------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Rammstein

Published on

Die markigen Gitarrenriffs, das kehlig gerollte R, die expliziten Texte und nicht zuletzt die aufwändigen Musikvideos und Bühnenshows: Kaum eine deutsche Band hat in den letzten dreißig Jahren dermaßen polarisiert wie Rammstein – und das als Gesamtpaket. Kein Wunder eigentlich bei dem martialischen Auftreten, der Koketterie mit Tabuthemen und nicht zuletzt dem Sound der Band um Sänger und Rampensau Till Lindemann. Der ist schleppend, mächtig, männlich und irgendwie… deutsch. Dazu kommen wahnwitzige Pyro-Shows und Videos, die vor Gewaltdarstellungen, sexuellen Anspielungen oder sogar nackten Tatsachen nur strotzen. Ganz klar: Rammstein bieten viel Angriffsfläche. Und dennoch werden sie geliebt für das, was sie tun. Und das nicht zu knapp.


Hört euch hier die musikalische DNA von Rammstein in einer Playlist an und lest weiter:


Am sicherlich unschuldigsten ist dabei noch die Musik der 1994 gegründeten Band, die sich aus diversen anderen Gruppierungen aus dem DDR-Underground rekrutierte. „Den Stil haben wir gefunden, indem wir alle genau wussten, was wir nicht wollen“, sagte Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz einst. „Und wir wollten genau nicht amerikanische Funkymusik machen oder Punk eben oder irgend so was, was wir gar nicht können. Wir haben gemerkt, dass wir nur diese Musik können, die wir auch spielen. Und die ist halt mal sehr einfach, stumpf, monoton.“ Heißt auch: Sie geht schnell rein. Was sich aber für vielschichtige Einflüsse hinter dem simplen Sound verstecken, das erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA der „letzten Buhmänner der Rockmusik“, wie sie Journalist Ralf Schlüter einst in der Berliner Zeitung nannte.


1. Nina Hagen – Antiworld

Wer hat’s zuerst gerollt? Dass Till Lindemann das R in Rrrrrammstein dermaßen sonor aus der Kehle kullern lässt, hat allein für genug Diskussionsstoff gesorgt – denken die meisten Menschen bei diesem Klang doch an eine ganz bestimmte historische Person. Lindemann selbst aber wies jede Absicht von sich: „Es kam von selbst, weil du in dieser tiefen Tonlage automatisch so singst. Wir wollten damit um Gottes Willen keine faschistische Attitüde erschaffen“, sagte der Sänger bereits 1997 gegenüber dem Musikexpress. Zumal das theatralisch gerollte R eine Lange musikalische Tradition hat: Zu den Zeiten der Comedian Harmonists war es völlig normal, den Konsonanten überzubetonen. „Why do you speak so funny?“, fragt auch eine Unbekannte auf dem Opener von Nina Hagens erstem Solo-Album NunSexMonkRock. Mit dem Song Antiworld setzte die Ost-Berliner Chaotin aber nicht allein mit ihrer Aussprache klare Akzente, sondern nahm sich alle möglichen künstlerischen Freiheiten. Die wären ihr so in der DDR vermutlich nicht zugekommen, doch übte Hagen auf die dortige Musikszene einen großen Einfluss aus – auch auf die späteren Rammstein-Mitglieder. Als Hagen 2003 der Band gemeinsam mit Apocalyptica das Rammstein-Stück Seemann coverte, zeigte sich sogar der sonst so lakonische Flake überwältigt: „Wenn eine Frau wie Nina ein Lied von uns spielt, ist das wie ein Orden, mehr wert als zehn Echos, Grammys und was die Geschäftswelt so bereithält.“ Rrrrührrrend!


2. Ramones – Pet Sematary


Nina Hagens künstlerisch überhöhter Punk-Entwurf lieferte auch sicherlich einige Inspiration für Rammsteins opulente Selbstinszenierung, musikalisch aber mag es die Band doch schlichter. Weniger exaltiert und angesichts von Rammsteins eigenem Sound erstaunlich poppig sind etwa die Ramones, die trotzdem zum wichtigen Vorbild wurden. Bereits zwei Jahre nach Gründung begleiteten die deutschen Schwermetaller die US-amerikanischen Punkrocker auf ihrer Abschiedstour und nahmen im Jahr 2001 an einer Gedenkveranstaltung für den im April des Jahres verstorbenen Joey Ramone teil. Gemeinsam mit Marky und C.J. Ramone sowie dem Misfits-Sänger Jerry Only sang Flake mit seiner Band den Song Pet Sematary. Der Friedhof der Kuscheltiere, das ist doch schließlich die perfekte Bühne für Rammstein. Neben Lindemann, der sich mit seiner Fun-Punk-Band First Arsch schon eindeutig an den Sound der spindeldürren New Yorker anlehnte, schwärmte vor allem Flake für den Ramoneschen Reduktionismus. “Die haben ihr dreckiges Tuch hinter die Bühne gehängt, mit ihrem Western-Zeichen – ‚hey ho let’s go‘ und dann ging’s los“, erinnerte er sich an die gemeinsame Tour. „Und da hab ich gedacht: So will ich eigentlich Musik machen!“ Wie Rammstein wohl klängen, wenn sie es genauso hielten?

 


3. Pantera – Walk

Zumindest würden Rammstein nicht ohne die messerscharfen und doch tonnenschweren Gitarrenriffs von Paul Landers so klingen, wie sie es heute tun. Der spielte vor Rammstein gemeinsam mit Flake bei der ebenfalls aus dem Punk kommenden Band Feeling B, bei der auch Drummer Christoph „Doom“ Schneider zwischen 1990 und 1993 mitmischte. Schneider zeigte sich stets ehrfürchtig vor dem Gitarristen, der hohe Maßstäbe an die Performance seiner Band anlegte: „Er kann einem schon das ganze Selbstbewusstsein rauben. Er meckert heute noch manchmal mit mir rum“, gab er kleinlaut in einer Feeling B-Biografie zu Papier. Auch für die neue Band um Till Lindemann hatte Schneider zuerst nur wenig warme Worte übrig. Als „Hilfs-Pantera“ soll er sie verächtlich bezeichnet haben, erinnerte sich der Schriftsteller Peter Richter in einem Artikel über die Band. Warum, das ist auch heute noch deutlich zu hören: Die texanische Metal-Band und insbesondere ihr Gitarrist „Dimebag“ Darrell Abbott formulierten einen ähnlichen strengen Sound, an dessen knallharten Riffs kein Gramm zu viel klebte. Um den Groove ging es auf Alben wie Vulgar Display Of Power. Rammstein nahmen es sich zu Herzen und regelten nur das Tempo herunter.


4. Clawfinger – Warfair

Simple, sich wiederholende Strukturen und ein breitwandiger Sound sind allerdings noch nicht alles, was Rammstein ausmacht. Schon immer suchte die Band die Nähe zu anderen Genres, ungewöhnlichen Klängen und unkonventionellen Strukturen Als die Band 1994 die Bühnen der Welt betrat, war die Zeit günstig. Mit Clawfinger hatte im Vorjahr eine Band debütiert, welche den sich langsam abzeichnenden Crossover-Sound maßgeblich mitprägte. Ihr Album Deaf Dumb Blind mit Songs wie Warfair war ähnlich groovig wie Pantera zu ihren Hochzeiten, bezog seine Einflüsse aber aus eher funkigeren Gebieten wie dem Hip Hop. Rammstein erwiesen der schwedisch-norwegischen Band immer noch dann Respekt, als diese Ende der neunziger Jahre ihren Zenit überschritten hatten und revanchierten sich damit dafür, dass sie dank Clawfinger ihre ersten internationale Konzerte spielen durften. Als die Schüler zum Lehrmeister wurden, vergaßen sie die einstigen Tourkameraden nicht: Clawfingers Remix-Arbeiten an Rammstein-Songs wie Du Hast, Sonne oder Keine Lust brachten sie trotz sinkenden Interesses immer wieder ins Gespräch. Einen ganz besonderen Begleiter verdanken Rammstein wohl ebenso Clawfinger: Nachdem Jacob Hellner zuerst Deaf Dumb Blind produziert hatte, wurde er zum Stammproduzenten der deutschen Band. Eine einzigartige, wie Hellner selbst sagt – die Band macht es ihm schließlich einfach. „Rammstein kommen rein und spielen nahezu fertiges Material“, schwärmte er.


5. Project Pitchfork – Alpha Omega

Nicht allein Clawfinger waren zugleich mit Rammstein auf Tour und steuerten Remixe zu ihrem umfassenden Werk bei, nein. Auch die 1989 gegründete Darkwave-Band Project Pitchfork nahmen sie 1995 als Vorgruppe auf Tour und interpretierten den Song Du riechst so gut für die Single-Veröffentlichung auf ihre unnachahmliche Art neu. Das Hamburger Projekt um Peter Spilles etablierte sich bereits 1992 und stand unter anderem im engen Austausch mit Oomph!, die Rammstein ebenso getrost als wichtige Inspiration verbuchen können. Auch die Nähe zum Project Pitchfork verblüfft nur auf den ersten Blick: Der vor allem als Spaßmacher bei Live-Shows bekannte Flake bringt sich musikalisch schließlich mit epischen Keyboard-Sounds ein, welche die Band oft in Nähe des Industrial Rocks von Nine Inch Nails gerückt haben – nicht ohne Grund waren schließlich beide auf dem Soundtrack des David Lynch-Films Lost Highway zu hören. So reihen sich Project Pitchfork in das Spalier derer ein, die Rammstein einst protegierten und von denen sie doch überflügelt worden. Alles begann auf einer Tour mit dem vielsagenden Titel Alpha Omega nach dem gleichnamigen Project Pitchfork-Album.


6. Depeche Mode – Stripped

Noch eindeutiger zeigten sich die Synthie-Einflüsse, als Rammstein für die Depeche Mode-Tribute-Compilation For The Masses deren Song Stripped coverten. Nicht ihre erste Huldigung an elektronische Vorväter: Schon Kraftwerks Das Modell hatte die Band neu interpretiert. Diesmal aber löste der Song einen Skandal aus. Beziehungsweise das Video dazu, denn wie so oft provozierten Rammstein vor allem visuell eine deftige Diskussion. Was war passiert? Regisseur Philipp Stölz hatte für das für das Video Szenen aus dem Film Olympia zusammengeschnitten! Die Regisseurin Leni Riefenstahl dokumentierte darin die olympischen Spiele des Jahres 1936 in Berlin. Riefenstahl war ein Aushängeschild nationalsozialistischer Kunst und eine flammende Verehrerin Adolf Hitlers. Dementsprechend ist Olympia weniger Dokumentation denn vielmehr ästhetisierter Propagandafilm. Schon wieder sah sich die Band zu Rechtfertigungen genötigt: „Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!“, rief Lindemann damals dem Rolling Stone entgegen. Stölz selbst meinte gegenüber dem TagesAnzeiger, das Video ließe sich „leicht als kalkulierten Skandal deuten. Aber ich bin frei von jeder fragwürdigen Gesinnung. Ich hab auch nie ganz verstanden, warum sich bei Rammstein immer alles um diese angebliche Nazi-Konnotation drehte. Wie dumm ist das denn! Die Texte von Rammstein sind wahnsinnig ironisch.“


7. Laibach – Geburt einer Nation

Die Meister der ironischen Verdrehung allerdings sind Laibach. Auf ihrem Album Opus Dei etwa coverte der musikalische Ableger des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK) im Jahr 1987 zwei berühmte Rocksongs: Opus’ Live Is Life und Queens One Vision wurden unter den Händen der Band zur martialisch anmutenden Märschen, die deutlich die musikalische Sprache totalitärer Systeme aufriefen. Der Fall scheint klar: Da haben Rammstein ihr Handwerk gelernt! Ganz so einfach ist es aber nicht: „Für mich ist Laibach eine sehr, sehr intellektuelle Geschichte“, brachte Gitarrist Richard Kruspe seine Missgunst zum Asudruck. Flake allerdings räumte die offensichtlichen Ähnlichkeiten vor allem im hypermaskulinen Gesangsstil durchaus ein. Woher aber kommt Rammsteins Spiel mit den Ambivalenzen? Christopher Schneider sieht die Band in einer bestimmten textlichen Tradition: „Wenn man sich Texte von DDR-Bands ansieht, sieht man, wie gut die teilweise sind, wenn sie ein Thema mit lyrischen Mitteln umschreiben“, sagte der Schlagzeuger. „Diese Vergangenheit ist mit uns eng verbunden.“ So oder so müssen sich Rammstein immer mit den großen slowenischen Kollegen messen. Immerhin der slowenische Philosoph Slavoj Žižek sprach Rammstein ein ähnliches Subversionspotenzial zu: „Rammstein unterlaufen die totalitäre Ideologie nicht durch ironische Distanz, sondern durch Konfrontation mit der obszönen Körperlichkeit der ihr zugehörigen Rituale und machen sie damit unschädlich“, schrieb er auf ZEIT Online. Und obwohl Laibach selbst sagten, dass Rammstein die Kinderversion ihrer eigenen Band seien: Sie coverten Rammsteins Ohne Dich als skurrile Schlager-Version. Oder war das auch nur ein ironischer Witz?


8. The Prodigy – Smack My Bitch Up

Ähnlich wie die slowenischen (Nicht-)Vorbilder Laibach gehört das Visuelle bei Rammstein zum Gesamtimage unbedingt dazu. Das Stripped-Video jedoch war nur die Spitze des Eisbergs. Für das Video zum Song Pussy etwa mietete sich die Band in einem Bordell in Berlin-Charlottenburg ein, um mit Pornostars zusammen… Naja, ihr könnt es euch denken. Anschauen jedoch könnt ihr euch die unzensierte Version jedoch lediglich auf einschlägigen Internetseiten. Verantwortlich für dieses und andere Videos ist der Regisseur Jonas Åkerlund, der selbst auf eine musikalische Karriere zurückschauen kann: Zwischen 1983 bis 1984 war er Schlagzeuger der Band Bathory, die maßgeblich für das Black Metal-Genre waren. Seinen internationalen Durchbruch erlebte der Schwede im Jahr 1997 mit dem skandalösen Video zum Song Smack My Bitch Up von der Rave-Band The Prodigy. Darin ist eine exzessive Nacht aus der Egoperspektive zu sehen – weiße Lines, sexuelle Übergriffigkeiten und eine Clubschlägerei inklusive. Nach einem Autoklau und einer wilden Sexszene mit einer Stripperin wartet allerdings eine Überraschung aufs Publikum: Das hat den Abend nicht etwa wie angenommen aus der Perspektive eines Mannes, sondern einer Frau erlebt. Ein Video voller „obszöner Körperlichkeiten“ und damit ganz nach Rammsteins Geschmack. Seit 2005 arbeitet die Band regelmäßig mit Åkerlund zusammen, der sich auch für den megalomanischen Konzertfilm Rammstein: Paris verantwortlich zeigte.


9. Kurt Weill – Die Moritat von Mackie Messer (aus: Die Dreigroschenoper)

Rammsteins theatralische Selbstinszenierung lässt sich leicht in die zwanziger und natürlich dreißiger Jahre zurückverfolgen, erschöpft sich jedoch nicht am rechten Rand. Lindemanns Faible für deutsche Literatur – er selbst hat als Lyriker debütiert – erstreckt sich ebenso auf einen der großen Dramaturgen der Weimarer Republik: Bertolt Brecht. Die Zeilen „Und der Haifisch der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht“ aus dem Rammstein-Song Haifisch sind eine eindeutige Anspielung auf Die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper, dem epischen Theaterstück, welches Brecht gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill auf die Bühne brachte. Das Bänkellied aus dem 1928 veröffentlichten Drama wurde zu einer Art skurrilem Welthit, den selbst ein Frank Sinatra coverte. „Brecht schrieb ja vor allem in den 20er-Jahren über Abgründe, Exzesse und Obsessionen“, begründete Lindemann dem Berliner Stadtmagazin tip gegenüber seine Faszination mit dem Schriftsteller, der 1933 vor den Nazis ins Exil flüchtete. Insbesondere Brechts erzählender Stil gefällt dem Sänger, wohl aber genauso dessen kaltschnäuziger Bruch mit allen Tabus seiner Zeit. Ob Brecht allerdings an Rammstein Gefallen gefunden hätte?

 


10. Dresdner Sinfoniker – Stimmen aus dem Kissen

Wer sich seine Inspiration aus der sogenannten Hochkultur bezieht, der wird wohl früher oder später ebenso von ihr entdeckt. Nicht allein ein auf Metal ausgerichtetes Klassik-Projekt wie Apocalyptica widmete sich dem Sound der Neuen Deutschen Härte, wie sie von Rammstein durch die Welt getragen wurde – auch die Dresdner Sinfoniker adaptieren ihre Stücke! Der 2003 veröffentlichte Liederzyklus Mein Herz brennt des 1996 von Markus Rindt und Sven Helbig gegründeten Orchesters für zeitgenössische Musik interpretierte unter der Leitung von Komponist Torsten Rasch eher, sagen wir mal, unverfängliche Stücke aus deren Backkatalog neu: Mutter, Herzeleid, Sehnsucht und der titelgebende Song erhielten ein neues, aufgebauschtes Gewand. Auf dem ECHO-prämierten Album findet sich ebenso ein Stück mit sogenannten Variationen über Rammstein, das Lied Stimmen aus dem Kissen, das nachdrücklich darlegte, wie inspirierend die Musik Rammsteins für Neue Musik sein kann! Wie so oft in der Rammstein-Geschichte ergriff die Band die Gelegenheit für eine weitere Zusammenarbeit: Sven Helbig trat seitdem des Öfteren als Produzent von Rammstein in Erscheinung. Kommt also bald die erste Rammstein-Sinfonie? Wir warten es ab!


Das könnte dich auch interessieren:

5 Wahrheiten über Rammstein

10 deutsche Songs, die die ganze Welt kennt

Popkultur

Zeitsprung: Ab 5.12.1981 definieren Black Flag mit „Damaged“ das Hardcore-Genre.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.12.1981.

von Peter Hesse und Christof Leim

Am 5. Dezember 1981 lassen Black Flag mit neuem Sänger Henry Rollins ihr ungestümes Debütalbum Damaged auf die Welt los. In der Folgezeit werden die kalifornischen Krachmacher zu wichtigen Vertretern des Punk Rock, auch weil sie die Idee des DIY, des „Do-It-Yourself“, wie wenige beherzigen und umsetzen. Ihr Sound ist ebenso frisch: Hardcore nennt sich diese Variante, weil sie den Punk Rock noch aggressiver, schneller und ungestümer spielen. Die Szene steht applaudierend daneben und beklatscht die Scheibe als Meilenstein.

Hier könnt ihr euch Damaged von Black Flag anhören:

Punk ist nicht nur Punk, weil man bunte Haare hat. Der Masterplan dahinter umfasst mehr. Henry Rollins, Black-Flag-Frontmann von 1981 bis 1986, erklärt das in einer Radiosendung so: „Du bist gegen das Establishment? Gründe eine Band! Du kannst kein Instrument spielen? Schaff dir das drauf! Du hast kein Label, keinen Grafiker und niemanden, der Konzerte bucht? Auch das kannst du dir mit Fleiß und in kompletter Eigenregie draufschaffen.“

Vielseitige Inspirationen

Mit dieser Do-It-Yourself-Maxime – „Sei dein eigener ideologischer Macher!“ – fühlt sich Bandchef Greg Ginn als Gitarrist, Songwriter und Texter sehr wohl. Zunächst heißt seine Truppe noch Panic, die ersten professionellen Gehversuche als Black Flag datieren auf den Spätsommer 1978. Geprobt wird in einer Garage in Hermosa Beach, einem kleinen Kaff im Süden von Kalifornien. Privat schwört Ginn auf Black Sabbath und die Scorpions, im weiteren Verlauf der Achtziger lässt er sich von der Freejazz-Avantgarde eines Glenn Branca oder dem Jazzrock des Mahavishnu Orchestra inspirieren. 

Black Flag 1983 in London – Pic: Erica Echenberg/GettyImages.

Doch als musikalische Ziehväter gelten in der frühen Black-Flag-Phase vor allem die Stooges und die Ramones. „Wir haben nicht so viel in Genres gedacht“, erinnert sich Ginn. Mit dem ersten Sänger Keith Morris besucht er 1976 ein Konzert der Ramones in Los Angeles. „Nachdem wir sie gesehen hatten, war ich mir sicher: Wenn die das können, dann können wir das auch.“ 

Dreckig und ungestüm

Drei EPs bringen Black Flag von 1979 bis 1981 unter die Leute, Ende 1981 steht dann das Line-up für die erste vollständige Langspielplatte. Dabei sind: Greg Ginn (Leadgitarre), Dez Cadena (Rhythmusgitarre), Chuck Dukowski (Bass) und Robo (Schlagzeug), am Gesang ein Neuzugang namens Henry Rollins, heute unter anderem als Solokünstler, Autor und Spoken-Word-Held bekannt.

Diese Mannschaft nimmt mit dem ungestümen Selbstvertrauen der frühen Jugend in den Unicorn Studios am Santa Monica Boulevard in West-Hollywood das erste Album auf: Damaged. Die Stimmung in der Band ist gut in dieser Zeit; die fünf Mitglieder leben während der Arbeiten wie eine Punk-Rock-Kommune in einem anderen Teil des Studiogebäudes, wo sie auch die Songs einstudieren.

Die Lösung zur Tragödie

Als Markenzeichen des Black-Flag-Debüts erweist sich im betont brachialen Wall-Of-Sound-Klang vor allem der Gitarrenton von Greg Ginn. Seine Riffs und Soli klingen auf Stücken wie Gimmie Gimmie Gimmie oder What I See immer wie eine Mischung aus Distortion-Orgie, Autounfall und Blitzeinschlag. Dieses dreckige Grundriffing wird später im Death und Black Metal noch oft zitiert werden.

Die Texte bei Stücken wie Six Pack, Thirsty & Miserable oder TV Party drehen sich dabei um Alltagsbeschreibungen; im Song Depression singt Rollins gegen die bösen Geister in seinem Kopf an. Sein Selbstverständnis als Songschreiber beschreibt er so: „Iggy Pop sagte mal, dass Rock’n’Roll die Lösung für die menschliche Tragödie sein soll und dass Bands verzweifelt versuchen, dieses Problem zu lösen. Das habe ich auch irgendwie probiert.“ Seine Sensibilität stilisiert er mit vielen Kraftausdrücken,  – die Live-Konzerte werden zu ungestümen Brachialdarbietungen. 

Vom Untergrund in die Legendengalerie

Das Album erscheint am 5. Dezember 1981 über SST Records, das Ginn erneut in bester DIY-Manier neben Black Flag gegründet hatte. Hier erscheinen auch die ersten Lärmereien von Anti-Mainstream-Bands wie Minutemen, Hüsker Dü, Meat Puppets, Soundgarden, Sonic Youth und Dinosaur Jr. Damaged markiert damals nach ein paar Singles und EPs die erst siebte Veröffentlichung auf Label.

Anfangs beschränkt sich die Wirkung der Platte erwartungsgemäß auf die Punk-Szene und den Untergrund. Doch im Laufe der Jahre wird Damaged in der Punk-Weltgemeinde zusehends als Genreklassiker verehrt. Der Rolling Stone etwa schreibt: „Black Flag haben den L.A.-Hardcore definiert mit den brutalen Gitarren und dem angepissten Geschrei von Henry Rollins, insbesondere auf TV Party und Rise Above. Heute noch hören Punks diese Platte, und heute noch finden Eltern das fürchterlich.“ So muss es sein.

Zeitsprung: Am 30.11.2003 bekommt Joey Ramone seine eigene Straßenecke in New York.

Continue Reading

Popkultur

„Under Attack“: Vor 40 Jahren erscheint die (vorerst) letzte ABBA-Single

Published on

ABBA
Foto: Andy Hosie /Mirrorpix/Getty Images

Ende 1982 ist bei ABBA die Luft raus. Die Popularität der erfolgreichsten Band der Siebziger lässt stark nach, die Mitglieder sind zerstritten, lustlos und geschieden. Das hört man auch der letzten Single Under Attack an, die die Band vor 40 Jahren veröffentlicht. Chronik eines Untergangs.

von Björn Springorum

Zehn Jahre nach ihrer Gründung schauen ABBA auf die Scherben ihres Schaffens zurück. Jahrelang surfen Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad ganz oben auf den Schaumkronen des Erfolges, brechen Rekorde am Fließband, liefern Pop-Hits für die Ewigkeit und verkaufen hunderte Millionen Tonträger.

Mitte 1982 ist die Luft raus

Mit dem Ruhm kommt der Druck: Die persönlichen Beziehungen leiden zunehmend unter den Erfolg, schließlich zerbrechen beide Ehen der Mitglieder Fältskog/Ulvaeus sowie Andersson/Lyngstad wegen der Band. Der Grund für den großen Erfolg wird zum Grund für den großen Absturz. Alle vier versuchen, die Band am Leben zu halten, doch spätestens Mitte 1982, ziemlich genau zehn Jahre nach Gründung der Band, wird ihnen klar: Das wird so nichts. Die Magie ist weg, die Arbeit im Studio nach vielen mühelosen Jahren plötzlich ein Krampf.

Von Trennung spricht im Sommer 1982 dennoch niemand. Stattdessen schieben sie das eigentlich für den Winter geplante neue Album auf und kompilieren eine Singles-Sammlung namens The Singles – The First Ten Years. Sie wissen es damals noch nicht, aber: Es wird fast 40 Jahre dauern, bis dieses eigentlich für 1982 geplante neue Album endlich erscheint.

Neue Songs entstehen in diesem Jahr dennoch. Im Hochsommer nehmen ABBA The Day Before You Came und Under Attack auf. Letzterer erscheint am 3. Dezember 1982, und wird für sehr lange Zeit die letzte ABBA-Single sein. Damals wusste das natürlich niemand. Anders ist die schwache kommerzielle Performance der beiden Songs zumindest nicht zu erklären: Für Under Attack gibt es Platz 26 in Großbritannien, gar nur 96 in Australien, wo man ABBA bekanntlich gottgleich vergöttert. „Wir hätten vielleicht noch ein bisschen länger weitergemacht, wenn The Day Before You Came eine Nummer Eins gewesen wäre“, so sagte Ulveaus mal auf unmissverständlich erfolgsorientierte Weise.

Fast 40 Jahre Pause

Was nach außen noch schön weggelächelt wurde, hat intern längst zu Entscheidungen geführt. Das Video zu Under Attack, gedreht im November, zeigt die Bandmitglieder am Ende von hinten in eine ungewisse Zukunft davongehen – das unausgesprochene Ende von ABBA. Auch der Text kann entsprechend interpretiert werden, wenn es heißt:

Under attack, I’m being taken
About to crack, defenses breaking
Won’t somebody see and save a heart?
Come and rescue me now cause I’m falling apart

Zu einer Aufführung des Songs kommt es am 11. Dezember 1982 in der Late Late Breakfast Show von BBC. Es ist der letzte gemeinsame Auftritt von ABBA. Auch wenn das damals niemand weiß: Bekanntlich haben sich ABBA nie offiziell aufgelöst. Und danach einfach eine sehr, sehr, sehr lange Pause gemacht. An der Klasse dieses Songs kann es nicht gelegen haben: Under Attack führt vollkommen zu Unrecht ein Nischendasein im ABBA-Katalog.

Noch 1983 hört man von den Mitgliedern, dass ein neues Album in Arbeit sei. Dazu kam es aber bekanntlich bis Voyage nicht mehr – ein Album, das stolze 40 Jahre nach The Visitors erscheint und diese unrühmlichen letzten Monate des Jahres 1982 einfach vergessen lässt. Musik kann das. Insbesondere wenn sie von ABBA kommt.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

The Visitors: Als ABBA müde wurden

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 4.12.1970 erscheint das erste Album von Wishbone Ash.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.12.1970.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit Wishbone Ash verhält es sich wie mit der französischen Küche: Schmeckt nicht jedem, hat aber Klasse. Vor allem die doppelte Gitarrenspitze der Briten gilt als Wegweiser für Bands wie Thin Lizzy und Iron Maiden. Nicht gerade die kleinsten Namen der Musikwelt. Schauen wir mal, wie alles angefangen hat.

Hier könnt ihr euch Wishbone Ash anhören: 

Für die Vorgeschichte von Wishbone Ash müssen wir zunächst eine Zeitreise zur Mitte der Sechziger machen, als die Beatmusik gerade die Welt erobert. Bereits 1963 gründet Sänger und Bassist Martin Turner die Gruppe The Torinoes, 1966 steigt Schlagzeuger und Percussionist Steve Upton ein. Nach der ersten Umbenennung in The Empty Vessels stößt auch Martins Bruder Glenn Turner dazu. Wenig später verpasst sich die Band den Namen Tanglewood und siedelt nach London um, Glenn steigt zu jener Zeit wieder aus. Die Gründung von Wishbone Ash steht nun ganz kurz bevor.

Doppelspitze statt Endausscheidung

Der Startschuss fällt im Oktober 1969. Nach ersten gemeinsamen Projekten beschließen Martin Turner und Steve Upton, eine neue Gruppe ins Leben zu rufen. Da die beiden nur zu zweit sind, begibt sich Manager Miles Copeland III (der acht Jahre ältere Bruder von Police-Schlagzeuger Stewart) auf die Suche nach einem Musiker für den Posten an den sechs Saiten. In die Endauswahl gelangen schließlich Andy Powell und Ted Turner. 

Diese schmucken Herren nehmen ab 1970 die Welt des Progressive Rock ein: Steve Upton, Martin Turner, Andy Powell und Ted Turner (sitzend) – Pic: Gijsbert Hanekroot/Redferns/Getty Images.

Statt sich für einen der beiden zu entscheiden, verpflichtet die Gruppe kurzerhand beide Anwärter, und legt damit den Grundstein für einen ihrer wichtigsten Bestandteile: die Leadgitarren-Doppelspitze. Das gab es zwar schon, zum Beispiel bei der Allman Brothers Band((LINK)), doch Wishbone Ash entwickeln in den Folgejahren ihre ganz eigene Mischung aus Progressive Rock, Folk und klassischen Einflüssen. Den Namen für ihr neues Projekt finden die Musiker nach dem Baukastenprinzip. So schreiben die Mitglieder mehrere Vorschläge auf zwei Blatt Papier. Martin Turner wählt anschließend ein Wort von jeder Seite aus: „Wishbone“ und „Ash“.

Ritchie Blackmore gibt Starthilfe

Ihr erstes Album Wishbone Ash veröffentlichen die Briten am 4. Dezember 1970. Den dazugehörigen Plattenvertrag erhält die Gruppe durch niemand Geringeren als Ritchie Blackmore. Der staunt nämlich nicht schlecht, als Wishbone Ash einige Shows für Deep Purple eröffnen und Andy Powell während eines Soundchecks spontan seine Gitarre einstöpselt und in einen von Blackmores Jams einsteigt. Und noch eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Bands: Die Produktion der ersten Wishbone-Platten übernimmt der langjährige Purple-Produzent Derek Lawrence. Die Zusammenarbeit zündet schon beim ersten Versuch: Das Debüt klettert auf Platz 29 der britischen Charts. In den Jahren danach steht Wishbone Ash der Weg Richtung Rockolymp bevor, doch das sind wieder einmal andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 30.12.1978 gehen Emerson, Lake & Palmer getrennte Wege.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss