Ihren ersten Gig spielen sie ausgerechnet im Vorprogramm der Punk-Rocker aus Queens – am 5. Juni 1975. Danach geht es recht schnell: 1977 landen sie mit Psycho Killer einen riesigen Hit, Ende der Siebziger stecken sie vermehrt mit Frickelguru Brian Eno unter einer Decke. Ihr Ruf als Art-Rock-Band trägt sich in die Welt hinaus, scheinbar mühelos vermengen die Talking Heads Pop, Funk, Rock, Wave oder Afrobeat. Doch die Flamme brennt hell: Vier Alben in vier Jahren zollen ihren Tribut, die Band muss kürzer treten, macht erst mal Pause.

Die Band verfolgt eigene Projekte, trennt sich von Eno (der sich bekanntlich U2 zuwendet) und findet im Sommer 1982 wieder zusammen. Die Akkus sind voll, der Ideenkoffer prall gefüllt. Zwischen Juli 1982 und Februar 1983 entsteht in New York City, Philadelphia und den legendären Compass Point Studios auf den Bahamas Speaking In Tongues – das Album, das ihr kommerzieller Durchbruch werden soll. Denn aller Anerkennung und Reputation zum Trotz: So richtig Kohle gescheffelt wurde mit der anspruchsvollen Musik bisher noch nicht.

Ohne Brian Eno wird es kommerzieller

Nun kann man so etwas natürlich nie planen, doch ohne die Kopflastigkeit ihres Kollaborateurs Eno gelingt ihnen ein leichteres, zugänglicheres Album, das ihre kunstvolle Wave-Sensibilität mit Schwarzem Funk verbrüdert. Slippery People oder Swamp zeigen klare Gospel-Schlagseite, zudem ist da natürlich diese Vielfalt an Effekten, Synthie-Spielereien, seltsamen Arrangements und Sounds. Aber eben nie so viel um einen einfachen Hörgenuss zu schmälern. Ohne es genau zu wissen machen die Talking Heads ihren komplexen Sound offener, eingängiger. Kommerzieller. Die Talking Heads sind 1983 das Mittelstück zwischen Television und Michael Jackson.

Auch der Tiger brennt das Haus nieder

Liegt natürlich auch an Burning Down The House, den sie gleich als Opener auf Speaking In Tongues packen. Ihr einziger Top-Ten-Hit in den USA ist ein unwiderstehlicher Groover, der außerhalb von Nordamerika aber auf legendär wenig Interesse stößt. Da ist das Cover von Tom Jones und den Cardigans aus dem Jahr 1999 deutlich erfolgreicher: Halb Europa heißt die Interpretation in den Top Ten Willkommen.

Für die Band bedeutet der Erfolg finanzielle Sicherheit, eine sehr erfolgreiche Tournee und jede Menge Airplay auf dem neuen Medium MTV. Bis 1988 sollen noch drei weitere Alben folgen, danach löst sich die Band auf. Oder quasi: Bassistin Weymouth erfährt aus der Los Angeles Times vom Ende der Talking Heads. Was bleibt, ist ein riesiger Einfluss auf Bands und Künstler*innen wie Eddie Vedder, Radiohead, St. Vincent, The Weeknd oder Trent Reznor. Und natürlich jede Menge Musik, die zeigt, wie originell Pop eigentlich sein kann. Wenn er von den richtigen Leuten gemacht wird.

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