------------

Popkultur

Die musikalische DNA von The Verve

Published on

Es gab eine Zeit, da waren The Verve nur eine recht unbedeutende Psychedelic-Truppe mit einem ausgeprägten Hang zu harten Drogen. Nur wenig später waren The Verve die beste Band der Welt und hatten gleich dreimal mehr Lust am Exzess. Viel geredet hat die Band um Richard Ashcroft über ihre Musik nie, ihr Sänger dafür aber umso mehr. Für seine Kollegen sprachen die zerstörten Hotelzimmer wohl für sich oder zumindest die Musik, mit der The Verve auch jenseits vom Welterfolg Bittersweet Symphony ihren Status als eine der interessantesten britischen Bands überhaupt untermauern konnten.


Hört euch hier die musikalische DNA von The Verve in einer Playlist an und lest weiter:


Dass The Verve oftmals gemeinsam mit Oasis und Blur in die Brit Pop-Schublade gestopft wurden, war stets eher zweifelhaft. Denn so gut sich die Band mit denen auch verstanden und so eng das Verhältnis zwischen Ashcroft und Noel Gallagher auch heute noch ist: The Verve haben musikalisch immer noch viel mehr geboten als hymnische Refrains und spröden Schrammelrock. Ihre Musik kam aus dem experimentellen Gebiet und überzog den Mainstream mit den schillernden Gitarrentexturen von Nick McCabe.

Was aber macht die musikalische DNA von The Verve aus? Ashcroft beschrieb die Einflüsse der 2009 (vielleicht nicht endgültig?) aufgelösten Bands als „breit und abwechslungsreich“. Funk, klassische Rock-Bands, Hip Hop und Downbeat, Garage Rock oder Miles Davis und sowieso alles irgendwie flossen in den Sound seiner Band ein. „Es ist echt schwer, wenn die Leute uns nach unseren Einflüssen oder unseren Vorlieben fragen“, gab er zu. Versuchen wir trotzdem, die musikalische DNA von The Verve zu entschlüsseln! Vielleicht kommen wir dem einen oder anderen Geheimnis auf die Spur.


1. Stone Roses – I Am The Resurrection

Beginnen wir Ende der achtziger Jahre. England ist ermüdet vom sterilen Synth Pop des grellen Jahrzehnts und wendet sich langsam dem Acid House-Sound zu, der von Chicago aus zuerst in Manchester – pardon: Madchester – ankommt. Die Stone Roses gehören zu den Bands, welche die Faszination an den schnellen Rhythmen und psychedelischen Sounds am subtilsten ins Rock-Format übertragen. Songs wie I Am The Resurrection von ihrem selbstbetitelten Debütalbum leihen sich die großen Erzählbögen der Rave-Kultur und übertragen sie in Musik, die das ekstatische Verlorensein in der Musik zurück in die Konzertsäle bringt. Dort sieht sie 1989 auch Ashcroft. „Die Stone Roses haben mich von Anfang an umgehauen“, gab er im NME zu Protokoll und schwärmte davon, wie im Underground bereits Tapes mit Konzertmitschnitten kursierten, bevor die Band überhaupt eine Platte veröffentlicht hatte. „Textlich wollten sie so viel mehr, als Gitarrenmusik zu dieser Zeit war. Es war komisch, vor der Bühne standen einige wenige Frauen und der Rest waren Lads, richtig harte, aggressive Lads. Dieser Widerspruch hat mich ungemein inspiriert.“ So legten die Stone Roses den Grundstein für eine neue Band, die Ashcroft gemeinsam mit seinen Schulkumpanen Simon Jones und Nick McCabe im Jahr 1990 gründete: The Verve.


2. Oasis – Cast No Shadow

À propos Lads: Die Band, die den ultimativen Typus des jungen, hedonistischen, britischen Mannes verkörperten, waren Oasis. Die ein Jahr nach The Verve gegründete Gruppe um die Gallagher-Brüder Noel und Liam freundete sich schnell mit dem aufstrebenden Quartett an. Als The Verves sphärisch-verschwebtes Debütalbum A Storm In Heaven erschien, spielten die beiden regelmäßig Konzerte miteinander. Oasis waren damals nahezu unbekannt, ein Jahr sollte es noch bis zu ihrem Durchbruch dauern. Dann aber überflügelten sie The Verve und wurden in Sachen Erfolg erst wieder von ihnen eingeholt, als die Band mit ihrem (ersten) Comeback-Album Urban Hymns im Jahr 1997 schlagartig weltberühmt waren. Dem guten Verhältnis zueinander hat das aber nie geschadet, im Gegenteil. Als The Verve mit A Northern Soul einen Richtungswechsel hin zu konventionelleren Rock-Sounds einschlugen, hatte das auch mit Oasis zu tun. Angeblich soll der Titelsong sogar Noel Gallagher gewidmet sein! „Give me your powder and pills / I want to see if they cure my ills / I’ve no time for love and devotion / No time for old fashioned potion”, heißt es darin. Noel konterte kumpelhaft mit Cast No Shadow vom zweiten Oasis-Album (What’s The Story) Morning Glory?: „Bound with all the weight of all the words he tried to say / Chained to all the places that he never wished to stay / Bound with all the weight of all the words he tried to say / And as he faced the sun he cast no shadow“. Ein direkter, aber ebenso zärtlicher Umgangston – echte Lads eben!


3. Andrew Oldham Orchestra – The Last Time

Worauf sich der Erfolg von Urban Hymns gründet, wissen wir alle. So großartig die Vorgängeralben waren, so fantastisch die dritte The Verve-LP als Ganzes ist: Wäre nicht Bittersweet Symphony gewesen, dann wären The Verve vielleicht nur ein gut gehütetes Geheimnis in britischen Indie-Kreisen geblieben. Das Video zum Song ist ikonisch, der Einsatz im großen Finale des Films Cruel Intentions sowieso. Wie aber für viele andere Bands wurde ihr tausendfach gecoverte Überhit The Verve beinahe zum Verhängnis. Das markante Streichermotiv, welches dem ganzen Track überhaupt erst seine Bittersüße einimpft, war nämlich gesampelt und zwar von den Rolling Stones oder besser gesagt der Interpretation vom Stones-Klassiker The Last Time durch das Andrew Oldham Orchestra. Fies daran war, dass The Verve vorher die Erlaubnis des Labels Decca für die Aufnahme eingeholt hatten, nicht aber für die zugrunde liegende Komposition von Mick Jagger und Keith Richards. Allen Klein, der für die Band die Rechte verwaltete, forderte satte 100% der Einnahmen und die vollen Credits für seine Klienten. So sicherte er seiner Firma ABKCO einen der größten Hit der Unternehmensgeschichte, konnte Millionen in die Kassen der Rolling Stones spülen lassen und haute The Verve gehörig in die Pfanne. Das Schlimmste daran? Die markante Melodie war eigentlich nicht Teil des Stones-Originals und Arrangeur David Whitaker, der das Riff geschrieben hatte, ging komplett leer aus.

 


4. Spiritualized – Ladies & Gentlemen We Are Floating In Space

Der Ärger um den Riesenhit, der für The Verve den internationalen Durchbruch bedeutete, sah nach außen hin wie ein bösartiger Kommentar auf den Werdegang der Band aus. Die hatte mit Urban Hymns zwar einen musikalisch wesentlich breiter gefächteren Stil entwickelt, sich aber von ihren Wurzeln in der Psychedelic-Community entfernt. Der komplette Ausverkauf? Das mag so manche böse Zunge behauptet haben. Tatsächlich blieben The Verve natürlich Fans des Sounds, der sie in ihren Anfangstagen geprägt hatte. Das schloss nicht nur den kunterbunten Indie Rock der Madchester-Szene, sondern auch Gruppen wie Spacemen 3 und deren Nachfolgeband Spiritualized mit ein. Die veröffentlichten im selben Jahr wie The Verve ihr Opus Magnum: Ladies & Gentlemen We Are Floating In Space wurde zu einem der Klassiker der neunziger Jahre. Auch diese Konkurrenz jedoch war in erster Linie eine musikalische, tatsächlich verstanden sich zumindest zwei Mitglieder von beiden Bands prächtig. Schon 1995 heiratete Richard Ashcroft die Spiritualized-Sängerin Kate Radley, die bei der Band auf allem spielte, was Tasten hatte: Piano, Orgel, Synthesizer. Radley allerdings stieg nach der Veröffentlichung von Ladies & Gentlemen We Are Floating In Space direkt aus. Kein Wunder, war sie doch zuvor mit dem Spiritualized-Mastermind Jason Pierce liiert…


5. Funkadelic – I Got A Thing, You Got A Thing, Everybody’s Got A Thing

Madchester, Brit Pop, die Rolling Stones, Psychedlica made in England – scheint fast so, als hätten sich The Verve nie vor die Haustür getraut! Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Ebenfalls auf Urban Hymns findet sich mit The Rolling People ein Song, der wabernde Funk-Riffs andeutete und mit satten Grooves voran rockte. Dass sich der deutlichste Einfluss der bleichen Lads aus Manchester ausgerechnet bei der legendären Funk-Kombo Funkadelic finden lässt, überrascht vielleicht einige. Tatsächlich hat Verve-Gitarrist Nick McCabe sich wohl den einen oder anderen Kniff von Funkadelic-Songs wie I Got A Thing, You Got A Thing, Everybody’s Got A Thing abgeschaut. Die nervösen und doch flächigen Riffs, die fiebrigen Rhythmen – das alles sollte sich später in seinem Spiel manifestieren. Als eine seine Lieblingsplatten nannte der Gitarrist Funkadelics Free You Mind… And Your Ass Will Follow. „Mein Vater kaufte sie für 20 Pence in einem Ramschladen“, erinnerte er sich im Online-Magazin The Quietus. „Das war derselbe Laden, wo ich alle meine Pedale herbekam. Zwanzig Pfund für meinen ersten Flanger und das war das, worauf das erste Verve-Album aufbaute – dieser Flanger.“ Dass Richard Ashcroft beim Kumpel vorbeikam, um gemeinsam mit ihm LSD einzuwerfen und Funkadelic in Endlosschleife zu hören, wird aber wohl auch geholfen haben.


6. Joy Division – I Remember Nothing

„Diese Funkadelic-Platte, die war’s“, gab McCabe zu den Acid-verseuchten Listening Sessions der beiden Jugendfreunde zu Protokoll. „Wir verglichen sie mit unserer ersten Demo, die dagegen wie Spielzeugmusik klang. Wir hatten eine Erleuchtung. Keine schmerzhafte, aber uns wurde klar, dass wir in die falsche Richtung gingen.“ Es hing, das war seit diesem Moment klar, vor allem an der Produktion. Der dreckige, schwüle Sound von Funkadelic war aber nur ein Eckpunkt von dem, was The Verve im Studio erreichen wollten. Ebenso wichtig wurden die ebenfalls aus dem Großbereich Manchester stammenden Joy Division, allem voran deren beklemmendes Debüt Unknown Pleasures. Das mag zuerst nicht einleuchten, denn Produzent Martin Hannett hatte der aufstrebenden Band um Ian Curtis einen ultrareduzierten Sound verpasst, der ohrenscheinlich nichts mit dem opulenten Sounddesign späterer Verve-Platten zu tun hatte. Was die Band sich bei ihm aber abschauten, waren die Subtilitäten und Feinheiten, die Unknown Pleasures zu einem Meisterwerk der Musikgeschichte machen. McCabe entdeckte die Band mit zehn Jahren durch seinen älteren Bruder und Unknown Pleasures war eine der ersten Platten, die sich der Gitarrist von seinem Geld als Milchausträger kaufte. Vor allem faszinierte ihn, wie Hannett mit klanglichem Raum umging. „Die Ganze ist so klamm… Ich hau jetzt alle Klischees über verlassene Industriegebäude raus, aber es klingt eben nach der Gegend, in welcher ich aufgewachsen bin“, sagte er über die Produktion der Platte. „Dieses zerschmetternde Glas auf I Remember Nothing und die Synthie-Drones…“ Kein Wunder, dass McCabe bald selbst an seinem Roland mit ähnlichen Sounds zu experimentieren begann.


7. Led Zeppelin – Stairway To Heaven

Ähnlich wie bei Joy Division lag der Fokus bei The Verve vor allem auf dem charismatischen Frontmann Richard Ashcroft, hinter dem McCabe, Bassist Simon Jones und Drummer Peter Salisbury sowie der später hinzugestoßene Gitarrist und Keyboard Peter Tong zu verblassen drohten. Durchaus freiwillig: Zu Interviewterminen tauchten die vier so gut wie nie auf. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, ihre eigenen Rockstarallüren auszuprägen. Northern Soul-Produzent Owen Morris bezeichnete McCabe etwa als „ohne Zweifel den talentiertesten Musiker, mit dem ich jemals gearbeitet habe“, charakterisierte die Zusammenarbeit aber zugleich als kompliziert. „Er spielt nie dasselbe zweimal. Du kannst Noel Gallagher drum bitten, dieselbe Melodie hunderte Male in Folge zu spielen und solange es einen Grund dafür gibt, macht er das auch. Aber bei Nick hast du keine Chance.“ Okay, das klingt noch verhältnismäßig brav im Vergleich zu Salisburys destruktiven Hotelaufenthalten… Dennoch: Eine kleine Prise Größenwahn war bei The Verve immer die essentielle Zugabe, das gewisse Etwas. Eines der bandinternen Vorbilder sind nicht ohne Grund Led Zeppelin! Mit denen verglich Ashcroft die Band sogar, als er 2008 das zweite Comeback-Album der Bandgeschichte ankündigte. Und dass ihr Comeback-Album Forth vom Titel her an Led Zeps IV (sprich: „four“ oder eben „fourth“) erinnerte, mag da wohl kein reiner Zufall gewesen sein.  Die Stairway To Heaven erklimmen zu wollen, war von Anfang an erklärtes Ziel von Ashcroft und seinen Kollegen.


8. DJ Shadow – Midnight In A Perfect World

Obwohl The Verve allein wegen ihrer Nähe zu Oasis häufig dem Brit Pop zugerechnet werden, greift diese rigide Schubladisierung doch zu kurz. Denn nicht nur in der experimentellen Psychedelic-Szene fand die Band ihre Inspiration, auch von Hip Hop wurden sie beeinflusst. Ashcroft nannte die Veröffentlichungen des britischen Downbeat-Labels Mo’Wax als einen Einfluss und McCabe zählt Mobb Deeps Rap-Klassiker The Infamous zu seinen Lieblingsalben. Deren entspannter Boom Bap-Sound schlug sich nicht zuletzt im abgehangenen Spiel von Peter „Sobbo“ Salisbury nieder. Dabei handelt es sich bei dem Drummer, der später bei Black Rebel Motorcycle Club und den Charlatans aushelfen sollte, doch um einen Hitzkopf erster Güteklasse. Und war nicht eigentlich die drug of choice der Band in ihren Anfangstagen noch Amphetamin – nicht grundlos unter dem Straßennamen Speed bekannt? Die Entschleunigung im Bandgefüge mag einiges mit der intensiven Beschäftigung mit der neuen, Sample-getragenen Musik von Produzenten wie DJ Shadow zu tun gehabt haben, mit dem Ashcroft sogar für einen Track kollaborierte. Shadows Album Endtroducing… erschien 1996 und krempelte die gesamte Musiklandschaft in einem Streich komplett um. Die subtilen Grooves von Tracks wie Midnight In A Perfect World fanden ihr Echo in Stücken wie Neon Wilderness von Urban Hymns, das ein Jahr später veröffentlicht wurde. Nach reichlich Speed und LSD hatte nun wohl die gute alte Mary Jane ihren Einzug in die Musik von The Verve gehalten.


9. Massive Attack – Unfinished Sympathy

Näher noch als der US-amerikanische Rap und Hip Hop oder die britische Downbeat-Szene stand The Verve der aus Bristol quellende Trip Hop, wie ihn Massive Attack prägten. Das ikonische Video von Bittersweet Symphony, in dem Richard Ashcroft stur durch die Straßen Londons stolpert, ist eine liebevolle Hommage an das nicht minder bahnbrechende Video zum Massive Attack-Song Unfinished Sympathy von ihrem Debütalbum Blue Lines. Nicht aber nur visuell, auch musikalisch verband beide Bands einiges. Die orchestralen und psychedelischen Elemente, die The Verve in die Rock-Musik überführten, fanden sich bei Massive Attack in gedämpften Hip Hop-Breaks eingebettet. Typisch Bristol, typisch britisch! In den USA allerdings kamen wohl genau deswegen weder The noch Massive Attack sonderlich gut zurecht, als sie 1998 gemeinsam auf Tour durch die Staaten gingen. Beide Bands wollten ursprünglich Konzerthallen mit einem Verfassungsvermögen von durchschnittlich 10 000 Menschen füllen, konnten aber nicht genug Tickets verkaufen. Die Gigs wurden flugs auf kleinere Venues umgebucht und irgendwann mittendrin warfen Massive Attack frustriert das Handtuch. Und obwohl Ashcroft noch munkelte, die Bristoler könnten gegen Ende der Tour wieder hinzustoßen, hieß es wenig später über einen Fan-Blog: „Ich habe gerade gehört, dass The Verve auf der Suche nach einem Support-Act für ihre restlichen US-Dates sind und dass es nicht Massive Attack sein werden.“ Ab da an hieß es wohl zwischen beiden Bands eher „finished sympathy“. Auch The Verve lösten sich wenig später zum zweiten Mal seit 1995 auf.


10. Gorillaz – Clint Eastwood

Was aber kam dann? In der Zeit zwischen der zweiten Auflösung und der zweiten Reunion von The Verve im Jahr 2007 rückten Brit Pop – oder sagen wir lieber: britischer Rock- und Pop-Musik – und Hip Hop beziehungsweise Trip Hop noch enger zusammen, als die Gorillaz die Bühne betraten. Die skurillen Comicfiguren im Tank Girl-Design debütierten 2000 mit der Single Clint Eastwood und bescherten der Welt den Ohrwurm des zu dieser Zeit noch frischen Jahrzehnts. Nicht aber nur Blur-Frontmann Damon Albarn war Teil der virtuellen Band, auch The Verve-Gitarrist Simon Tong gesellte sich zu ihnen, nachdem er 2002 Graham Coxon nach dessen Weggang von Blur für einige Live-Auftritten ersetzt hatte. Tong war aber nicht nur live, sondern auch mindestens zwei Mal im Studio Teil des verschrobenen Projekts: Auf den Alben Demon Days und Plastic Beach ist er auch zu hören. Sogar bei Albarns anderer Supergroup ohne Namen, die im Jahr 2007 das Album The Good, The Bad & The Queen veröffentlichte, war er dabei. Er wird es wohl also verkraftet haben, bei der zweiten Reunion von The Verve nicht in die Band eingeladen worden zu sein. Seine gemeinsame Band mit Verve-Bassisten Simon Jones hatte sich schließlich als Misserfolg entpuppt. Dabei war doch bei den 2000 gegründeten The Shining mit John Squire von Beginn an ein Musiker dabei, dessen Band für The Verve erst den Startschuss gaben: die Stone Roses.


Das könnte dir auch gefallen:

Die 15 berühmtesten Alter Egos der Musikgeschichte

Wer ist wer auf dem Sgt. Pepper Cover – Wir haben es entschlüsselt!

10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 1

Popkultur

Zeitsprung: Ab 5.12.1981 definieren Black Flag mit „Damaged“ das Hardcore-Genre.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.12.1981.

von Peter Hesse und Christof Leim

Am 5. Dezember 1981 lassen Black Flag mit neuem Sänger Henry Rollins ihr ungestümes Debütalbum Damaged auf die Welt los. In der Folgezeit werden die kalifornischen Krachmacher zu wichtigen Vertretern des Punk Rock, auch weil sie die Idee des DIY, des „Do-It-Yourself“, wie wenige beherzigen und umsetzen. Ihr Sound ist ebenso frisch: Hardcore nennt sich diese Variante, weil sie den Punk Rock noch aggressiver, schneller und ungestümer spielen. Die Szene steht applaudierend daneben und beklatscht die Scheibe als Meilenstein.

Hier könnt ihr euch Damaged von Black Flag anhören:

Punk ist nicht nur Punk, weil man bunte Haare hat. Der Masterplan dahinter umfasst mehr. Henry Rollins, Black-Flag-Frontmann von 1981 bis 1986, erklärt das in einer Radiosendung so: „Du bist gegen das Establishment? Gründe eine Band! Du kannst kein Instrument spielen? Schaff dir das drauf! Du hast kein Label, keinen Grafiker und niemanden, der Konzerte bucht? Auch das kannst du dir mit Fleiß und in kompletter Eigenregie draufschaffen.“

Vielseitige Inspirationen

Mit dieser Do-It-Yourself-Maxime – „Sei dein eigener ideologischer Macher!“ – fühlt sich Bandchef Greg Ginn als Gitarrist, Songwriter und Texter sehr wohl. Zunächst heißt seine Truppe noch Panic, die ersten professionellen Gehversuche als Black Flag datieren auf den Spätsommer 1978. Geprobt wird in einer Garage in Hermosa Beach, einem kleinen Kaff im Süden von Kalifornien. Privat schwört Ginn auf Black Sabbath und die Scorpions, im weiteren Verlauf der Achtziger lässt er sich von der Freejazz-Avantgarde eines Glenn Branca oder dem Jazzrock des Mahavishnu Orchestra inspirieren. 

Black Flag 1983 in London – Pic: Erica Echenberg/GettyImages.

Doch als musikalische Ziehväter gelten in der frühen Black-Flag-Phase vor allem die Stooges und die Ramones. „Wir haben nicht so viel in Genres gedacht“, erinnert sich Ginn. Mit dem ersten Sänger Keith Morris besucht er 1976 ein Konzert der Ramones in Los Angeles. „Nachdem wir sie gesehen hatten, war ich mir sicher: Wenn die das können, dann können wir das auch.“ 

Dreckig und ungestüm

Drei EPs bringen Black Flag von 1979 bis 1981 unter die Leute, Ende 1981 steht dann das Line-up für die erste vollständige Langspielplatte. Dabei sind: Greg Ginn (Leadgitarre), Dez Cadena (Rhythmusgitarre), Chuck Dukowski (Bass) und Robo (Schlagzeug), am Gesang ein Neuzugang namens Henry Rollins, heute unter anderem als Solokünstler, Autor und Spoken-Word-Held bekannt.

Diese Mannschaft nimmt mit dem ungestümen Selbstvertrauen der frühen Jugend in den Unicorn Studios am Santa Monica Boulevard in West-Hollywood das erste Album auf: Damaged. Die Stimmung in der Band ist gut in dieser Zeit; die fünf Mitglieder leben während der Arbeiten wie eine Punk-Rock-Kommune in einem anderen Teil des Studiogebäudes, wo sie auch die Songs einstudieren.

Die Lösung zur Tragödie

Als Markenzeichen des Black-Flag-Debüts erweist sich im betont brachialen Wall-Of-Sound-Klang vor allem der Gitarrenton von Greg Ginn. Seine Riffs und Soli klingen auf Stücken wie Gimmie Gimmie Gimmie oder What I See immer wie eine Mischung aus Distortion-Orgie, Autounfall und Blitzeinschlag. Dieses dreckige Grundriffing wird später im Death und Black Metal noch oft zitiert werden.

Die Texte bei Stücken wie Six Pack, Thirsty & Miserable oder TV Party drehen sich dabei um Alltagsbeschreibungen; im Song Depression singt Rollins gegen die bösen Geister in seinem Kopf an. Sein Selbstverständnis als Songschreiber beschreibt er so: „Iggy Pop sagte mal, dass Rock’n’Roll die Lösung für die menschliche Tragödie sein soll und dass Bands verzweifelt versuchen, dieses Problem zu lösen. Das habe ich auch irgendwie probiert.“ Seine Sensibilität stilisiert er mit vielen Kraftausdrücken,  – die Live-Konzerte werden zu ungestümen Brachialdarbietungen. 

Vom Untergrund in die Legendengalerie

Das Album erscheint am 5. Dezember 1981 über SST Records, das Ginn erneut in bester DIY-Manier neben Black Flag gegründet hatte. Hier erscheinen auch die ersten Lärmereien von Anti-Mainstream-Bands wie Minutemen, Hüsker Dü, Meat Puppets, Soundgarden, Sonic Youth und Dinosaur Jr. Damaged markiert damals nach ein paar Singles und EPs die erst siebte Veröffentlichung auf Label.

Anfangs beschränkt sich die Wirkung der Platte erwartungsgemäß auf die Punk-Szene und den Untergrund. Doch im Laufe der Jahre wird Damaged in der Punk-Weltgemeinde zusehends als Genreklassiker verehrt. Der Rolling Stone etwa schreibt: „Black Flag haben den L.A.-Hardcore definiert mit den brutalen Gitarren und dem angepissten Geschrei von Henry Rollins, insbesondere auf TV Party und Rise Above. Heute noch hören Punks diese Platte, und heute noch finden Eltern das fürchterlich.“ So muss es sein.

Zeitsprung: Am 30.11.2003 bekommt Joey Ramone seine eigene Straßenecke in New York.

Continue Reading

Popkultur

„Under Attack“: Vor 40 Jahren erscheint die (vorerst) letzte ABBA-Single

Published on

ABBA
Foto: Andy Hosie /Mirrorpix/Getty Images

Ende 1982 ist bei ABBA die Luft raus. Die Popularität der erfolgreichsten Band der Siebziger lässt stark nach, die Mitglieder sind zerstritten, lustlos und geschieden. Das hört man auch der letzten Single Under Attack an, die die Band vor 40 Jahren veröffentlicht. Chronik eines Untergangs.

von Björn Springorum

Zehn Jahre nach ihrer Gründung schauen ABBA auf die Scherben ihres Schaffens zurück. Jahrelang surfen Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad ganz oben auf den Schaumkronen des Erfolges, brechen Rekorde am Fließband, liefern Pop-Hits für die Ewigkeit und verkaufen hunderte Millionen Tonträger.

Mitte 1982 ist die Luft raus

Mit dem Ruhm kommt der Druck: Die persönlichen Beziehungen leiden zunehmend unter den Erfolg, schließlich zerbrechen beide Ehen der Mitglieder Fältskog/Ulvaeus sowie Andersson/Lyngstad wegen der Band. Der Grund für den großen Erfolg wird zum Grund für den großen Absturz. Alle vier versuchen, die Band am Leben zu halten, doch spätestens Mitte 1982, ziemlich genau zehn Jahre nach Gründung der Band, wird ihnen klar: Das wird so nichts. Die Magie ist weg, die Arbeit im Studio nach vielen mühelosen Jahren plötzlich ein Krampf.

Von Trennung spricht im Sommer 1982 dennoch niemand. Stattdessen schieben sie das eigentlich für den Winter geplante neue Album auf und kompilieren eine Singles-Sammlung namens The Singles – The First Ten Years. Sie wissen es damals noch nicht, aber: Es wird fast 40 Jahre dauern, bis dieses eigentlich für 1982 geplante neue Album endlich erscheint.

Neue Songs entstehen in diesem Jahr dennoch. Im Hochsommer nehmen ABBA The Day Before You Came und Under Attack auf. Letzterer erscheint am 3. Dezember 1982, und wird für sehr lange Zeit die letzte ABBA-Single sein. Damals wusste das natürlich niemand. Anders ist die schwache kommerzielle Performance der beiden Songs zumindest nicht zu erklären: Für Under Attack gibt es Platz 26 in Großbritannien, gar nur 96 in Australien, wo man ABBA bekanntlich gottgleich vergöttert. „Wir hätten vielleicht noch ein bisschen länger weitergemacht, wenn The Day Before You Came eine Nummer Eins gewesen wäre“, so sagte Ulveaus mal auf unmissverständlich erfolgsorientierte Weise.

Fast 40 Jahre Pause

Was nach außen noch schön weggelächelt wurde, hat intern längst zu Entscheidungen geführt. Das Video zu Under Attack, gedreht im November, zeigt die Bandmitglieder am Ende von hinten in eine ungewisse Zukunft davongehen – das unausgesprochene Ende von ABBA. Auch der Text kann entsprechend interpretiert werden, wenn es heißt:

Under attack, I’m being taken
About to crack, defenses breaking
Won’t somebody see and save a heart?
Come and rescue me now cause I’m falling apart

Zu einer Aufführung des Songs kommt es am 11. Dezember 1982 in der Late Late Breakfast Show von BBC. Es ist der letzte gemeinsame Auftritt von ABBA. Auch wenn das damals niemand weiß: Bekanntlich haben sich ABBA nie offiziell aufgelöst. Und danach einfach eine sehr, sehr, sehr lange Pause gemacht. An der Klasse dieses Songs kann es nicht gelegen haben: Under Attack führt vollkommen zu Unrecht ein Nischendasein im ABBA-Katalog.

Noch 1983 hört man von den Mitgliedern, dass ein neues Album in Arbeit sei. Dazu kam es aber bekanntlich bis Voyage nicht mehr – ein Album, das stolze 40 Jahre nach The Visitors erscheint und diese unrühmlichen letzten Monate des Jahres 1982 einfach vergessen lässt. Musik kann das. Insbesondere wenn sie von ABBA kommt.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

The Visitors: Als ABBA müde wurden

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 4.12.1970 erscheint das erste Album von Wishbone Ash.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.12.1970.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit Wishbone Ash verhält es sich wie mit der französischen Küche: Schmeckt nicht jedem, hat aber Klasse. Vor allem die doppelte Gitarrenspitze der Briten gilt als Wegweiser für Bands wie Thin Lizzy und Iron Maiden. Nicht gerade die kleinsten Namen der Musikwelt. Schauen wir mal, wie alles angefangen hat.

Hier könnt ihr euch Wishbone Ash anhören: 

Für die Vorgeschichte von Wishbone Ash müssen wir zunächst eine Zeitreise zur Mitte der Sechziger machen, als die Beatmusik gerade die Welt erobert. Bereits 1963 gründet Sänger und Bassist Martin Turner die Gruppe The Torinoes, 1966 steigt Schlagzeuger und Percussionist Steve Upton ein. Nach der ersten Umbenennung in The Empty Vessels stößt auch Martins Bruder Glenn Turner dazu. Wenig später verpasst sich die Band den Namen Tanglewood und siedelt nach London um, Glenn steigt zu jener Zeit wieder aus. Die Gründung von Wishbone Ash steht nun ganz kurz bevor.

Doppelspitze statt Endausscheidung

Der Startschuss fällt im Oktober 1969. Nach ersten gemeinsamen Projekten beschließen Martin Turner und Steve Upton, eine neue Gruppe ins Leben zu rufen. Da die beiden nur zu zweit sind, begibt sich Manager Miles Copeland III (der acht Jahre ältere Bruder von Police-Schlagzeuger Stewart) auf die Suche nach einem Musiker für den Posten an den sechs Saiten. In die Endauswahl gelangen schließlich Andy Powell und Ted Turner. 

Diese schmucken Herren nehmen ab 1970 die Welt des Progressive Rock ein: Steve Upton, Martin Turner, Andy Powell und Ted Turner (sitzend) – Pic: Gijsbert Hanekroot/Redferns/Getty Images.

Statt sich für einen der beiden zu entscheiden, verpflichtet die Gruppe kurzerhand beide Anwärter, und legt damit den Grundstein für einen ihrer wichtigsten Bestandteile: die Leadgitarren-Doppelspitze. Das gab es zwar schon, zum Beispiel bei der Allman Brothers Band((LINK)), doch Wishbone Ash entwickeln in den Folgejahren ihre ganz eigene Mischung aus Progressive Rock, Folk und klassischen Einflüssen. Den Namen für ihr neues Projekt finden die Musiker nach dem Baukastenprinzip. So schreiben die Mitglieder mehrere Vorschläge auf zwei Blatt Papier. Martin Turner wählt anschließend ein Wort von jeder Seite aus: „Wishbone“ und „Ash“.

Ritchie Blackmore gibt Starthilfe

Ihr erstes Album Wishbone Ash veröffentlichen die Briten am 4. Dezember 1970. Den dazugehörigen Plattenvertrag erhält die Gruppe durch niemand Geringeren als Ritchie Blackmore. Der staunt nämlich nicht schlecht, als Wishbone Ash einige Shows für Deep Purple eröffnen und Andy Powell während eines Soundchecks spontan seine Gitarre einstöpselt und in einen von Blackmores Jams einsteigt. Und noch eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Bands: Die Produktion der ersten Wishbone-Platten übernimmt der langjährige Purple-Produzent Derek Lawrence. Die Zusammenarbeit zündet schon beim ersten Versuch: Das Debüt klettert auf Platz 29 der britischen Charts. In den Jahren danach steht Wishbone Ash der Weg Richtung Rockolymp bevor, doch das sind wieder einmal andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 30.12.1978 gehen Emerson, Lake & Palmer getrennte Wege.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss