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Popkultur

Die größten Benefizkonzerte aller Zeiten

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Wenn man bedenkt, wie lange Musik und Politik schon Hand in Hand gingen, ist es erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis Musiker*innen realisierten, dass sie wirklich etwas bewirken konnten auf der Welt – und dazu mussten sie einfach nur das tun, was sie am besten konnten: live auftreten. Aber nach George Harrisons Concert For Bangladesh 1971 begann die Idee, sich durchzusetzen. Seitdem haben gigantische Benefizkonzerte weltweit auf Themen wie Hunger oder AIDS aufmerksam gemacht. Sie haben sich zu einem enorm wirkungsvollen Werkzeug im Arsenal politisch interessierter Musiker entwickelt. Hier sind die zehn größten Benefizkonzerte aller Zeiten.

von Jamie Atkins

Concert For Bangladesh: Madison Square Gardens, New York City (1971)

Als der Sitar-Virtuose Ravi Shankar von der schnell eskalierenden humanitären Katastrophe erfuhr, unter der die vertriebenen Ureinwohner Ostpakistans Anfang 1971 litten, vertraute er sich seinem engen Freund George Harrison an. Zunächst wollte Shankar ein eigenes Benefizkonzert veranstalten. Aber mit der Zugkraft eines Ex-Beatles an Bord, einer Partnerschaft mit UNICEF im Rücken und dem Madison Square Garden als Veranstaltungsort ging bald das erste Benefizkonzert dieser Größenordnung über die Bühne.

Genau genommen handelte es sich sogar um zwei Shows an einem Tag und als das hochkarätige Line-up feststand, wurde die Spannung fast unerträglich. Das Concert For Bangladesh war Harrisons erster großer Auftritt seit dem furiosen Start seiner Solokarriere mit All Things Must Pass; obendrein mit einer Band, die aus keinen Geringeren als Eric Clapton, Billy Preston, Leon Russell und Ringo Starr bestand! Für Bob Dylan was es der erste Auftritt seit dem Isle Of Wight Festival 1969.

Die Konzerte fanden am Sonntag, den 1. August um 14.30 Uhr und 20.00 Uhr statt und waren ein durchschlagender Erfolg – nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch, weil so die Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit auf das Thema gelenkt wurde. Danach diente das Event als Blaupause für die größten Benefizkonzerte aller Zeiten, denn George Harrison gab seine Erfahrungen an Bob Geldof weiter, der das gigantische Live Aid 1985 veranstaltete. Auch das Album Concert For Bangladesh ist heute noch ein spannendes Zeitdokument.


The Secret Policeman’s Ball (1976-2008)

Hierbei handelt es sich um eine Konzertreihe zugunsten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die 1976 mit A Poke In The Eye (With A Sharp Stick) begann. Damals standen Top-Comedians wie Peter Cook, Monty Python und The Goodies auf dem Programm. Pete Townshend von The Who war 1979 der erste Musikact, der bei der Veranstaltungsreihe auftrat.

Seitdem geben sich Größen wie Joan Armatrading, Kate Bush, Duran Duran, Morrissey, Sting und U2 die Klinke in die Hand. Besonders erinnerungswürdig war sicherlich der Moment, als die Rockgötter von Spinal Tap Gesellschaft von David Gilmour bekamen!


Rock Against Racism Carnival, Victoria Park, London (1978)

Am 30. April 1978 bewies Rock Against Racism, dass ein großes Benefizkonzert auch ohne bekannte Veranstalter auskommt. Das Event war das Ergebnis einer zweijährigen Kampagne aus antirassistischen Gigs, der Verteilung von Fanzines und mehreren Versammlungen mit dem Ziel, dem wachsenden Rassismus in der Gesellschaft und dem Aufstieg des National Front in der britischen Politik entgegenzutreten.

Die Organisatoren hofften auf circa 20.000 Teilnehmer*innen. Als die Hälfte davon sich schon um 7.00 Uhr morgens im Londoner Trafalgar Square eingefunden hatte, um die vier Meilen zum Victoria Park im Osten Londons für das Konzert zu laufen, wurden die Erwartungen schnell revidiert. Am Ende strömten ungefähr 100.000 Menschen in den Park und erlebten Auftritte von Acts wie The Clash, Tom Robinson, Steel Pulse, X-Ray Spex und Sham 69.

Aufgrund des Erfolgs von Rock Against Racism fanden weitere Konzerte statt, das Thema bekam Aufmerksamkeit und, was besonders wichtig war, normale Menschen hatten das Gefühl, etwas bewegen zu können. Die Unterstützung für den National Front ließ nach und mittlerweile hat er in der Öffentlichkeit einen extrem schlechten Ruf. Rock Against Racism dagegen ging weiter.


Concerts For The People Of Kampuchea, London, Dezember (1979)

Zwischen 1975-79 war das Khmer Rouge Regime unter Pol Pot in Kambodscha für unglaubliches Leid und über zwei Millionen Tote verantwortlich (auch bekannt als die Kampuchea-Periode). Ende 1978 marschierte Vietnam in Kambodscha ein, um den dortigen Führer abzusetzen. Dadurch wurde das ganze Ausmaß des Schreckens, der sich in dem Land versteckt vor den Augen der Welt abspielte, bekannt.

Der damalige UN Generalsekretär Kurt Waldheim organisierte mit Unterstützung von Paul McCartney und UNICEF zwischen dem 26.-29. Dezember eine Reihe von Konzerten im Hammersmith Odeon in London, um Geld für die vom Krieg gebeutelten Menschen von Kambodscha zu sammeln. McCartneys Kontakte kamen ihm sehr zugute und Acts wie Queen, The Who, The Clash, Elvis Costello & The Attractions und Pretenders folgten seiner Einladung. Den Abschluss bildeten Wings mit ihrem allerletzten Auftritt.


Live Aid, Wembley Stadium, London / JFK Stadium, Philadelphia (1985)

1984 erschien der aus der Feder von Bob Geldof und Midge Ure stammende Song Do They Know It’s Christmas?, mit dessen Verkaufserlösen der Hunger in Äthiopien bekämpft werden sollte. Die größten Künstler der britischen Popmusik hatten auf der Single mitgewirkt und mit fünf Wochen an der Spitze der britischen Charts, war sie ein Megahit. Aber die Wirkung des Songs selbst war noch größer als sein finanzieller Erfolg, denn er hat sich tief ins nationale Bewusstsein eingegraben. Das zeigte sich schon, als Culture Club im selben Jahr eine Reihe von Weihnachtskonzerten spielten und das Publikum spontan und wie aus einer Kehle Do They Know It’s Christmas? anstimmte. Boy George war nicht der einzige, dem es komplett die Sprache verschlug.

Aber Bob Geldof legte noch einen drauf – mit einem der größten Benefizkonzerte der Musikgeschichte. Es bestand aus zwei gigantischen Events, die beide am 13. Juli, aber auf unterschiedlichen Kontinenten, stattfanden. Das Line-up war atemberaubend – es sollte die Fans vor Ort begeistern und auch ein möglichst großes Fernsehpublikum erreichen. Und das ist geglückt. Live Aid war ein Megaerfolg und inspirierte die Menschen weltweit. David Bowie, Queen, U2, Elton John, Paul McCartney, Black Sabbath, Madonna, eine Led Zeppelin-Reunion… das ist nur ein winziger Ausschnitt des Aufgebots. Dank Live Aid konnten $127 Mio. dazu verwendet werden, den Hunger zu bekämpfen und den Westen davon zu überzeugen, Getreide aus Überproduktion an verarmte Länder zu spenden.


Farm Aid, Memorial Stadium, Champaign, Illinois (1985)

Bob Dylan hat nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten und als er bei der Live Aid-Show in Philadelphia als Mitglied eines leicht ramponierten Trios mit Keith Richards und Ronnie Wood auf der Bühne stand, gab er zu bedenken, dass auch die benachteiligten Bauern in den USA Hilfe gebrauchen könnten. Das sorgte zwar für einen Aufschrei, aber viele fanden auch, dass er nicht ganz Unrecht hatte. Zu denen zählte auch Willie Nelson, der das Event in seinem Tourbus verfolgte.

Nelson beschäftigte sich eingehender mit der Krise, in der sich die Landwirtschaft in den USA befand: Wegen eines Gesetzes, das industrielle Landwirtschaftsbetriebe bevorzugte, hatten Kleinbauern sehr zu kämpfen und viele gingen bankrott. Mit Unterstützung von John Mellancamp und Neil Young veranstaltete Nelson am 22. September 1985 das erste Farm Aid. Das Line-up las sich wie eine Rock And Roll Hall Of Fame-Gästeliste: The Beach Boys, Johnny Cash, Dylan, Emmylou Harris, BB King, Roy Orbison, Lou Reed u.v.m. Und natürlich ließen es sich die Organisatoren selbst auch nicht nehmen, für den guten Zweck aufzutreten.

33 Jahre später ist Farm Aid immer noch eines der größten Benefizkonzerte und hat wahnsinnig viel erreicht – sowohl in direkter Hilfe für die Bauern als auch durch die Finanzierung von Infrastrukturprojekten, die nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen. Alles, von Soforthilfen im Katastrophenfall bis hin zu Beratungshotlines, wird von dem großen Publikum bezahlt, welches immer wieder für Farm Aid anreist.


The Freddie Mercury Tribute Concert For AIDS Awareness, Wembley Stadium, London (1992)

Als der Queen-Sänger Freddie Mercury an Folgen seiner AIDS-Erkrankung verstarb, beschlossen seine Bandkollegen, ihn mit einem Benefizkonzert zu ehren, mit dem Geld für die AIDS-Forschung gesammelt werden sollte. Das passte auch deswegen, weil Mercury nur sieben Jahre zuvor bei Live Aid die Performance seines Lebens gegeben hatte.

Nach der Ankündigung bei den Brit Awards 1992 waren die 72.000 Tickets schnell vergriffen und das obwohl die einzige bestätigte Band die kürzlich ihres Frontmanns beraubten Queen waren. Am 20. April wurde keiner der kurzentschlossenen Käufer*innen enttäuscht.

Die erste Hälfte des Konzerts bestand aus kurzen Sets phänomenaler Acts wie Metallica, Def Leppard und Guns N’ Roses, um das Publikum langsam für den Hauptteil des Abends in Stimmung zu bringen. Dieser bestand aus einem sensationellen Queen-Best of mit einer Reihe unglaublicher Sänger. Künstler*innen wie David Bowie, Robert Plant, Elton John, Annie Lennox und Axl Rose stellten sich der Herausforderung. Aber es war George Michael mit seiner leidenschaftlichen und aufregenden Performance von Somebody To Love, der allen die Show stahl. A Concert For Life war eines der größten Benefizkonzerte aller Zeiten und wurde in 76 Ländern ausgestrahlt. Schätzungen zufolge haben eine Milliarde Menschen das Event am Fernseher verfolgt. Alle Einnahmen gingen an eine extra ins Leben gerufene AIDS-Charity. Mercury hätte dem Ganzen bestimmt seinen Segen gegeben.


Tibetan Freedom Concert, Golden Gate Park, San Francisco (1996)

Als Adam Yauch von den Beastie Boy in Kathmandu, Nepal, die Aktivistin Erin Potts traf, erfuhr er alles über die Notlage der im Exil lebenden Tibeter und über Potts Bemühungen, Ihnen zu helfen. Nach der Begegnung blieben sie über Jahre in Kontakt und Potts hielt Yauch über die Aktivist*innen und ihre Arbeit auf dem Laufenden. Irgendwann fiel der Entschluss, ein Benefizkonzert zu veranstalten.

Das erste Tibetan Freedom Concert war eines der größten Benefizkonzerte der 90er: Unglaubliche 100.000 Menschen füllten während der zwei Tage den Golden Gate Park in San Francisco, um Künstler*innen wie Björk, A Tribe Called Quest, Rage Against The Machine, John Lee Hooker, Fugees, Pavement und natürlich die Beasties selbst zu sehen. Aber Potts und Yauch taten alles dafür, dass die Musikfans auch verstanden, worum es bei dem Event ging. Zwischen all den fantastischen Musikacts platzierten sie Ansprachen von Exilant*innen aus Tibet und Experten zu der Geschichte der Region. Die Tibetan Freedom Concerts fanden bis 2003 regelmäßig statt und haben nicht nur das Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt, sondern auch viel Geld gesammelt.


The Concert For New York City, Madison Square Garden, New York City (2001)

Wahrscheinlich war es abzusehen, dass der 11. September 2001 eines der größten Benefizkonzerte, das die USA je gesehen hat, nach sich ziehen würde. Das Concert For New York City am 20. Oktober 2001 ehrte Polizisten und Feuerwehrleute, die zuerst am Schauplatz der Tragödie waren und alle anderen, die an den Rettungs- und Bergungsarbeiten beteiligt waren.

Paul McCartney organisierte ein Konzert mit legendären Rockacts und aktuellen US-Popstars: Mick Jagger und Keith Richards, Bowie, Elton John und James Taylor standen Seite an Seite mit Destiny’s Child, Backstreet Boys und Jay Z. Aber die stürmischste Reaktion bekam der Auftritt von The Who. Ihr kurzes Set hinterließ einen so bleibenden Eindruck, dass die verbliebenen Mitglieder Roger Daltrey und Pete Townshend im Dezember 2008 vom Kennedy Centre ausgezeichnet wurden.


One Love Manchester, Old Trafford Cricket Ground, Manchester (2017)

Jeder hätte es verstanden, wenn sich Ariana Grande nach dem Bombenattentat auf ihr Konzert in der Manchester Arena am 22. Mai 2017 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätte. Aber stattdessen zeigte die Sängerin bemerkenswerten Mut und Kampfgeist und organisierte nur zwei Wochen nach dem schrecklichen Attentat ein Benefizkonzert, um den Opfern zu helfen.

Pop- und Rockgrößen waren gerne bereit, ihren Beitrag zu leisten, darunter auch einige direkt aus Manchester – nämlich Take That und Liam Gallagher. Aber eigentlich schauten alle auf Ariana Grande und sie meisterte nicht nur eines der größten Benefizkonzerte aller Zeiten, sondern auch das bis dahin größte Konzert ihrer Karriere. Für viele war der erinnerungswürdigste Moment des Abends, als sie unterstützt von Coldplay, den Oasis-Hit Don’t Look Back In Anger sang, der die Stadt seit dem Ereignis zusammengehalten und ihr Kraft gegeben hat.


Headerbild: Queen Productions Ltd

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Popkultur

Zeitsprung: Am 3.7.1969 wird Rolling-Stones-Gründer Brian Jones tot aufgefunden

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Brian Jones
Foto: Keystone/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.7.1969.

von Tom Küppers und Christof Leim

Aufstieg und Fall liegen gerade in der Kunst oft gefährlich nahe beinander. Basierend auf der Vision von Brian Jones legten die Rolling Stones den Grundstein für ihre Weltkarriere, doch der Gitarrist wird das nicht mehr erleben. Sein Tod am 3. Juli 1969 ist der tragische Höhepunkt einer traurigen Geschichte und sorgt bis heute immer mal wieder für Spekulationen.

Hört hier das letzte Stones-Album, das zu Jones’ Lebzeiten veröffentlicht wurde:

Die Jugend des am 28. Februar 1942 geborenen Lewis Brian Hopkin Jones verläuft anfangs in halbwegs geordneten Bahnen. Sein musikalisches Talent legen ihm die Eltern in die Wiege, denn der Vater unterrichtet in seiner Freizeit andere am Klavier, seine Mutter greift ebenfalls in die Tasten und leitet den örtlichen Kirchenchor. Knapp volljährig zieht er nach London, um eine neue Band zu gründen. Dort trifft er auf Mick Jagger, der Keith Richards mitbringt – das Grundgerüst der Rolling Stones steht somit. Jones ist zu diesem Zeitpunkt der klare Anführer der Band. Er bringt Jagger und Richards die Feinheiten des Rhythm & Blues näher, zeigt Mick, wie das mit der Mundharmonika geht und spielt tagelang mit Keith zu Platten von Jimmy Reed und Muddy Waters.

Sprachrohr mit Stimmungsschwankungen

Als die Stones 1963 durchstarten, ist Jones Sprachrohr und Star der Gruppe. Doch hinter den Kulissen zeigt er sich unzufrieden – vor allem ab dem Moment, als Jagger und Richards anfangen, eigene Songs zu schreiben. Denn Jones’ Schwäche liegt darin, dass er als Komponist nicht mit den anderen mithalten kann. Die Stones, getragen von einer bis dato noch nicht gesehenen Erfolgswelle, hetzen durch die Konzertsäle und Aufnahmestudios, Jones kontert dem Stress mit Drogen und Alkohol.

Brian Jones

Anfangs der klare Anführer bei den Stones: Brian Jones. (Bild: Mark & Colleen Hayward/Redferns/Getty Images)

Etliche Zeitgenossen berichten dazu von extremen Stimmungsschwankungen. Stones-Basser Bill Wyman schreibt in seiner Biografie A Stone Alone von zwei Persönlichkeiten: „Die eine gab sich introvertiert, schüchtern, sensibel, tiefgründig. Die andere war eine umher stolzierender Pfau, gesellig künstlerisch und verzweifelt auf die  Anerkennung anderer angewiesen.“ Das Problem an der Sache: Künstlerisch kriegt Jones immer weniger auf die Pfanne. Bei Aufnahmesessions beschränkt sich sein Beitrag hauptsächlich auf obskure Instrumente (auf Paint It, Black brilliert er zum Beispiel mit einem fantastischen Sitar-Lick) – wenn er überhaupt erscheint. Oft ist er zu benebelt, um Produktives beizutragen, was beispielsweise der Promo-Clip zum 1967 veröffentlichten We Love You schmerzlich vor Augen führt. Als die Stones ihre nächste US-Tour planen, wird klar, dass Jones zum einen wegen diverser Drogendelikte kein Visum erhalten wird und zum anderen überhaupt nicht mehr in der Lage ist, auf Tournee zu gehen. Jagger, Richards und Co. ziehen die Notbremse und eröffnen ihrem ehemaligen Bandleader Anfang Juni 1969, dass sich ihre Wege jetzt trennen werden. (Die ganze Geschichte dazu gibt es hier.)

Große Pläne

Jones zieht sich auf die Cotchford Farm zurück, die früher einmal dem Autoren A.A. Milne (Pu der Bär) gehörte. Sein alter Freund Alexis Korner besucht Brian kurz nach der Trennung und berichtet, er habe den Gitarristen lange nicht mehr so glücklich erlebt. Tatsächlich hegt Brian weitere musikalische Pläne mit John Lennon oder Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience, sogar ein paar eigene Songs nimmt er als Demos auf.

Doch in der Nacht des 3. Juli 1969 entdeckt Jones’ damalige Partnerin Anna Wohlin seinen leblosen Körper am Boden des Swimmingpools. Sie behauptet zwar, dass Jones noch gelebt habe, als er aus dem Wasser gezogen wurde, doch als die Ärzte eintreffen, können sie nur noch den Tod des 27-Jährigen feststellen. Zwei Tage später wollen die Stones im Hyde Park seinen Nachfolger Mick Taylor vorstellen, widmen die Show aber natürlich dem verstorbenen Weggefährten. Jagger trägt aus dem Gedicht Adonais vor, dazu werden Hunderte weiße Schmetterlinge freigelassen, und die Band spielt einen von Brians Lieblingssongs. Eine Woche später wird Brian Jones beerdigt.

Jahrelange Spekulationen

Der Leichenbeschauer kam damals zu dem Schluss, das Ganze sei ein Unfall gewesen, und hält fest, dass Herz und Leber aufgrund der vergangenen Eskapaden deutlich vergrößert seien. Doch immer wieder kochen Theorien hoch, dass Jones’ Tod eben kein Unglück war. Regelmäßig taucht in diesem Zusammenhang der Name Frank Thorogood auf, ein Bauarbeiter, der zum Zeitpunkt des Todes auf dem Anwesen beschäftigt war. Zuletzt kommen diese Vorwürfe 2008 wieder auf, als die Mail On Sunday behauptet, Thorogood habe Jones im Streit getötet, was die Polizei seinerzeit vertuscht hätte. Die zuständigen Behörden in Sussex antworten, dass trotz ausführlicher Untersuchungen keine neuen Beweise aufzufinden sind, die der ursprünglich festgestellten Todesursache widersprechen.

Brian Jones Beerdigung

Brian Jones wird zu Grabe getragen (Bild: Evening Standard/Hulton Archive/Getty)

Über Jones’ Tod zu sprechen, fällt Jagger auch viel später noch sichtlich schwer. „Ich habe die Schwere seiner Drogensucht damals einfach nicht richtig verstanden“, erklärt er 1995 dem Rolling Stone. „Dinge wie LSD waren völlig neu. Niemand kannte die Nachteile. Man dachte, Kokain sei gut für einen.“ In ihrer Dokumentation Crossfire Hurricane setzen die Stones ihrem Gründer dann endgültig ein Denkmal und erinnern so daran, welch immenses musikalisches Talent die Rockwelt viel zu früh verloren hat.

Zeitsprung: Am 8.6.1969 feuern die Rolling Stones ihren Gitarristen Brian Jones.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.7.1984 erscheint das zweite Dio-Album „The Last In Line“

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Dio Last In Line

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.7.1984.

von Christof Leim

Am 2. Juli 1984 veröffentlicht Ronnie James Dio das zweite Album seiner Solokarriere. The Last In Line schlägt in die gleiche Kerbe wie der fulminante Einstand Holy Diver, zeigt aber bereits dezente Änderungen im Sound. Immerhin: Ordentlich Riffs und Regenbögen gibt’s immer noch.

Zur Lektüre könnt ihr euch hier die Deluxe-Version der Platte anhören:

Er hat gut vorgelegt, keine Frage: 1983 veröffentlicht Meistersänger Ronnie James Dio mit Holy Diver sein erstes Album unter eigenem Namen und startet damit nach Erfolgen mit Rainbow und Black Sabbath eine Solokarriere. Das Debüt darf – ach was: muss – man heutzutage als unsterblichen Metal-Klassiker bezeichnen. (Ehrlich jetzt: Das Ding gehört in jede Sammlung. Und wer Gitarre spielt, muss das Holy Diver-Riff draufhaben. So will es das Gesetz.)

Hochkarätige Besetzung

Mit dabei in der ersten Inkarnation der Dio-Band: Black-Sabbath-Kollege Vinny Appice am Schlagzeug, der alte Rainbow-Kollege Jimmy Bain am Bass und ein blutjunger Flitzefinger aus Belfast namens Vivian Campbell. Der hatte vorher bei den NWoBHM-Untergrundlern Sweet Savage gespielt (unter Metalheads hauptsächlich bekannt wegen des Metallica-Covers von Killing Time), später bei Whitesnake, heute gehört er zu Def Leppard.

Dio

Mit dem Erfolg des Erstlings im Rücken macht sich diese Mannschaft an die Arbeit zum Nachfolger, zum ersten Mal verstärkt durch einen Keyboarder: Claude Schnell von Rough Cutt. Diesmal kann Campbell mehr Material beisteuern als beim Debüt, viele Stücke entstehen als Kooperation der ganzen Band (minus Schnell), zwei der neun Nummern schreibt Dio alleine. Die Texte stammen ebenfalls vom Meister selbst, und natürlich geht’s wieder um Dämonen, Regenbogen, Gut gegen Böse, die Nacht und so weiter – das ganze gute Zeug eben, das große Teile des klassischen Metal gleichermaßen kitschig wie großartig sein lässt. Man weiß nur nie so recht, ob die Pommesgabel reicht oder man demnächst einen Ring in ein Feuer werfen muss.

Flirt mit dem Pop-Metal

Viel der neuen Platte ist aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Holy Diver, die Dio-Band führt ihren bewährten Stil weiter. Das heißt: Griffige Songs zwischen Hard Rock und Heavy Metal, mit Riffs galore, brillanten Soli und noch brillanterem Gesang. Insgesamt fällt The Last In Line allerdings ein Quäntchen weniger rau aus, was vor allem am Sound liegt. Den verantwortet erneut Ronnie selbst, der als Produzent agiert. Man kann sagen: Dio flirten hier schon ein bisschen mit dem Pop-Metal, der die Mittachtziger dominiert; auf den Nachfolgern Sacred Heart (1985) und Dream Evil (1987) gehen sie noch weiter.

Die Scheibe eröffnet mit We Rock, einem klassischen Achtziger-Metal-Track mit schnellen Riffs und Fäusteschwinger-Refrain, der schnell zum Fixpunkt der Setlist wird. Im Titelstück The Last In Line geht es episch zu dank cleaner Gitarren am Anfang, dramatischen Melodien vom Meister, auf die stampfende Verse und ein Chorus folgen, zu dem man als Metal-Fan die Faust einfach ballen muss. Es geht ja schließlich um etwas: Sind wir böse oder göttlich, „evil“ or „divine“? Was philosophische Fragen anbelangt, geht unser Dio für weniger gar nicht aus dem Haus. Der Song wird in Europa als dritte Single veröffentlicht, 30 Jahre später erhalten Tenacious D für ihre Coverversion sogar einen Grammy.

Platin und Radio-Hits

Ansonsten gibt es knackige Rocker wie Breathless, One Night In The City und Eat Your Heart Out, die allerdings nicht zwangsläufig auf jede Dio-Best-Of gehören. Das Gleiche gilt für die flotten Headbanger I Speed At Night und Evil Eyes. Mit Mystery hat das Quintett sogar eine regelrecht poppige Nummer am Start, die trotzdem oder deshalb zur Single erkoren wird und sich auf MTV nicht schlecht schlägt. Für ein ordentlich im Shuffle stampfendes Epos (man denke an: Heaven & Hell) ist Ronnie James natürlich immer zu haben, deshalb endet die Platte mit dem Sieben-Minuten-Brecher Egypt (The Chains Are On), einem Album-Höhepunkt.

Das kommt an: Für The Last In Line erhalten Dio schon nach zwei Monaten eine Goldauszeichnung in den USA dank einer halben Millionen verkaufter Platten, knapp drei Jahre später gibt es Platin. Die Chartplatzierungen können sich sehen lassen: Platz 23 in den Vereinigten Staaten und Deutschland, sogar Rang 4 in Großbritannien. Alle drei Singles (Mystery, We Rock und The Last In Line) werden zu Hits im Rockradio. Damit hat Ronnie James Dio seine Soloband nachdrücklich etabliert. Die Truppe tourt ausführlich, Liveaufnahmen erscheinen im Konzertvideo A Special From The Spectrum von 1984 und 2012 auf der Deluxe-Version der Platte.

Heutzutage klingt The Last In Line weniger zeitlos als das vermutlich geplant war, also schon ziemlich deutlich nach den Mittachtzigern, gehört aber zum Kanon der geschichtsträchtigen Metal-Werke. Dem zollen 2012 die damaligen Mitstreiter Campbell, Appice und Bain (verstorben 2016) Tribut, indem sie ihre neue Band Last In Line nennen und so den Geist der frühen Dio-Band trotz des Todes ihres Namensgebers (2010) weiterleben lassen.

Dio Last In Line

Zeitsprung: Am 17.4.1980 feiern Black Sabbath mit Dio Premiere – in Ostfriesland.

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Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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