------------

Popkultur

So war’s: Metallica live in Leipzig 2018

Published on

"Mit der Worldwired-Tour sind Metallica noch lange nicht fertig: Ein halbes Jahr nach den ersten Deutschlands-Shows zur Platte rollt die Metal-Maschine wieder durch Europa. Mit dabei sind erneut die Norweger Kverlertak. Wir haben uns die Sause am 30. April 2018 in Leipzig angesehen.

von Christof Leim

Die Setlist könnt ihr hier nachhören:

Zur ganzen Playlist klickt auf “Listen”.

Länger als zwei Wochen am Stück gehen Metallica nicht mehr auf Tour. Familie, Kinder und das wirkliche Leben sollen nicht wie früher ständig zu kurz kommen, also kehren die vier Herren Mitte 50 immer wieder zwischendurch nach Hause zurück. Lars Ulrich bezeichnet seine Band sogar gerne als die ultimative „man cave“, den besten Hobbykeller überhaupt, weil er sich hier zurückziehen und Spaß haben kann. Das klingt als Beschreibung der erfolgreichsten Metal-Kapelle der Welt zwar befremdlich, aber letztendlich auch logisch.

Das heißt jedoch keinesfalls, dass Metallica nicht fleißig sind: Die Band ist auf der Bühne groß geworden, Konzerte weltweit gehören weiter zum Geschäft. Für Fans bedeutet das, dass Metallica regelmäßig zurückkehren und immer mal wieder irgendwo in Deutschland spielen. Das ist eigentlich recht angenehm, man muss nur manchmal etwas länger warten. So kommt es auch, dass die kalifornischen Thrash-Legenden nach den ersten Deutschland-Konzerten zum aktuellen Album Hardwired…To Self-Destruct in Köln im vergangenen September gefühlt „schon wieder“ durch die Lande rollen. Neben den üblichen größten Hallen in den großen Städten wie München oder Hamburg steht diesmal Leipzig auf dem Tourplan.

Doch vor der Krachmusik gibt kommt zunächst eine gute Tat: Metallica haben es sich zur Angewohnheit gemacht, mit ihrer Stiftung „All Within My Hands“ (www.allwithinmyhands.org) Geld zu sammeln und in jedem Ort der Tour etwas an das örtliche Gemeinwesen zurückzugeben. Heute können sie sage und schreibe 12.000 Euro an die Leipziger Tafel überreichen – Applaus!

Leipzig zeigt sich schön warm an diesem Abend, entspannt wirken die Horden in schwarzen Shirts vor der Tür der Arena. Natürlich wird das heute keine kleine Show, aber Metallifans haben schon mehr Gedrängel erlebt und mussten schon weiter von der Bühne entfernt stehen. Sehr schön. Apropos Bühne: Die befindet sich bei Metallica seit mehr als zwei Dekaden in der Mitte der Halle, was optimale Sicht aus allen Richtung garantiert. Erneut hängen große Quader unter der Decke, auf denen später Videos und Bilder zu sehen sein werden. Das Ganze sieht cool und ungewöhnlich aus, selbst wenn die meisten es mittlerweile kennen dürften.

Gewohnt spektakulär: Die Metallica-Bühne

Zunächst müssen sich Kverlertak auf dem großen Quadrat beweisen. Einfach ist das nicht, eine Band muss umdenken, aber die sechs Norweger hatten als Support für die meisten Europa-Shows der vergangenen Monate Gelegenheit zum Üben. Und tatsächlich schaffen sie es, die gesamte Fläche zu nutzen und das Auditorium in alle Richtungen zu bedienen. Zumindest, was die physische Präsenz angeht, denn musikalisch kann die Truppe den sprichwörtlichen Funken nicht entzünden. Das mag daran liegen, dass viele Besucher die Kapelle nicht kennen, oder daran, dass die rüde, aber eigenständige Mischung aus Rock, Punk und Extrem-Metal besser im Club funktioniert. Für die die große Halle fehlen der Band vor allem aber ein Quäntchen Charisma und bessere Songs. Zudem hatten womöglich Frontmann Erlend Hjelvik oder der Soundtechniker einen schlechten Tag, denn der auf einen Ton beschränkte und selbst für dieses Genre ausdruckslimitierte Röchelgesang hilft bei alledem wenig. Kann passieren, Schwamm drüber.



Metallica starten eine halbe Stunde später mit dem gewohnten Doppel aus Hardwired und Atlas, Rise!, gefolgt vom ebenso unverwüstlichen wie unvermeidlichen Frühwerk Seek & Destroy. Das knallt, das sitzt, das geht ab. Die Musiker legen mit viel Schwung vor, souverän und eingespielt, angeführt von James Hetfield, der ständig ein neues Mirko ansteuert und sich damit einer neuen Ecke der Halle zuwendet. Die Fans kennen das Spielchen: Die Setlist besteht zum einen aus strategisch platzierten Standards, zum anderen aus Schätzchen aus der zweiten Reihe, neuem Material und handfesten Überraschungen. Eine solche folgt erneut auf Platz vier: The Shortest Straw von …And Justice For All, selten gespielt und in seiner Komplexität auch nicht mal eben aus dem Handgelenk zu schütteln. Man merkt der Band an, dass sie sich hier konzentrieren muss, und dem Publikum, dass nicht jeder die Nummer im Kopf hat. Der epische Gassenhauer Fade To Black reißt es wieder raus, bevor mit Now That We’re Dead der „große Rock-Song“ der neuen Platte folgt. Mittendrin fahren vier hüfthohe Blöcke aus dem Bühnenboden, die sich als elektronische Trommeln erweisen, auf denen die Musiker unisono einen knackigen Rhythmus hämmern – coole Einlage.



Die vier Musiker wirken alle gut gelaunt und haben Spaß an der Arbeit. James Hetfield spricht oft von der „Metallica-Familie“ und begrüßt junge Fans in der ersten Reihe: „Wie alt bist du? Zwölf? Ich habe als Zwölfjähriger keine einzige Metallica-Show gesehen!“) Das folgende Confusion widmet er dann „those who serve“, also Militärangehörigen, was sich auch in den Filmsequenzen widerspiegelt, die über die großen Videoquader unter der Decke laufen. Was allerdings gar nicht läuft, ist der Song: Die fast siebenminütige Nummer zieht sich, will nicht grooven und nicht zünden. Das gleiche Schicksal widerfährt dem neuen und ohne Not acht Minuten langen Halo On Fire. Man muss es sagen: Es wird langweilig. Glücklicherweise steht das unkaputtbare Schlachtross For Whom The Bell Tolls dazwischen. Für Abwechslung sorgt ebenfalls die Soloeinlage von Leadgitarrist Kirk Hammett und Bassist Rob Trujillo: In jeder Stadt geben die beiden einen bekannten Song Klassiker zum Besten, gerne mit regionalem Bezug wie etwas Skandal Im Sperrbezirk in München. In Leipzig jedoch greifen sie auf den Accept-Klassiker Balls To The Wall zurück und stimmen auch Anesthesia (Pulling Teeth) an, das legendäre Solo der verstorbenen Metallica-Basslegende Cliff Burton an. Sein Gesicht auf den Quadern erntet eigenen Applaus.



Es folgen mit dem Budgie-Cover Breadfan und dem Mitsingfest The Memory Remains zwei weitere Überraschungen, bevor mit Moth Into Flame einer der Höhepunkte von Hardwired…To Self-Destruct erklingt. Hierbei steigen wie schon im Vorjahr zwei Dutzend leuchtende Drohnen aus dem Bühnenboden und kreisen über den Musikern – beeindruckend. Das in letzter Zeit nicht mehr regelmäßig ausgegrabene Sad But True im Anschluss stampft alles kaputt (herrlich!), bevor Metallica auf die Zielgerade einbiegen – und die Spur verlieren. Natürlich sorgen die Ausschnitte aus dem Film Johnny Got His Gun im Intro von One für Gänsehaut, natürlich singen alle mit, natürlich ist das ein verdammter Hit. Aber vielleicht wird die Band gerade müde, vielleicht haben die Herren den Song zu oft gespielt, vielleicht bleibt das Publikum zu ruhig. Was auch immer es ist, das Ganze schwimmt und eiert plötzlich. Sogar Master Of Puppets, der am häufigsten live gespielte Song der Metallica-Historie, will nicht so majestätisch ins Hirn brettern wie sonst. Glücklicherweise kann man das Ding notfalls auf einem Kamm blasen, und es kommt immer noch einigermaßen cool.



Dem Wunsch nach Zugabe tut das alles keinen Abbruch, den die Band mit dem brutalen Spit Out The Bone gerne bedient. Und plötzlich stimmt wieder alles. Oder kurz gesagt: Was ein Brett! Es fehlen jetzt nur noch Nothing Else Matters und Enter Sandman, die beiden immergrünen Megahits, und fertig ist die Sause.



Es mag nicht der beste Gig der Tour gewesen sein, auch nicht das wildeste Publikum und sowieso nicht für jeden Fan die optimale Setlist. Die fette Produktion mit der mittigen Bühnen, den Drohnen, den Leuchtquadern und den Feuerfontänen dürften zudem viele mittlerweile schon gesehen haben. Aber eines fest steht: Das war eine große, fette, bunte, ehrliche Metal-Show, wie nur wenige Bands sie hinbekommen. Und Lars Ulrich twittert im Anschluss sogar ein Dankeschön an die deutschen Fans:

Die üppige offizielle Fotogalerie der Band findet ihr hier.


Das könnte dir auch gefallen:

Zeitsprung: Am 30.4.2003 filmen Metallica den „St. Anger“-Clip im Hochsicherheitsgefängnis.

10 Wahrheiten über “Garage Days Re-Revisted” von Metallica

Der historische Verriss: “Master Of Puppets” von Metallica

Popkultur

Zeitsprung: Am 3.7.1969 wird Rolling-Stones-Gründer Brian Jones tot aufgefunden

Published on

Brian Jones
Foto: Keystone/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.7.1969.

von Tom Küppers und Christof Leim

Aufstieg und Fall liegen gerade in der Kunst oft gefährlich nahe beinander. Basierend auf der Vision von Brian Jones legten die Rolling Stones den Grundstein für ihre Weltkarriere, doch der Gitarrist wird das nicht mehr erleben. Sein Tod am 3. Juli 1969 ist der tragische Höhepunkt einer traurigen Geschichte und sorgt bis heute immer mal wieder für Spekulationen.

Hört hier das letzte Stones-Album, das zu Jones’ Lebzeiten veröffentlicht wurde:

Die Jugend des am 28. Februar 1942 geborenen Lewis Brian Hopkin Jones verläuft anfangs in halbwegs geordneten Bahnen. Sein musikalisches Talent legen ihm die Eltern in die Wiege, denn der Vater unterrichtet in seiner Freizeit andere am Klavier, seine Mutter greift ebenfalls in die Tasten und leitet den örtlichen Kirchenchor. Knapp volljährig zieht er nach London, um eine neue Band zu gründen. Dort trifft er auf Mick Jagger, der Keith Richards mitbringt – das Grundgerüst der Rolling Stones steht somit. Jones ist zu diesem Zeitpunkt der klare Anführer der Band. Er bringt Jagger und Richards die Feinheiten des Rhythm & Blues näher, zeigt Mick, wie das mit der Mundharmonika geht und spielt tagelang mit Keith zu Platten von Jimmy Reed und Muddy Waters.

Sprachrohr mit Stimmungsschwankungen

Als die Stones 1963 durchstarten, ist Jones Sprachrohr und Star der Gruppe. Doch hinter den Kulissen zeigt er sich unzufrieden – vor allem ab dem Moment, als Jagger und Richards anfangen, eigene Songs zu schreiben. Denn Jones’ Schwäche liegt darin, dass er als Komponist nicht mit den anderen mithalten kann. Die Stones, getragen von einer bis dato noch nicht gesehenen Erfolgswelle, hetzen durch die Konzertsäle und Aufnahmestudios, Jones kontert dem Stress mit Drogen und Alkohol.

Brian Jones

Anfangs der klare Anführer bei den Stones: Brian Jones. (Bild: Mark & Colleen Hayward/Redferns/Getty Images)

Etliche Zeitgenossen berichten dazu von extremen Stimmungsschwankungen. Stones-Basser Bill Wyman schreibt in seiner Biografie A Stone Alone von zwei Persönlichkeiten: „Die eine gab sich introvertiert, schüchtern, sensibel, tiefgründig. Die andere war eine umher stolzierender Pfau, gesellig künstlerisch und verzweifelt auf die  Anerkennung anderer angewiesen.“ Das Problem an der Sache: Künstlerisch kriegt Jones immer weniger auf die Pfanne. Bei Aufnahmesessions beschränkt sich sein Beitrag hauptsächlich auf obskure Instrumente (auf Paint It, Black brilliert er zum Beispiel mit einem fantastischen Sitar-Lick) – wenn er überhaupt erscheint. Oft ist er zu benebelt, um Produktives beizutragen, was beispielsweise der Promo-Clip zum 1967 veröffentlichten We Love You schmerzlich vor Augen führt. Als die Stones ihre nächste US-Tour planen, wird klar, dass Jones zum einen wegen diverser Drogendelikte kein Visum erhalten wird und zum anderen überhaupt nicht mehr in der Lage ist, auf Tournee zu gehen. Jagger, Richards und Co. ziehen die Notbremse und eröffnen ihrem ehemaligen Bandleader Anfang Juni 1969, dass sich ihre Wege jetzt trennen werden. (Die ganze Geschichte dazu gibt es hier.)

Große Pläne

Jones zieht sich auf die Cotchford Farm zurück, die früher einmal dem Autoren A.A. Milne (Pu der Bär) gehörte. Sein alter Freund Alexis Korner besucht Brian kurz nach der Trennung und berichtet, er habe den Gitarristen lange nicht mehr so glücklich erlebt. Tatsächlich hegt Brian weitere musikalische Pläne mit John Lennon oder Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience, sogar ein paar eigene Songs nimmt er als Demos auf.

Doch in der Nacht des 3. Juli 1969 entdeckt Jones’ damalige Partnerin Anna Wohlin seinen leblosen Körper am Boden des Swimmingpools. Sie behauptet zwar, dass Jones noch gelebt habe, als er aus dem Wasser gezogen wurde, doch als die Ärzte eintreffen, können sie nur noch den Tod des 27-Jährigen feststellen. Zwei Tage später wollen die Stones im Hyde Park seinen Nachfolger Mick Taylor vorstellen, widmen die Show aber natürlich dem verstorbenen Weggefährten. Jagger trägt aus dem Gedicht Adonais vor, dazu werden Hunderte weiße Schmetterlinge freigelassen, und die Band spielt einen von Brians Lieblingssongs. Eine Woche später wird Brian Jones beerdigt.

Jahrelange Spekulationen

Der Leichenbeschauer kam damals zu dem Schluss, das Ganze sei ein Unfall gewesen, und hält fest, dass Herz und Leber aufgrund der vergangenen Eskapaden deutlich vergrößert seien. Doch immer wieder kochen Theorien hoch, dass Jones’ Tod eben kein Unglück war. Regelmäßig taucht in diesem Zusammenhang der Name Frank Thorogood auf, ein Bauarbeiter, der zum Zeitpunkt des Todes auf dem Anwesen beschäftigt war. Zuletzt kommen diese Vorwürfe 2008 wieder auf, als die Mail On Sunday behauptet, Thorogood habe Jones im Streit getötet, was die Polizei seinerzeit vertuscht hätte. Die zuständigen Behörden in Sussex antworten, dass trotz ausführlicher Untersuchungen keine neuen Beweise aufzufinden sind, die der ursprünglich festgestellten Todesursache widersprechen.

Brian Jones Beerdigung

Brian Jones wird zu Grabe getragen (Bild: Evening Standard/Hulton Archive/Getty)

Über Jones’ Tod zu sprechen, fällt Jagger auch viel später noch sichtlich schwer. „Ich habe die Schwere seiner Drogensucht damals einfach nicht richtig verstanden“, erklärt er 1995 dem Rolling Stone. „Dinge wie LSD waren völlig neu. Niemand kannte die Nachteile. Man dachte, Kokain sei gut für einen.“ In ihrer Dokumentation Crossfire Hurricane setzen die Stones ihrem Gründer dann endgültig ein Denkmal und erinnern so daran, welch immenses musikalisches Talent die Rockwelt viel zu früh verloren hat.

Zeitsprung: Am 8.6.1969 feuern die Rolling Stones ihren Gitarristen Brian Jones.

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 2.7.1984 erscheint das zweite Dio-Album „The Last In Line“

Published on

Dio Last In Line

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.7.1984.

von Christof Leim

Am 2. Juli 1984 veröffentlicht Ronnie James Dio das zweite Album seiner Solokarriere. The Last In Line schlägt in die gleiche Kerbe wie der fulminante Einstand Holy Diver, zeigt aber bereits dezente Änderungen im Sound. Immerhin: Ordentlich Riffs und Regenbögen gibt’s immer noch.

Zur Lektüre könnt ihr euch hier die Deluxe-Version der Platte anhören:

Er hat gut vorgelegt, keine Frage: 1983 veröffentlicht Meistersänger Ronnie James Dio mit Holy Diver sein erstes Album unter eigenem Namen und startet damit nach Erfolgen mit Rainbow und Black Sabbath eine Solokarriere. Das Debüt darf – ach was: muss – man heutzutage als unsterblichen Metal-Klassiker bezeichnen. (Ehrlich jetzt: Das Ding gehört in jede Sammlung. Und wer Gitarre spielt, muss das Holy Diver-Riff draufhaben. So will es das Gesetz.)

Hochkarätige Besetzung

Mit dabei in der ersten Inkarnation der Dio-Band: Black-Sabbath-Kollege Vinny Appice am Schlagzeug, der alte Rainbow-Kollege Jimmy Bain am Bass und ein blutjunger Flitzefinger aus Belfast namens Vivian Campbell. Der hatte vorher bei den NWoBHM-Untergrundlern Sweet Savage gespielt (unter Metalheads hauptsächlich bekannt wegen des Metallica-Covers von Killing Time), später bei Whitesnake, heute gehört er zu Def Leppard.

Dio

Mit dem Erfolg des Erstlings im Rücken macht sich diese Mannschaft an die Arbeit zum Nachfolger, zum ersten Mal verstärkt durch einen Keyboarder: Claude Schnell von Rough Cutt. Diesmal kann Campbell mehr Material beisteuern als beim Debüt, viele Stücke entstehen als Kooperation der ganzen Band (minus Schnell), zwei der neun Nummern schreibt Dio alleine. Die Texte stammen ebenfalls vom Meister selbst, und natürlich geht’s wieder um Dämonen, Regenbogen, Gut gegen Böse, die Nacht und so weiter – das ganze gute Zeug eben, das große Teile des klassischen Metal gleichermaßen kitschig wie großartig sein lässt. Man weiß nur nie so recht, ob die Pommesgabel reicht oder man demnächst einen Ring in ein Feuer werfen muss.

Flirt mit dem Pop-Metal

Viel der neuen Platte ist aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Holy Diver, die Dio-Band führt ihren bewährten Stil weiter. Das heißt: Griffige Songs zwischen Hard Rock und Heavy Metal, mit Riffs galore, brillanten Soli und noch brillanterem Gesang. Insgesamt fällt The Last In Line allerdings ein Quäntchen weniger rau aus, was vor allem am Sound liegt. Den verantwortet erneut Ronnie selbst, der als Produzent agiert. Man kann sagen: Dio flirten hier schon ein bisschen mit dem Pop-Metal, der die Mittachtziger dominiert; auf den Nachfolgern Sacred Heart (1985) und Dream Evil (1987) gehen sie noch weiter.

Die Scheibe eröffnet mit We Rock, einem klassischen Achtziger-Metal-Track mit schnellen Riffs und Fäusteschwinger-Refrain, der schnell zum Fixpunkt der Setlist wird. Im Titelstück The Last In Line geht es episch zu dank cleaner Gitarren am Anfang, dramatischen Melodien vom Meister, auf die stampfende Verse und ein Chorus folgen, zu dem man als Metal-Fan die Faust einfach ballen muss. Es geht ja schließlich um etwas: Sind wir böse oder göttlich, „evil“ or „divine“? Was philosophische Fragen anbelangt, geht unser Dio für weniger gar nicht aus dem Haus. Der Song wird in Europa als dritte Single veröffentlicht, 30 Jahre später erhalten Tenacious D für ihre Coverversion sogar einen Grammy.

Platin und Radio-Hits

Ansonsten gibt es knackige Rocker wie Breathless, One Night In The City und Eat Your Heart Out, die allerdings nicht zwangsläufig auf jede Dio-Best-Of gehören. Das Gleiche gilt für die flotten Headbanger I Speed At Night und Evil Eyes. Mit Mystery hat das Quintett sogar eine regelrecht poppige Nummer am Start, die trotzdem oder deshalb zur Single erkoren wird und sich auf MTV nicht schlecht schlägt. Für ein ordentlich im Shuffle stampfendes Epos (man denke an: Heaven & Hell) ist Ronnie James natürlich immer zu haben, deshalb endet die Platte mit dem Sieben-Minuten-Brecher Egypt (The Chains Are On), einem Album-Höhepunkt.

Das kommt an: Für The Last In Line erhalten Dio schon nach zwei Monaten eine Goldauszeichnung in den USA dank einer halben Millionen verkaufter Platten, knapp drei Jahre später gibt es Platin. Die Chartplatzierungen können sich sehen lassen: Platz 23 in den Vereinigten Staaten und Deutschland, sogar Rang 4 in Großbritannien. Alle drei Singles (Mystery, We Rock und The Last In Line) werden zu Hits im Rockradio. Damit hat Ronnie James Dio seine Soloband nachdrücklich etabliert. Die Truppe tourt ausführlich, Liveaufnahmen erscheinen im Konzertvideo A Special From The Spectrum von 1984 und 2012 auf der Deluxe-Version der Platte.

Heutzutage klingt The Last In Line weniger zeitlos als das vermutlich geplant war, also schon ziemlich deutlich nach den Mittachtzigern, gehört aber zum Kanon der geschichtsträchtigen Metal-Werke. Dem zollen 2012 die damaligen Mitstreiter Campbell, Appice und Bain (verstorben 2016) Tribut, indem sie ihre neue Band Last In Line nennen und so den Geist der frühen Dio-Band trotz des Todes ihres Namensgebers (2010) weiterleben lassen.

Dio Last In Line

Zeitsprung: Am 17.4.1980 feiern Black Sabbath mit Dio Premiere – in Ostfriesland.

Continue Reading

Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

Published on

Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss