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Popkultur

Interview: Ian Gillan von Deep Purple: „Ein neues Album? Wer sagt denn sowas?“

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Ernesto Ruscio/Redferns via Getty Images

"Vor 50 Jahren sind Deep Purple zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. 1969 war Ian Gillan gerade als Sänger eingestiegen und sollte schon bald mit Songs wie Smoke On The Water weltweit Musikgeschichte schreiben. Unzählige Male ist der Engländer seitdem zurückgekehrt, im März hat er eine Konzerttour mit „Rock meets Classic“ beendet, wo er zum vierten Mal als Stargast dabei war. Mit uDiscover hat Ian Gillan über seine Anfangszeit bei Deep Purple, Touren durch Deutschland und Gerüchte über ein neues Album gesprochen.

von Andrea Hömke

Mr. Gillan, Sie haben schon viele Male in Deutschland gespielt und das Land zu ganz unterschiedlichen Zeiten bereist. Wie sehr hat es sich seit dieser ersten Tour Ende der Sechziger verändert?

Ian Gillan: Damals hat zum Beispiel Berlin schon gebrodelt und brodelt ja auch heute noch sehr. Aber Deutschland an sich ist eher ein konservatives Land. Das meine ich nicht politisch, sondern kulturell. Die Deutschen sind beständig und loyal. Deutschland war eins der ersten Länder, in denen europäische Rockmusik Fuß fassen konnte, nicht nur amerikanische. In England gab es natürlich Musikclubs, dort konnten die Bands aber nur eine Show an einem Abend spielen. In Deutschland lief das ganz anders: Da stand man die gesamte Woche mehrmals am Abend auf der Bühne. Wir haben nur noch Musik gemacht und nicht geschlafen. Es war großartig!

Hört hier die besten Songs von Deep Purple während ihr weiter lest:

Damals war der zweite Weltkrieg gerade einmal 20 oder 25 Jahre vorbei…

Genau, historisch gesehen eine sehr kurze Zeit. Meine Freunde meinten nur: ‚Oh, wow! Du fährst nach Deutschland. Wie wird es da wohl sein?’ Ich kann nur sagen, dass ich in diesen ersten Jahren meine engsten Freundschaften geschlossen habe. Es herrschte eine so wunderbare Atmosphäre, und Musik war unser aller Bindeglied. Zudem erwies sich diese Ära als sehr lehrreich: Sie hat mir gezeigt, dass wir alle ähnliche Wünsche, Nöte und Ängste haben. Es war eine wunderbare Erfahrung, damals in Deutschland zu sein, ich habe dort großartige Freundschaften geschlossen, die zum Teil seit 30 oder 40 Jahren bestehen.

Ein paar Jahre später habe ich dann Child In Time geschrieben. Als wir mit der Band irgendwann in Russland waren, Putin hatte zu der Zeit gerade eine Auszeit genommen, erzählte mir Präsident Dmitri Medwedew, dass er durch unsere Musik Englisch gelernt hat. Eigentlich war es dort damals verboten, Deep Purple zu hören, doch es gab unsere Platten in den Schulen. Sie waren allerdings weggeschlossen, nur die Lehrer durften sie herausnehmen und mit der Klasse die Texte und Melodien analysieren. Natürlich sollte es den Schülern keinen Spaß machen. Doch Medwedew erzählte mir, dass er durch Lieder wie Child In Time zum ersten Mal verstanden hat, dass es außerhalb des eisernen Vorhangs Jugendliche gab, die waren wie er selbst.

Sie sind ständig unterwegs, besitzen ein Haus in Portugal, eins in England. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Gute Frage. Ich sage immer, der Mensch braucht zwei Dinge in seinem Leben: das Gefühl, irgendwo hinzugehören, und einen Sinn im Leben. Ein Zuhause muss allerdings kein physischer Ort sein. Es kann zum Beispiel auch ein Seelenverwandter sein. Als Jon Lord (Deep Purple-Organist – Anm.d.Red.) starb, habe ich die Zeile geschrieben: „Souls having touched are forever entwined“ (Seelen die sich berühren, sind für immer miteinander verbunden). Und ich glaube an diese Verbundenheit. Wenn Menschen früher wissen wollten, was meine Wahlheimat ist, habe ich immer Deutschland gesagt, später Polen und Frankreich, weil ich dort für einige Zeit gelebt habe. Heute gibt es viele Orte, die ich mein Zuhause nenne.

Deep Purple im legendären Mark II-Line-up von 1969-1973: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice (v.l.)

Werden Sie überall erkannt?

Es ist unmöglich, ein normales Leben zu leben, wenn man berühmt ist. Man muss da differenzieren zwischen dem professionellen Teil und dem privaten. Ich habe vor vielen Jahren schon einen Trick gelernt: Wenn ich zu Hause bin in England oder Portugal, verkrieche ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich kaufe im Supermarkt ein, gehe in die Bar um die Ecke, grüße alle, trinke mit den Nachbarn ein Bier. Deshalb war es irgendwann nichts Besonderes mehr, wenn ich mal gesehen wurde. Ich gehöre einfach ganz normal dazu.

Haben Sie viele Freunde im Showbiz?

Nein, nur sehr wenige. Die meisten meiner Freunde sind ganz normale Menschen: Klempner, Elektriker, Kneipenwirte und zwei ehemalige Polizisten, mit denen ich früher Fußball gespielt habe. Der Erfolg macht mich demütig, dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich führe außerhalb des Musikgeschäfts ein sehr normales Leben.

Mit über 70 weiter auf Tour: Ian Gillan 2017 in Hamburg – Pic: Frank Schwichtenberg/Wiki Commons

Obwohl Deep Purple bereits ihre The Long Goodbye-Tour gespielt haben, die viele für einen Abschied hielten, heißt es nun, dass die Band noch ein neues Album aufnehmen und vielleicht auch wieder touren will. Stimmt das?

Wer sagt denn sowas?

Ihr Gitarrist Steve Morse.

Ach, der hat doch keine Ahnung. (lächelt)

Also wird es keine neue Platte geben?

Naja, lasst es mich so formulieren: Wir versuchen, ein neues Album zu machen. Aber wir haben es noch nicht getan. Ich rede eigentlich nicht über Dinge, bevor sie nicht fertig sind, weil immer etwas schief gehen kann. Alle wollen wissen, was morgen passiert, aber mir ist es lieber zu erzählen, was gestern geschehen ist. Dann kann ich von Fakten sprechen und muss nicht spekulieren. Die Long Goodbye-Tour war vor allem eins, sie war lang. Weil wir alle nicht wirklich gesund waren: Ian Paice hatte einen Schlaganfall, mir ging es schlecht, Steve hatte ein Problem mit seiner Hand, Roger mit der Schulter, alle waren krank. Also dachten wir uns, dass es Zeit wäre aufzuhören. Aber nun geht es uns wirklich viel besser. Insofern machen wir vielleicht noch ein neues Album und vielleicht noch eine neue Tour. Wir werden sehen.

Deep Purple 2019: Ian Gillan, Steve Morse, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey (v.l.)

Sie haben Hunderte Songs geschrieben und, wie sie einmal selbst sagten, immer jede Menge Ideen im Kopf. Wird es mit der Zeit leichter oder schwerer, neue Lieder zu schreiben?

Nein, es ist heute viel leichter. Man spricht täglich mit Menschen, und aus der Unterhaltung kann ein Lied entstehen. Es muss ja nicht immer von etwas Greifbaren handeln. Und man muss Spaß an Worten haben, weil man damit Gefühle vermittelt. Songs sind auch nur eine andere Art der Kommunikation zwischen zwei Menschen.

Ian Gillan singt bei „Rock Meets Classic“ mit Sinfonieorchester – Pic: Rock & Royalty

Gerade haben Sie die vierte Tour mit „Rock Meets Classic“ beendet. Niemand war bei diesem Projekt häufiger Stargast als Sie. Was gefällt Ihnen so an dieser Show?

Ich mag es, Dinge ein wenig anders zu machen. Vor allem mag ich diese „Package“-Touren“ mit mehreren Künstlern. So habe ich früher Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis und Buddy Holly gesehen. Das Konzept unterscheidet sich von normalen Konzerten einer Band. Bei Rock Meets Classic werden die großen Hits von etlichen Interpreten gespielt, und das Publikum hat viel Spaß. Zusätzlich gibt das Orchester den Songs eine ganz eigene Dynamik, und visuell ist es natürlich dank der vielen Musiker auf der Bühne etwas Besonderes. Für mich fühlt es sich immer ein wenig wie Urlaub an.


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Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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