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Popkultur

Die 10 besten Protestsongs der Musikgeschichte

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Von kompromisslosen Berichten über Rassenhass und knallharten Tiraden gegen Ungerechtigkeit bis hin zu Forderungen nach Gleichberechtigung und sogar Stadionhymnen mit unterschwelliger Botschaft – die besten Protestsongs beschäftigen sich nicht nur mit den Fragen ihrer Zeit, sondern überdauern Generationen und werden zu zeitlosen politischen Statements. Heutzutage ist Hip-Hop wohl das politisch engagierteste Genre, aber in der Vergangenheit kamen die besten Protestsongs auch aus dem Jazz, Folk, Funk und Rock.

Viele hätten einen Platz auf dieser Liste verdient, aber hier sind zehn der besten Protestsongs der Musikgeschichte.

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von Jamie Atkins

 

1. Billie Holiday: Strange Fruit (1939)

Strange Fruit ist ein Gedicht von Abel Meeropol – einem weißen, jüdischen Lehrer und Mitglied der Kommunistischen Partei. Es wurde 1937 veröffentlicht und legte den brutalen Rassismus offen, der in Amerika zu dieser Zeit grassierte. Im Grunde war es eine nüchterne, aber sehr kraftvolle Beschreibung eines Fotos, das Meeropol gesehen hatte und auf dem ein Lynchmord zu sehen war. Mit einer krassen Wortwahl stellt er die Idylle der Südstaaten gegen ungeschönte Beschreibungen von schwarzen Leichen, die an Baumästen hängen. Später vertonte er das Gedicht und das Ergebnis schockiert die Hörer auch heute noch.

Als Billie Holiday 1939 anfing, den Song im Club Café Society live zu singen, hatte sie zuerst Angst vor Anfeindungen und Repressalien. Aber Strange Fruit verschlug dem Publikum regelmäßig die Sprache, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie durfte den Song immer erst am Ende ihres Sets spielen, wenn die Bar geschlossen wurde und der Raum schon abgedunkelt war. Holiday war sich der Wirkung des Songs bewusst und wollte ihn unbedingt aufnehmen. Sie sprach mit ihrem Label Columbia, aber dort hatte man Angst vor den Auswirkungen und gab ihr stattdesen die Erlaubnis, den Song für ein anderes Label aufzunehmen. Commodore stellte sich der Aufgabe und veröffentlichte Holidays Version. Sie verkauften eine Million Exemplare und rückten damit die unfassbare Grausamkeit und das Leid, das der Rassenhass verursachte, ins öffentliche Bewusstsein. Egal, wie oft man es hört, Strange Fruit klingt immer noch wie eine Warnung aus einer Vergangenheit, die noch gar nicht so weit zurückliegt.

2. Woody Guthrie: This Land Is Your land (1944)

Wer hätte gedacht, dass sein Song, der so tief in der amerikanischen Seele verwurzelt ist wie Woody Guthries ‘This Land Is Your Land’, ursprünglich lediglich als Antwort auf einen anderen Song gemeint war. Guthrie war zunehmend genervt von der Selbstgefälligkeit, wie er es empfand, von Irving Berlins Song ‘God Bless America’, dem man sich Ende der 1930er Jahre kaum entziehen konnte, weil Kate Smiths Version ständig im Radio lief. Also verfasste er eine Antwort, die die Schönheit der Natur der Vereinigten Staaten feierte und gleichzeitig das Konzept von privatem Grundbesitz in Frage stellte und die Armut und Ungleichheit in Amerika anprangerte. Die Melodie basierte auf dem Carter Family-Song ‘When The World’s On Fire’, der seinerseits auf das baptistische Loblied ‘Oh, My Loving Brother’ zurückging. Guthrie nannte den Song ‘God Blessed America’ und ursprünglich endeten die Strophen nicht mit “This land was made for you and me”, sondern mit “God blessed America for me”.

1944 nahm Guthrie ein Demo von dem Song auf. Dabei änderte er den Titel und ließ die politisch eindeutigste Strophe weg. Trotzdem entwickelte ‘This Land Is Your Land’ bald eine Eigendynamik und der Song wurde zu einer Art patriotischer Hymne, die am Lagerfeuer, bei Demos und in Schulen gesungen wurde. Wie alle großartigen Protestsongs, bewegt er auch heute noch die Menschen: Die intensive Performance von Pete Seeger und Bruce Springsteen bei Präsident Barack Obamas Amtseinführung im Jahr 2009 ist ein beeindruckender Beweis für seine immer noch andauernde Strahlkraft.

3. Bob Dylan: Masters Of War (1963)

Viele von Dylans frühen Abstechern ins politische Songwriting ließen Raum für Interpretationen. Aber auf Masters Of War redet der damals 21-Jährige nicht lange um den heißen Brei herum. Anlässlich der Veröffentlichung des dazugehörigen Albums The Freewheelin’ Bob Dylan sagte er zu Nat Hentoff von Village Voice: “Ich habe bisher noch nie etwas derartiges geschrieben… Ich singe normalerweise keine Lieder in denen ich Leuten den Tod wünsche, aber diesmal ist es eben so passiert. Dieser Song ist ein Verzweiflungsschlag, ein Greifen nach dem letzten Strohhalm, ein Gefühl der Hilflosigkeit.”

Es ist ein wütender Song. Es war des Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der politischen Entwicklungen und der Tendenz der USA, sich aus fadenscheinigen Gründen in die internationale Politik – wie Kuba, Vietnam, Irak – einzumischen, das Dylan zu schaffen machte. 2001 erklärte er in einem Interview mit USA Today, dass es ein “pazifistischer Song gegen den Krieg” war und fügte hinzu: “Es ist kein Antikriegssong. Er richtete sich gegen das, was Eisenhower am Ende seiner Präsidentschaft als militärisch-industriellen Komplex bezeichnete. Diese Stimmung lag in der Luft und ich setzte mich damit auseinander.”

Das tat er. Dylan hatte die Fähigkeit, seinen Finger auf den Puls der Zeit zu legen und schrieb einige der besten Protestsongs der frühen 60er-Jahre. Und trotz des bitterbösen Zorns wurde Masters Of War von zahlreichen Künstlern gecovert – von den Staple Singers bis Cher. Und seine Wirkung lässt immer noch nicht nach. Sogar Ed Sheeran coverte den Song 2013 für die ONE Campaign gegen die weltweite Armut.

4. James Brown: Say It Loud – I’m Black And I’m Proud (1968)

Bis 1968 hatte James Brown Black Music schon mehrmals maßgeblich beeinflusst, aber mit seinem in dem Jahr erschienenen Say It Loud – I’m Black And I’m Proud äußerte er sich zum ersten Mal zur Bürgerrechtsbewegung. Und wie immer sprengte er dabei alles bisher Dagewesene: Bis dahin war der Tonfall der Bürgerrechtsbewegung eher als eine Bitte um Gleichberechtigung zu beschreiben. Browns Song allerdings war voller Trotz und Stolz. Er bittet nicht höflich darum, akzeptiert zu werden, sondern fühlt sich vollkommen wohl in seiner Haut.

Der Song ging auf Platz 10 der Billboard-Charts und diente als Blaupause für das Funk-Genre. Ähnlich wie Stevie Wonder-Klassiker in den 70ern war Say It Loud – I’m Black And I’m Proud ein politischer Song, der auch auf den Tanzflächen einschlug. Ein Knaller, der kein bisschen schüchtern war und viele Generationen beeinflusst hat.

5. Crosby, Stills, Nash & Young: Ohio (1970)

Ein altes Sprichwort sagt, das sein Bild mehr sagt als tausend Worte. Das Foto des Studenten John Filo, welches später auch im Magazin Life gedruckt wurde, hat außerdem einen der besten Protestsongs alle Zeiten inspiriert. Das Foto entstand direkt nachdem ein Ohio National Guard auf eine Gruppe von Studenten geschossen hatte, die am 4. Mai 1970 an der Kent State University gegen den Vietnamkrieg protestieren. Es zeigt die Demonstrantin Mary Vecchio, die schockiert und mit offenem Mund über der Leiche des Studenten Jeff Miller kniet und realisiert, was gerade passiert ist.

Als Neil Young das Foto sah, war er erschüttert. David Crosby gab ihm eine Gitarre und Young legte all seine Wut in diesen Song. Mit Ohio zog er eine Linie in den Sand, mit der er ‘uns’ und ‘sie’ trennte. Mit Textpassagen wie “Soldiers are cutting us down/Should have been done long ago” reflektierte er die protestfeindliche Stimmung in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit. In der Aufnahme von Crosby, Stills, Nash & Young wirkte der Song noch stärker: Er ist impulsiv und brodelt bis zu seinem Höhepunkt, als Crosby entsetzt und wütend schreit: “Why?” Nur die allerbesten Protestsongs durchbrechen ihr ursprüngliches Thema und lassen sich auf alle möglichen Szenarien übertragen. Ohio ist ein solcher Song.

6. Robert Wyatt: Shipbuilding (1982)

Als der Produzent Clive Langer Elvis Costello eine jazz-lastige Klaviermelodie vorspielte, zu der er keinen passenden Text fand, hatte der Falkland-Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien 1982 gerade erst begonnen. Costellos Text, aus dem später der Song Shipbuilding entstand, beschäftigt sich mit den möglichen Auswirkungen des Konflikts auf die traditionell vom Schiffbau geprägten Gegenden im Vereinigten Königreich. Er sinniert darüber nach, ob eine Kehrtwende im Abstieg der Schiffsindustrie gegen die potentiellen Verluste im Krieg aufgewogen werden könnte (“Is it worth it?/A new winter coat and shoes for the wife/And a bicycle on the boy’s birthday”) und er blickt mit großer Sensibilität auf die Entscheidungen, die Menschen treffen, wenn ihnen die Hände gebunden sind (“It’s all we’re skilled in/We will be shipbuilding”).

Der Song wurde quasi schon für Robert Wyatt geschrieben und er singt ihn perfekt. Sein nachdenklicher Gesang passt perfekt zu dem zwiespältigen Text. Später gab Wyatt zu bedenken, dass der Song als “die Glorifizierung der Arbeiterklasse als ‘unsere Jungs’” gelesen werden könnte, “wie sie die Konservativen gerne einsetzten, wenn sie sie in eine Uniform stecken wollten”.

7. The Specials: Free Nelson Mandela (1984)

Mit Free Nelson Mandela bewies Jerry Dammers (Gründer der englischen Ska-Band The Specials), dass politische Songs gleichzeitig tanzbar sein und zum Nachdenken anregen konnten. Free Nelson Mandela klang fröhlich und positiv und die Leute tanzten … zu einer inoffiziellen Hymne der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung. Dass ein Song mit so einer klaren und kompromisslosen politischen Aussage ein Hit werden kann, erwartet man nicht unbedingt. Aber in Großbritannien erreichte Free Nelson Mandela Platz 6 der Charts und auch in anderen Ländern, einschließlich Südafrika, war er sehr erfolgreich.

Als Free Nelson Mandela erschien, war Mandela schon 20 Jahre wegen Sabotage und Umsturzversuchen in Haft, aber der Song wurde einer der besten Protestsongs der 80er, machte den Namen Nelson Mandela bekannter und erreichte Menschen, die sich vielleicht nicht wahnsinnig für die Weltpolitik interessierten und deshalb nicht mit seiner Geschichte vertraut waren. Der Song ermutigte sie dazu, sich mit der Situation zu beschäftigen und mehr zu erfahren. Am Tag von Mandelas Freilassung im Jahr 1990 war der Song überall zu hören – eine freudige Ode an die Freiheit.

8. Bruce Springsteen: Born In The USA

Das Album Born In The USA machte Bruce Springsteen in seiner Heimat zu einem absoluten Superstar, aber vielen entgingen die gar nicht besonders subtilen Untertöne in seinem triumphal-klingenden Titeltrack. Die Originalversion des Songs, die Springsteen während der Sessions zu dem 1982 erschienenen Album Nebraska aufnahm, ist eine verirrte und rasselnde solo Rockabilly-Version, die viel besser zum Tonfall des Textes passt. Es ist die Geschichte eines Kriegsveterans aus Vietnam, der Schweirigkeiten hat, in ein bürgerliches Leben zurückzufinden und sich von der Regierung alleingelassen fühlt.

Andererseits ist die Version, zu der so viele, die nicht richtig hingehört haben, ihre Fäuste in den Himmel recken, die vielleicht effektivere, denn so erreichte die subversive Botschaft ein Publikum, das ihm in seiner ursprünglichen Form wohl keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

9. Public Enemy: Fight The Power (1989)

Nach der Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Albums It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back im Jahr 1988 waren die Hip-Hop Vorreiter Public Enemy die heißeste Band auf dem Planeten – geradeaus, musikalisch spannend und mit einem Finger am Puls der aktuellen Entwicklungen im schwarzen Teil Amerikas. Regisseur Spike Lee war in einer ähnlichen Position, als er She’s Gotta Have It und School Daze geschrieben und gedreht hatte. Beide Filme richteten sich direkt an ein schwarzes Publikum und machten auch keinen Hehl daraus.

Als Lee am Drehbuch zu seinem mit Spannung erwarteten Film Do The Right Thing arbeitete, wusste er schon, dass Public Enemy auf dem Soundtrack sein mussten. Der Film beschäftigte sich mit den Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen in den Straßen New Yorks und Hank Shocklee vom Produktionsteam der Band, The Bomb Squad, sagte: “Ursprünglich wollte Spike, dass wir eine Hip-Hop Version des religiösen Songs Lift Every Voice And Sing aufnahmen. Da bat ich ihn, das Fenster aufzumachen und seinen Kopf rauszustrecken. ‘Was hörst du, Mann? Wenn da ein Auto mit offenen Fenstern an dir vorbeifährt, hörst du garantiert nicht jedesmal “Lift Every Voice And Sing”’. Wir mussten etwas machen, was die Straße widerspiegelte.”

Und das taten sie. Fight The Power ist eine explosive Collage aus Funk, Lärm und aggressiven Beats – das perfekte Fundament für den unverwechselbaren Text von Frontmann Chuck D & Co. Mit Zeilen wie “’Cause I’m black and I’m proud/I’m ready and hyped plus I’m amped/Most of my heroes don’t appear on no stamps”. Chuck selbst sagte, dass dies ihr wichtigster Song war, da er die sozialen und psychologischen Kämpfe zeigte, die die schwarzen Jugendlichen in Amerika jeden Tag auszutragen hatten.

10. Kendrick Lamar: Alright (2015)

In den Wochen vor Erscheinen von Kendrick Lamars Meilenstein To Pimp A Butterfly im März 2015 wurden die Vereinigten Staaten von zahlreichen Unruhen erschüttert. Im November 2014 hatte die Entscheidung, den Polizisten, der Michael Brown erschossen hatte, nicht anzuklagen, im ganzen Land zu Protesten geführt. Im selben Monat wurde der 12-jährige Tamir Rice auf offener Straße von der Polizei erschossen, weil er eine Spielzeugpistole in der Hand hielt. Die Black Lives Matter-Bewegung wurde jeden Tag stärker und als To Pimp… veröffentlicht wurde, machten die Demonstranten den Song Alright und seinem Ruf nach Hoffnung durch Solidarität und Widerstand, zu ihrer Hymne.

Auch unabhängig davon wurde Alright schnell zu einer Hymne und ist einer der besten Protestsongs seiner Zeit. Außerdem ist es ein beeindruckender Beleg für die Bedeutung der sozialen Medien für die Verbreitung einer Botschaft, denn Videos von Demonstranten, die fröhlich Kendricks Refrain “We gon’ be alright” sangen, verbreitete sich in null Komma nichts um den Globus. Damit unterstrich er einmal mehr, welchen Einfluss die Musik immer noch auf die Politik haben kann.

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Popkultur

6 Anekdoten, die nur aus dem Leben von Paul Stanley stammen können

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Paul Stanley
Foto: Kevin Winter/Getty Images

Paul Stanley hat als Gitarrist und Sänger von Kiss alles erreicht, was man sich als Rockstar nur wünschen kann. Dabei sind unter anderem diese sechs Dinge passiert.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Kiss anhören:

1. In den Anfangstagen von Kiss ist Paul Stanley für kurze Zeit der „Bandit“.

Demon, Spaceman, Catman und Starchild: Die vier Alter Egos von Kiss haben in der Rockmusik einen ganz besonderen Platz. Doch bevor Paul Stanley als Starchild in die Geschichte eingeht, probiert er unterschiedliche Möglichkeiten aus. In den Anfangstagen testet er zum Beispiel eine Figur namens „Bandit“, deren Make-up an die Maske der Westernfigur Lone Ranger erinnert. Es handelt sich nicht um die einzige Station während Stanleys Identitätsfindung: „Ich habe damals sogar versucht, mein Gesicht komplett rot anzumalen“, gibt er in einem Interview mit der Zeitschrift Guitar World zu Protokoll. „Ich habe ausgesehen wie eine langhaarige Tomate! Bevor ich mich für den Stern entschieden hatte, habe ich mir einfach einen schwarzen Ring um das Auge gemalt. Jeder von uns trägt Schminke, die widerspiegelt, wer er ist. Ich habe Sterne immer geliebt und mich mit ihnen identifiziert. Als es an der Zeit war, mir etwas ins Gesicht zu malen, wusste ich, was ich möchte.“

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2. In den Achtzigern sorgt Paul Stanley dafür, dass Kiss ohne Make-up auftreten.

Zu Beginn ihrer Karriere hüten Kiss ihre wahren Identitäten wie ein Staatsgeheimnis. Wenn die Musiker nicht geschminkt sind, zeigen sie sich nur vermummt; Fotograf*innen, die ein Bild ohne Maskerade ergattern, werden anschließend von den Bodyguards der Band um den Kamerafilm gebeten. Ganz freundlich natürlich. In den Siebzigern gehört Kiss die Welt und der Mythos um ihre echten Persönlichkeiten trägt maßgeblich dazu bei. Gegen Ende des Jahrzehnts folgt auf den Höhenflug allerdings der Fall und die Laune im Camp Kiss sinkt in den Keller. 1978 streiten sich die Musiker so sehr, dass sie beschließen, vier Soloalben zu veröffentlichen, von jedem Bandmitglied eins. 1979 landet die Gruppe mit I Was Made For Loving You einen Disco-Hit, 1980 folgt das sehr poppige Album Dynasty. Schlagzeuger Peter Criss und Gitarrist Ace Frehley verlieren den Spaß an der Sache, Criss steigt sogar aus. (An seine Stelle tritt Eric Carr, der 1991 viel zu früh an Krebs stirbt — am 24. November, genau wie Queen-Frontlegende Freddie Mercury.) Nach dem exzentrischen Fantasy-Konzeptalbum (Music From) The Elder nimmt auch Frehley seinen Hut.

Kiss droht das Schicksal, von neuen Bands wie Iron Maiden verdrängt zu werden, also braucht es einen Marketing-Gag, der die Gruppe wieder ins Gespräch bringt. Die Lösung: der Verzicht auf das ikonische Make-up. Die wahren Identitäten der Kiss-Mitglieder wurden zwar auch vorher schon gelüftet, doch offiziell fallen die Hüllen erst am 18. September 1983 auf MTV. Vor allem Stanley treibt diese Entscheidung voran, denn Bassist Gene Simmons fühlt sich ohne seine Schminke zunächst unwohl. Das Ergebnis des neuen Images: Für das elfte Album Lick It Up (1983) gibt es in den USA wieder Platin und eine Top-30-Platzierung, was Kiss mit den drei vorherigen Platten nicht gelungen war. An ihre größten Erfolge kann die Band bis in die Mitte der Neunziger zwar nicht mehr anknüpfen, doch Stanley hat der Gruppe mit seinem Einsatz gegen das Make-up augenscheinlich für einige Jahre den Hintern gerettet. Ab 1996 starten Kiss noch einmal voll durch — diesmal, weil sie die Schminke wieder auftragen. Doch das ist eine andere Geschichte.

3. Seinem plastischen Chirurgen Frederic Rueckert Jr. schenkt Stanley zum Dank eine Rolex.

Als Kind leidet Paul Stanley an einer Ohrmuschelfehlbildung, die dafür sorgt, dass er mit dem rechten Ohr nichts hören kann. Es fällt ihm schwer, Geräusche zu orten, in lauten Umgebungen versteht er kein Wort. Beinahe noch schlimmer: In der Schule wird er wegen seines anders aussehenden Ohrs gehänselt. Erst im Alter von 30 Jahren lässt er sich von einem plastischen Chirurgen namens Frederic Rueckert Jr. operieren. Rueckert implantiert 1982 nicht nur ein Hörgerät in Stanleys rechten Gehörgang, sondern entnimmt auch Knorpel aus der Rippe des Musikers, um das Ohr neu zu formen. Stanley spricht später davon, dass der Arzt ihm ein „neues Leben“ geschenkt habe und lässt Rueckert zu dessen Ruhestand zum Dank eine Rolex zukommen. 2017 stirbt der Chirurg im Alter von 95 Jahren.

4. 1999 spielt Paul Stanley das Phantom in Das Phantom der Oper.

Paul Stanleys Vorliebe für die Oper ist kein Geheimnis. 1999 geht seine Liebe so weit, dass er für das Musical Das Phantom der Oper als letzter Darsteller in die Rolle des Phantoms schlüpft. Stolze zehn Jahre war die Show während der Neunziger in Toronto gelaufen; die letzte Aufführung geht am 31. Oktober 1999 mit Stanley über die Bühne. Seinen ersten Einsatz hatte er im Mai desselben Jahres.

5. Sein Song Live To Win wird 2006 Teil einer Folge der Zeichentrickserie South Park.

Als Stanley 2006 sein zweites Soloalbum Live To Win veröffentlicht, landet der Titeltrack der Platte prompt in einer besonders gelungenen Folge der US-Zeichentrickserie South Park. In der Episode Make Love, Not Warcraft treten die Hauptcharaktere Cartman, Kyle, Stan und Kenny virtuell gegen einen World Of Warcraft-Spieler mit dem Namen Jenkins an, der die vier Jungs um jeglichen Spielspaß bringt, indem er sie immer sofort tötet. Das lassen sich die Vier natürlich nicht gefallen, rufen beim Spieleentwickler Blizzard an und bitten um eine Intervention. Doch nicht einmal die Macher*innen von World Of Warcraft können etwas gegen Gaming-Junkie Jenkins unternehmen. Cartman motiviert seine Freunde dazu, jeden Tag zu trainieren, um höhere Levels zu erreichen. Der Soundtrack dazu: Live To Win von Paul Stanley. Am Ende der Folge sind die Jungs vorbereitet und es kommt zu einem großen Showdown.

6. Am 27. Juli 2007 verpasst Paul Stanley zum ersten Mal seit der Bandgründung ein Kiss-Konzert.

Von 1973 bis 2006 verpasst Gitarrist Paul Stanley kein einziges Kiss-Konzert, doch als die Band am 27. Juli 2007 in San Jacinto (Kalifornien) spielen soll, geht viel schief. Stanley leidet an jenem Abend unter Herzrasen und soll zwischendurch einen Herzschlag von 200 pro Minute gehabt haben — mehr als doppelt so viel, wie für einen gesunden Erwachsenen normal ist. Der Gitarrist erholt sich von dem Zwischenfall, doch die Show müssen die übrigen Bandmitglieder ohne ihn durchziehen und holen sich dafür Fans aus dem Publikum ans Mikro.

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Popkultur

144 Mal „Around The World“: Daft Punks legendärer Einstand „Homework“

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Titelfoto: Karl Walter/GettyImages

Vor 25 Jahren veröffentlichen Daft Punk ihr wegweisendes Debüt Homework. Schuld ist wahrscheinlich ein Besuch im Vergnügungspark. Die ganze Geschichte des Discoklassikers.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Homework von Daft Punk anhören: 

Erfolgreiche Musikkarrieren können überall beginnen. In Proberäumen oder auf kleinen Bühnen, in Kneipen oder auf Festivals, vielleicht sogar in sterilen Büros. Oder im Disneyland. Dort zumindest pilgern im September 1993 die beiden Franzsosen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, beide damals gerade erst volljährig. Sie besuchen einen Rave in dem Vergnügungspark bei Paris, in der Tasche eine Kassette mit ihrer Musik. Sie drücken sie Stuart Macmillan vom schottischen DJ-Duo Slam in die Hand, tanzen, gehen wieder. Was sie damals nicht wissen: Es ist der Grundstein einer atemberaubenden Karriere, in der sie bis zu ihrer Auflösung 2021 als Daft Punk die elektronische Musik revolutionieren und prägen werden.

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Als Rocker nur mittelmäßig

Es ist nicht ihr erster musikalischer Gehversuch. Schon sechs Jahre zuvor, 1987, lernen sich die beiden Teenager in der Schule kennen, freunden sich an. 1992 gründen sie die Rock-Band Darlin‘, benannt nach dem Beach-Boys-Song. Bangalter bearbeitet den Bass, Homem-Christo die Gitarre. Doch die Erkenntnis kommt rasch: „Als Rock‘n‘Roll-Band waren wir einfach sehr durchschnittlich“, würde Bangalter später sagen. „Es war eine kurze Phase, sechs Monate, vier Songs und zwei Gigs. Das war‘s.“ So kurz die Phase auch gewesen sein mag: Sie ist prägend: In einem Verriss im Melody Maker bezeichnet Dave Jennings ihre Musik als daft punky thrash. Daft Punk waren geboren, Bass und Gitarre flugs gegen Drum-Maschine und Synthesizer ausgetauscht.

Bemerkenswert also, dass man im Disneyland Paris schon wenig später einen international erfolgreichen DJ von der Musik überzeugen konnte. Er veröffentlicht ihre erste Single The New Wave 1994 auf seinem Label Soma Quality Recordings, 1995 folgt der Song Da Funk. Er geht durch die Decke, als ihn die Chemical Brothers in ihr Live-Set integrieren, ein Videoclip von Spike Jonze tut sein Übriges, um dem Duo seinen ersten Hit zu bescheren.

Ein Album war gar nicht geplant

Plattenfirmen reißen sich zu diesem Zeitpunkt schon um die zwei Franzosen, die damals noch ohne Masken auftreten. Dabei haben sie eigentlich nicht mal vor, ein Album aufzunehmen. „Eigentlich wollten wir einfach einen Haufen Singles aufnehmen. Innerhalb von fünf Monaten entstanden aber so viele Songs, dass wir irgendwann ein starkes Album beisammen hatten.“ Major-Riese Virgin bekommt schließlich den Zuschlag, schon damals sichern sich Daft Punkt jedoch vollkommene kreative Kontrolle über ihr Werk. Bis zum Ende sollen sie die nicht verlieren.

Daft Punk beleben den House neu

Homework erscheint am 20. Januar 1997. Funk, Acid, Disco, Elektro, House und Pop fließen vollkommen unkontrolliert durcheinander, die Libertäre von Daft Punk ignorieren bewusst Regeln, Konventionen und Schubladen. Allein in den ersten vier Jahren verkauft sich die Platte zwei Millionen Mal und sorgt für einen Siegeszug des French House und ein gewaltiges Revival des House.

Liegt natürlich auch an der zweite Singleauskopplung, einem echtem Gamechanger. Around The World wird 1997 auf der ganzen Welt zum massiven Club-Hit, die repetitive Struktur des Songs bis heute zum Dauergast im DJ-Repertoire. Ganze 144 Mal wird der Titel im Song rezitiert, zugleich die einzige Lyric-Line des ganzen Liedes. Merken fürs nächste Pub-Quiz! Simplizität als Schlüssel zum Erfolg – Daft Punk machen schon auf ihrem Debüt vor, wie elektronische Musik fit gemacht werden kann fürs 21. Jahrhundert. Und das mit einem Album, das seinen Namen der Genesis verdankt: „Wir haben die Platte zuhause produziert, extrem billig, extrem schnell, extrem spontan“, wie Bangalter sagt.

Es zeigt mal wieder, dass großes Budget und viel Zeit nicht automatisch für große Kunst sorgt.

Daft Punk wurden innerhalb kürzester Zeit vom Kinderzimmer-Act zu einem der erfolgreichsten Dance-Acts aller Zeiten. Und das nicht mit Marketing-Plänen, riesigem Budget und teuren Produzenten. Sondern mit Ideen, Freundschaft und Leidenschaft. Auch schön.

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„Around the World“ in 7 unvergleichlichen Daft-Punk-Momenten

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Zeitsprung: Am 20.1.1969 erscheinen Bruce Springsteens erste Texte.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 20.1.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Bruce Springsteen gehört zweifelsohne zu den feinfühligsten Lyrikern der Rockgeschichte. Immer wieder hinterfragt er den amerikanischen Traum, unermüdlich bildet er die Realität des US-Durchschnittsbürgers ab. Am 20. Januar 1969 feiern seine ersten Texte Premiere — im Literaturmagazin des Ocean County College von New Jersey.

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Hört hier in Springsteens Greatest Hits rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Gegen Ende der Sechziger verfolgt Bruce Springsteen seine Karriere als Musiker bereits mit Nachdruck, doch der große Durchbruch steht noch bevor. Deshalb verfolgt er nebenbei Plan B und besucht das Ocean County College in New Jersey, wenn auch nur drei Semester lang. Die Kunst muss natürlich trotzdem raus, also schreibt er neben seinen Songs auch Gedichte. Kurz nach seiner Immatrikulation erscheinen zwei davon in Seascapedem Literaturmagazin des Colleges. Es handelt sich um Springsteens erste lyrische Veröffentlichungen überhaupt.

Das Literaturmagazin von Springsteens Universität

Was Text Nummer eins betrifft, so liefert schon der Titel reichlich Diskussionsstoff: Bis heute ist nämlich unklar, ob das Gedicht überhaupt einen Namen trägt. So gibt ein Bibliothekar des Ocean County College zwar an, der Text heiße Seascape, also wie das Magazin, doch belegen lässt sich diese Aussage nicht. Vielmehr gehen zahlreiche Quellen davon aus, dass das Gedicht ohne Titel auskommen muss.

Springsteens erste literarische Veröffentlichung – Quelle: www.springsteenlyrics.com)

Die dritte Strophe des Textes verarbeitet Springsteen ein Jahr später in abgewandelter Form im Song Lady Walking Down By The River seiner damaligen Band Steel Mill. Ein Schreibfehler unterläuft der Seascape-Redaktion bei der Nennung des Autors: Statt „Bruce Springsteen“ steht „Bruce Sprengsteen“ unter der Veröffentlichung.



Text Nummer zwei trägt den Titel My Lady. Hier könnt ihr den metaphorischen Paragraphen in voller Länge lesen:

Ein früher Text des Studenten Bruce Springsteen – Quelle: www.springsteenlyrics.com)

Originalexemplare dieser Ausgabe von Seascape gibt es kaum noch. Eines der Hefte kann im Rock And Roll Hall Of Fame Museum in Cleveland begutachtet werden, hin und wieder tauchen Sammlerstücke bei Versteigerungen auf. Ein weiteres Exemplar stellt die Bibliothek von Asbury Park im Rahmen der Bruce Springsteen Special Collection aus.


Titelfoto: Frank Stefanko/Sony Music

Zeitsprung: Am 29.4.1976 will Springsteen über die Mauer von „Graceland“.

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