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Die musikalische DNA von David Bowie

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Wir müssen gleich mit einem Geständnis anfangen: Wir können euch unmöglich in nur zehn Songs beibringen, welche Musik die musikalische DNA von David Bowie ausmacht. Nicht etwa, weil Bowie Zeit seines Lebens ein Geheimnis draus gemacht hätte, was ihn selbst beeinflusst hat, nein. Sondern weil wir eigentlich für jede David Bowie-Figur eine ganz eigene Zusammenstellung wagen müssten: Der Thin White Duke hat sich anderswo inspirieren lassen als Ziggy Stardust oder Aladdin Sane, so viel steht fest.


Hört euch hier David Bowies musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:

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David Bowie war ein eigenes Universum oder besser gesagt Multiversum. Wie kein anderer Künstler hat sich der Brite immer wieder neu erfunden und damit Maßstäbe gesetzt. „Hinter der Bühne bin ich ein Roboter“, gestand er einst selbstkritisch. „Auf der Stage aber werde ich emotional. Deshalb gefällt es mir wohl besser, mich als Ziggy zu verkleiden als David zu sein.“ Manchmal ging er dabei allerdings zu weit: Dass er zu Thin White Duke-Zeiten politisch mehr als fragwürdige Aussagen tätigte, lässt sich vielleicht damit erklären, dass er sich zu sehr in seine Rolle hineinversetzt hatte. Der echte David war, das wissen wir heute, ganz anders drauf.

Seine Verwandlungskünste erstreckten sich nicht nur auf die einzelnen Personen, die an seiner Stelle die Bühne betraten. Als Schauspieler, Maler, Kunstsammler und sogar Betreiber eines Internet-Providers war Bowie immer seiner Zeit voraus und prägte die nachfolgenden Generationen wie kein zweiter Künstler. Was ihn aber selbst inspiriert hat? Wir versuchen mal, das kurz zu skizzieren. Sicher ist allerdings so viel: Die musikalische DNA von David Bowie umfasst noch weitaus mehr, als wir in einem ganzen Leben zusammentragen könnten.


1. Little Richard – Tutti Frutti

Wenn wir nach Bowies Schaffenszeit etwas verstanden haben, dann das: Rockstars werden nicht einfach geboren, sie werden gemacht. Als Produkt von viel Schweiß und Genie werden sie auf den Bühnen dieser Welt geschmiedet. Der erste Funke ist dabei meist der wichtigste. Ein Glück, dass die Familie Jones dem jungen David ein aufgeschlossenes Umfeld bot. Singles von den Teenagers, den Platters, Fats Domino und dem King of Rock selbst rotierten dort auf dem Plattenteller.

Ein Song hinterließ aber einen Eindruck, der alles andere in den Schatten stellen sollte. Tutti Frutti von Little Richard veränderte David Jones’ Leben ein für allemal. „Ich hatte Gott gehört“, so der knappe Kommentar Bowies. Neben Elvis Presley, von dem er den Hüftschwung lernte, ist wohl auch Little Richard flamboyantes Auftreten nachhaltig in sein Fleisch und Blut übergegangen. Bald schon wirbelte der Teenager über die Bühnen seiner Heimatstadt. Bowie machte sich aber nicht nur daran, die Fußstapfen Little Richards auszufüllen: Zum Hochzeitstag schenkte ihm seine Frau Iman sogar die Jacke des Rockpioniers…


2. Édith Piaf – Non, Je Ne Regrette Rien

Als David Bowie seine ersten Schritte auf den Bühnen die die Welt bedeuten wagte, war Rock in erster Linie ein Jungsding. Als einer der Miterfinder des Glam-Sounds (und -Looks!) gehörte Bowie zur Speerspitze der Rockstars, die der Welt ein neues Männlichkeitsbild präsentierten: laut, aber einfühlsam, selbstbewusst und dennoch nonkonform – das war vorher so nicht möglich gewesen. Kein Wunder, dass sich von Marlene Dietrich bis Shirley Bassey eine Reihe von einflussreichen Frauen unter seinen Stifterfiguren tummeln.

Auch Édith Piaf hat ihre Spuren im Werk des Briten hinterlassen. Neben Chanson-Sängern wie Jacques Brel gehört die französische Balladensängerin selbstverständlich zu den Frauen, die einen prägenden Eindruck bei Bowie hinterließen. Ihr unnachahmlicher Stil hallt insbesondere in seinem Frühwerk nach. Bowie hat die 1963 verstorbene Chanteuse zwar nie mit einer Coverversion geehrt, nannte sie aber 1999 selbstverständlich in seiner Dankesrede zum Erhalt der Ehrendoktorwürde am Berklee College of Music neben all jenen anderen, die ihm das Songwriting beigebracht hatten. Piaf in einer Reihe mit John Cage und Velvet Underground? Das kann ja nur bei David Bowie vorkommen!


3. Anthony Newley – Pure Imagination

„Leider mochte ich auch Anthony Newley“, gab Bowie bei derselben Rede etwas kleinlaut und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu. Wieso leider? Einerseits vielleicht, weil Bowie die Wurzeln seines theatralischen Ansatzes lieber in der Tradition von Bertolt Brecht und Kurt Weill verortet sah als in der englischen Music Hall-Szene. Und andererseits, weil Newley so gar nicht gut auf den Jungspund zu sprechen war, als er 1967 dessen Debütalbum er von Bowies Plattenfirma erhielt – die LP wanderte umgehend in den Müll!

Was aber hatte den Komponisten des Willy Wonka & The Chocolate Factory-Soundtracks so erzürnt? Ganz einfach: Nur allzu offensichtlich hatte sich der Debütant an Newleys markantem Gesangsstil orientiert. Das selbstbetitelte Album gilt heute noch als eine Art Jugendsünde in der Diskografie des Sängers. Neben Newley mussten auch die Beatles, die Kinks und die frühen Pink Floyd als Blaupause herhalten. Umso besser wohl, dass Bowie von seinem damaligen Helden eine derart rüde Abfuhr erhielt – es hat ihn wohl auf den rechten, soll heißen seinen eigenen Weg katapultiert.


4.Rolling Stones – Sympathy For The Devil

Bei der Veröffentlichung von David Bowie war noch keineswegs abzusehen, dass der junge Mann mit der windschiefen Frisur eines Tages die schillerndste Figur des Rock-Universums werden würde. Und doch waren nur wenige Jahre danach alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet. Der neuerliche Ruhm brachte Bowie auch viele Verehrer ein. Ja, nicht nur Verehrerinnen, sondern auch Verehrer. Hartnäckig halten sich bis heute noch Gerüchte über die Beziehung zwischen dem Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger und dem vier Jahre jüngeren Kollegen. Haben sie oder haben sie nicht…? Es hat uns schlicht nichts anzugehen.

Dass Jagger in Bowie aber ein Stilvorbild fand, stand außer Frage. Seine Klamotten fielen zunehmend schräger aus, je mehr die beiden miteinander zu tun hat. Nicht allen gefiel das. „Tatsache ist doch“, schnaubte Keith Richards einst, „dass Mick in Jeans und T-Shirt zehnmal mehr abliefern konnte als Bowie. Warum solltest du irgendjemand anderes sein wollen, wenn du schon Mick Jagger bist?“ Da müsste selbst Bowie zugestimmt haben. Als er sich in seinen Anfangstagen noch in Blues-Rock-Bands verdingte, war der Stones-Sänger sein großes Idol. „Ich habe davon geträumt, Mick Jagger zu sein“, gestand er rückblickend. Es sollte ganz anders kommen…


5. Iggy Pop – The Passenger

Wessen Nähe Bowie suchte und aus welcher Motivation er das auch immer tat – seine Wahl fiel immer auf die rebellischen, ausgesprochen charismatischen Typen. Iggy Pop hat Bowie wie kein anderer geprägt. Die beiden Sänger verband nicht allein eine enge Freundschaft, sondern ebenso eine kreative Zusammenarbeit, die sich über Jahrzehnte hinweg erhielt. Alles begann im Januar 1971, als der damals 24-jährige Bowie erstmals Fuß auf US-amerikanischen Boden setzte. Obwohl in den Staaten beinahe komplett unbekannt, sollte er dort seine dritte LP, The Man Who Sold The World, promoten.

Einen bleibenden Eindruck sollte er auf dieser ersten Tour nicht hinterlassen, nahm aber zwei wichtige Dinge mit zurück ins UK. Das eine war eine Platte des Psychobilly-Künstlers Legendary Stardust Cowboy, das andere eine handfeste Obsession mit dem Sound zweier Künstler: Loud Reed und Iggy Pop. Stardust, Iggy – klar, worauf das hinauslief: Ziggy Stardust wurde im transatlantischen Austausch geboren. Die Wege von Bowie und Pop kreuzten sich immer wieder, am nachhaltigsten prägte beide wohl die gemeinsame Berlin-Zeit. Dort entstand nicht nur Bowies legendäre Hauptstadt-Trilogie, sondern auch die Pop-Alben The Idiot und Lust For Life. Den Song The Passenger soll Pop sogar in der Berliner S-Bahn geschrieben haben. Klingt schlüssig, oder?


6. Lou Reed – Perfect Day

Bowies Ziggy Stardust-Figur sollte aus dem rüden Iggy Pop und dem apathischen Lou Reed das „ultimative Pop-Idol“ schmieden. Ob es ihm gelungen ist? Darüber wollen wir uns kein Urteil anmaßen. Unumstritten ist aber der gravierende Einfluss von Velvet Underground und deren Mastermind Reed sowie der ominösen Sängerin Nico auf die Musik Bowies. In den sechziger Jahren verband die Band die Avantgarde-Musik von Bowies Vorbild John Cage mit einer neuen Art von Rock-Musik, die auf dröhnen Wiederholungen aufbaute. Es waren Songs, die klangen, als wären sie auf Heroin geschrieben worden. Vermutlich, weil sie auf Heroin geschrieben wurden.

Schon bald sollten Bowie und Reed gemeinsam das Studio teilen, sich aber ebenso bald zerwerfen. Nachdem Bowie schon 1972 das Reed-Album Transformer mit Walk On The Wild Side und Perfect Day produziert hatte, zerstritten sich die beiden aus unbekannten Gründen und wechselten jahrelang kein Wort miteinander. Zum 50. Geburtstags Bowie standen sie im Januar 1997 allerdings erneut zusammen auf der Bühne. Im November desselben Jahres war David Bowie sogar an der Produktion eines Perfect Day-Covers beteiligt, die zu Benefizzwecken ein breites Staraufgebot ins Studio lockte. Ein Vierteljahrhundert, nachdem er selbst bei den Aufnahmen des Originals zugegen war!


7. Harmonia & Eno ‘76 – Luneburg Heath

Mick Jagger, Iggy Pop, Lou Reed – Bowie hat es immer wieder geschafft, seine vormaligen Helden zu musikalischen Partnern zu machen. Ähnlich verhielt es sich mit Brian Eno, der Bowies wohl produktivster Partner werden sollte. Was Bowie auf der Bühne war, das war Eno im Studio: Ein sich ständig wandelndes und neu erfindendes Genie. Einen Namen machte sich Eno ab 1971 als Keyboarder der Band Roxy Music, die maßgeblich den Sound und die Ästhetik des Glam-Rocks beeinflussten. Seine wirkliche Magie sollte Eno allerdings hinter den Reglern entfalten. Die Alben der „Berlin-Trilogie“ standen mehr als deutlich unter dem Einfluss des britischen Ikonoklasten.

Insbesondere auf Low machte sich ein deutlicher Krautrock-Einfluss bemerkbar. Neben Kraftwerk standen vor allem Neu! für den dichten und bisweilen höchst komplexen Sound Pate, den Bowie gemeinsam mit Eno und Tony Visconti im Studio erarbeitete. Selbst der Minimal-Komponist Philip Glass zeigte sich begeistert von der Platte, die für viele Fans noch heute als Bowies beste gilt und den Beginn einer fruchtbaren Kollaboration zwischen ihm und Eno markierte. Dass Eno selbst kurz zuvor noch mit den Krautrockern Harmonia – mit unter anderem dem Kraftwerk- und Neu!-Musiker Michael Rother – im Studio war, wird bei der Arbeit mit Bowie definitiv noch nachgewirkt haben.


8. John Lennon – Imagine

Nicht nur teutonischer Krautrock und britischer Glam waren stets ein zentraler Bestandteil der vielgefächerten musikalischen DNA Bowies, auch Funk und Soul spielten in seinem Schaffen stets eine große Rolle. Als erster weißer Künstler überhaupt durfte er in der legendären Soul Train-Show auftreten. Neben der Single Golden Years führte er dort auch Fame von seinem Album Young Americans auf. Derweil er später mit Disco-Legende Nile Rodgers ins Studio gehen sollte, gaben ihm für die Platte zwei milchgesichtige Engländer Schützenhilfe: Paul McCartney und John Lennon.

Neben dem Beatles-Cover Across The Universe ist mit Fame auch eine Komposition auf Young Americans zu hören, die Bowie gemeinsam mit Carlos Alomar und Lennon geschrieben hat. Den ehemaligen Beatle bezeichnete Bowie dabei nicht ohne Grund als „vielleicht seinen größten Mentoren“. Vor allem Lennons rigide Anti-Establishment-Einstellung hinterließ einen prägenden Eindruck beim jüngeren Bowie. „Ich fühlte mich ihm geistesverwandt. Er nahm sich die irrwitzigste aller Ideen vor und ließ sie Realität werden“, schwärmte Bowie rückblickend in einem Interview. Alles, was Lennon scheinbar brauchte, war ein bisschen Vorstellungsvermögen – den Willen zum Bruch mit den Konventionen brachte er schon mit.


9. Queen – Another One Bites The Dust

Nur fünf Jahre, nachdem die beiden mit Fame einen Welthit gelandet hatten, hieß es Abschied nehmen: Am 8. Dezember 1980 wurde der ehemalige Beatle von Mark David Chapman auf offener Straße niedergeschossen. Er ist nicht der einzige enge Vertraute und musikalische Wegbegleiter, den Bowie aus der Welt scheiden sehen musste. Nachdem er 1981 zu Freddie Mercury und Queen für das vielleicht ikonischste Rock-Duett aller Zeiten ins Studio gekommen war, verlor der Sängerkollege nur ein Jahrzehnt später den Kampf gegen die Folgen seiner AIDS-Erkrankung. Mit Mercury verlor die Rock-Welt seine vielleicht markanteste Stimme.

Als sich am 20. April 1992 Fans und Freunde des Sängers im Wembley Stadium für das Freddie Mercury Tribute Concert einfanden, war Bowie selbstverständlich auch dabei. Neben Heroes und All The Young Dudes gab er dort gemeinsam mit Eurythmics-Sängerin Annie Lennox auch eine bewegende Version von Under Pressure zum Besten. Laut Queen-Mitglied Brian May nicht der einzige Song, der während der Studiosession – während welcher sich Bowie und Mercury wohl ziemlich in den Haaren lagen – entstanden sein soll. Ob dieses Material wohl jemals das Licht der Welt erblickt? Wir können nur hoffen…


10. Falco – Nie mehr Schule

Lennon und Mercury waren nicht die einzigen Idole, deren Tod Bowie miterleben musste, bevor er selbst mit seinem Album Blackstar sein eigenes Ende künstlerisch verarbeitete. Selbst einige seiner eigenen Epigonen überlebte der Brite. „Muss ich denn sterben / um zu leben?“, bangte Falco im Song Out Of The Dark vom gleichnamigen Album, das drei Wochen nach seinem Tod im Februar 1998 erschien. Der Österreicher gehörte zu einer Generation von Künstlern, die ganz selbstverständlich mit den schillernden Stilwechseln Bowies aufwuchsen und ihn als Vorbild für ihre eigenen Karrieren erhoben.

Der oftmals funkige Sound Bowies sowie insbesondere seine Berlin-Trilogie wurden für Falco zur Blaupause seiner ersten LPs. Allein das Stück Nie mehr Schule ist eine mehr als offensichtliche Hommage an Speed of Life vom Low-Album und wo Helden von Heute seine Inspiration bekam, dürfte wohl offenkundig sein. Falco ist damit ein Paradebeispiel für den weitreichenden Einfluss Bowies und bei weitem nicht der einzige, der von seiner Musik ausgehend neue musikalische Pfade betrat. Aber wie es schon unmöglich ist, David Bowies musikalische DNA erschöpfend zu betrachten, so braucht es sicherlich tausende von Seiten, um seine Bedeutung für die Pop-Geschichte auszumessen.


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Zeitsprung: Am 11.1.1967 nimmt die Jimi Hendrix Experience „Purple Haze“ auf.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 11.1.1967.

von Timon Menge und Christof Leim

Im Januar 1967 nimmt Jimi Hendrix Purple Haze auf, eine der bedeutendsten Singles seiner Karriere. Bis heute weiß der Song zu begeistern und darf auf keiner Classic Rock-Zusammenstellung fehlen. Das Stück wirft allerdings auch Fragen auf…

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Hört hier in Are You Experienced rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Für viele Musikliebhaber dürfte Purple Haze den Erstkontakt zur Jimi Hendrix Experience markieren. Zwar veröffentlicht die Gruppe mit Hey Joe bereits einige Monate zuvor ihre Debütsingle, doch erstens handelt es sich dabei nicht um ein Stück aus Hendrix’ eigener Feder, zweitens belegt Purple Haze die Pole Position auf der US-amerikanischen Variante von Are You Experienced, dem ersten Album der Gruppe. Hey Joe läuft erst an dritter Stelle.



Als die Experience den Song am 11. Januar 1967 in den Londoner De Lane Lea Studios aufnimmt, überrascht Hendrix Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding mit dem neuen Material. „Er kam herein, summte uns die Melodie vor und zeigte Noel alle Akkorde und Übergänge“, erinnert sich Mitchell in einem Interview. „Ich hörte mir alles an und wir legten los. Wir haben drei Versuche gebraucht, wenn ich mich richtig erinnere.“

Der Alptraum einer jeden Haarbürste: Mitch Mitchell, Jimi Hendrix und Noel Redding von der Jimi Hendrix Experience – Pic: MCA/Promo

Der Hendrix-Akkord: ein E7#9. Tut nicht weh, versprochen. – Pic: Drew Von Buseck/Wikimedia Commons

Als der Song im Kasten ist, verfeinern Hendrix und Produzent Chas Chandler ihn zu zweit. Moderne Mehrspurrekorder machen’s möglich. So ergänzt Chandler die Aufnahme um experimentelle Sounds, die er erzeugt, indem er Aufnahmen über einen Kopfhörer abspielt und ihn um das Mikrofon herumbewegt. Das Ergebnis: ein abgefahrener Echo-Effekt, den man so noch nicht kannte. Für das Gitarrensolo kommt erstmals ein Octaver zum Einsatz, den Toningenieur Roger Mayer gemeinsam mit Jimi Hendrix entwickelt habe. Ebenfalls legendär: die Premiere des Hendrix-Akkords, ein E7#9.

Mit ihrer Veröffentlichung am 17. März 1967 tritt die Single eine Welle des Erstaunens los. Der Song stürmt weltweit die Charts, im Fernsehen läuft er rauf und runter. Sogar Beatles-Bassist Paul McCartney, ein früher Unterstützer der Jimi Hendrix Experience, zeigt sich begeistert und veröffentlicht eine erstklassige Rezension im Melody Maker.

Zahlreiche Mythen ranken sich um den Text des Stückes. Auch Hendrix selbst äußert sich diesbezüglich höchst ambivalent. So soll der Song ursprünglich Purple Haze – Jesus Saves heißen. In einem Interview verrät der Gitarrist allerdings, der Text erzähle von einem Traum, in dem er unter Wasser gelaufen sei. Nach Veröffentlichung des Songs liefert behauptet er außerdem, es handele sich um ein Liebeslied. Hendrix-Biograf Harry Shapiro hält für wahrscheinlich, dass es sich bei Purple Haze um ein „Potpourri an Ideen“ handelt.


Bis heute zählt Purple Haze zu den Klassikern der Gitarrenmusik. So landet der Song nicht nur auf Platz zwei der „100 Greatest Guitar Songs Of All Time“ im Rolling Stone, sondern auch auf der Liste „500 Songs That Shaped Rock And Roll“ der Rock And Roll Hall Of Fame. Sogar die Klassikwelt hört hin und interessiert sich für das außergewöhnliche Arrangement. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch großartige Songs das Gitarrengenie Hendrix uns noch hätte bescheren können, wenn er nicht so früh verstorben wäre.

Zeitsprung: Am 18.8.1969 beendet Jimi Hendrix das legendäre Woodstock Festival.

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Zeitsprung: Am 6.1.1984 veröffentlichen Anthrax ihr Debüt „Fistful Of Metal“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.1.1984.

von Christof Leim und Tom Küppers

Die frühen Achtziger werden gerne zum goldenen Zeitalter des Heavy Metal erklärt. Was dahingehend stimmt, dass Pioniergeist und der frische Wind in der Hartmusikszene einer Band schnell ungeahnte Möglichkeiten eröffnen konnten. Während Slayer und Metallica an der kalifornischen Westküste ihr Unwesen treiben, werden Anthrax in ihrer Heimat New York zur ersten Adresse in der gerade losbrechenden Thrash-Welle.

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Hört hier rein in Fistful Of Metal:

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1981 gründen die zwei Schulfreunde Scott Ian und Dan Lilker eine Band. Sie begeistern sich für Iron Maiden, Motörhead und die „New Wave of British Heavy Metal“, also soll es heftig zur Sache gehen. Wie üblich dauert es eine Weile, bis sich ein halbwegs stabiles Line-up gefunden hat; irgendwann sind Schlagzeuger Charlie Benante, Leadgitarrist Dan Spitz und Sänger Neil Turbin am Start.

Ein erstes, von Manowar-Gitarrist Ross The Boss produziertes Demo bringt 1983 direkt den Plattenvertrag mit dem brandneuen Label Megaforce, das sich gerade anschickt, den legendären Metallica-Einstand Kill ’Em All zu veröffentlichen. Nachdem Anthrax von ihrer ersten Single Soldiers Of Metal noch im gleichen Jahr 3.000 Exemplare unter die Leute bringen können, wartet die Headbangerschaft auf das Debütalbum.

Anthrax in früher Besetzung: Spitz, Bello, Turbin, Benante, Ian

Ende 1983 geht es dann in die Pyramid Studios von Alex Perialas. Kill ’Em All-Produzent Paul Curcio muss aus Zeitgründen absagen, also bietet sich The Rods-Drummer Carl Canedy an. Seine einzige Empfehlung: Er hätte auch mal Bock, eine Band zu produzieren. Ganz einverstanden sind Anthrax mit der Wahl nicht, dafür aber hervorragend eingespielt. Einige der Songs stammen sogar noch aus den Anfangstagen und werden mit entsprechender Routine auf das Band genagelt. Deswegen reichen drei Wochen, um die zehn Songs von Fistful Of Metal einzuhämmern.  

Songs wie Deathrider und das treibende Howling Furies erinnern noch ziemlich deutlich an den klassischen Metal von Iron Maiden und Judas Priest, ansonsten glänzen Anthrax mit unerhörter Energie und Geschwindigkeit. Das Stück Metal Thrashing Mad gerät sogar zum Taufpaten für ein ganzes Musikgenre, weil der Journalist Malcolm Dome vom britischen Kerrang! im Zuge einer Erwähnung dieses Songs erstmalig den Begriff Thrash Metal verwendet. Wie ihre Kumpels Metallica und Exodus beziehen Anthrax ihre Einflüsse aus klassischem Heavy Metal, hochenergetischem Punk Rock und dem neuen Metal aus England. Daraus brauen sie einen neuen, härteren Stil, der anfangs als Speed Metal oder Power Metal bezeichnet wird.

Beim Alice Cooper-Cover I’m Eighteen verzichtet Scott Ian übrigens aus Protest auf eine aktive Teilnahme. Zwar steht er der Idee, einen fremden Song neu aufzulegen, durchaus positiv gegenüber, findet aber diese Auswahl nicht repräsentativ für seine Band. Dan Spitz spielt die Gitarren alleine ein. Der Rest der Aufnahmen verläuft überaus glatt, nur beim Mix müssen sich die Musiker auf Canedy verlassen – und werden enttäuscht. Bis heute zeigt die Band sich unzufrieden mit dem Klang der Platte.



Als Fistful Of Metal am 6. Januar 1984 erscheint, überraschen die Verkaufszahlen alle Beteiligten im positiven Sinne. „Ich hatte die Tape Trader-Szene ganz vergessen“, erklärt Ian Jahre später. Schon das Demo konnte sich in kürzester Zeit durch internationale Tauschringe auf dem ganzen Globus verbreiten. „Es gab deswegen sehr viele Leute, denen wir bereits ein Begriff waren, und die auf unsere Platte gewartet haben.“

Unfassbar bleibt aber das trashige (ohne „h“) Artwork, das die Tradition der Low Budget- Gruselbildchen von Metallica und Slayer weiterführt. „Es ist fürchterlich“, befindet Scott Ian heute. „Die Idee stammt von Neil Turbin, gemalt hat es ein Typ namens Kent Joshpe. Wenn man genau hinguckt, sieht man sogar, dass das zwei linke Hände sind.“ Immerhin gestaltet Joshpe auch das Logo, das die Band heute noch benutzt.

Anthrax liefern hier eine der ersten und damit einflussreichsten Thrash Metal-Platten neben Kill ‘Em All und Hell Awaits (Slayer) ab. Mit Fistful Of Metal haben Anthrax ihren typischen Stil allerdings noch nicht gefunden. Der sollte sich erst mit neuem Sänger Joey Belladonna und neuem Bassisten Frank Bello auf Spreading The Disease (1985) einstellen…


Zeitsprung: Am 23.2.1992 treffen Anthrax auf Al Bundy.

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Zeitsprung: Am 4.1.1984 veröffentlichen Judas Priest ihr „Defenders Of The Faith“.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.1.1984.

von Christof Leim und Tom Küppers

Im Laufe ihrer Karriere haben Judas Priest einige Wandlungen sowie daraus resultierende Höhen und Tiefen durchlaufen. Ihr am 4. Januar 1984 veröffentlichtes Defenders Of The Faith markiert einen dieser Wendepunkte, weil es von einer Ära in eine andere überleitet. Die Briten liefern hier ihr letztes klassisches Achtziger-Album.

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Hört hier in den Judas Priest-Klassiker rein:

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Ende der Sechziger fängt die Truppe aus West Bromwich als vergleichsweise konventionelle Rockband an. Auf ihren frühen Alben Rocka Rolla (1974) und Sad Wings Of Destiny zwei Jahre später haben sich schon härtere Gitarren eingeschlichen, mit Sin After Sin von 1977 und vor allem dem Überflieger British Steel (1980) helfen Judas Priest, den Heavy Metal in seine heute bekannte Form zu gießen. Denn da wo sich andere Zeitgenossen wie Led Zeppelin oder AC/DC strikt dieser Klassifizierung verwehren, zelebrieren Judas Priest den Metal mit Lederjacken, Nietenarmbändern und Hymnen wie Metal Gods.

Zwei Jahre später steigen Priest (wie Insider die Band fachmännisch abkürzen) mit Screaming For Vengeance dann in die Riege der Superstars auf. Ein Meisterwerk des Heavy Metal, das nicht nur mit amerikanischem Doppelplatin ausgezeichnet wird, sondern mit You’ve Got Another Thing Comin’ und (Take These) Chains, eine Fremdkomposition von Bob Halligan Jr., zwei Radio-Volltreffer abwirft.


Die Verteidiger des musikalischen Edelstahls: Judas Priest – Pic: Geoff Thomas/CBS


Somit gelingt Priest als einer der ersten Heavy Metal-Bands der Durchbruch in den Mainstream, selbst das legendäre US Festival 1983 kommt nicht ohne das metallische Quintett aus. Doch der Nachfolger steht längst in den Startblöcken: „Damals haben wir beinahe im Jahrestakt neue Platten veröffentlicht“, blickt Sänger Rob Halford irgendwann zurück. Wie man das neben den endlosen Tourneen überhaupt geschafft hat, ist ihm heute rätselhaft. „Aber wenn es mal läuft, dann musst man als Band die Gelegenheit einfach beim Schopfe packen.“

Also begibt sich die Band mit Screaming For Vengeance-Produzent Tom Allom in die Ibiza Sound Studios auf der gleichnamigen spanischen Insel, um ihr neuntes Album Defenders Of The Faith in Form zu gießen. Im Anschluss spielen spielen Judas Priest im Dezember 1983 auf dem legendären Rock Pop In ConcertFestival in der Dortmunder Westfalenhalle und präsentieren die erste Singleauskopplung aus dem kommenden Album: das rasante Freewheel Burning.


Die Besucher hören einen klassischen Metal-Song in allerbester Priest-Manier – offenbar haben die Musiker den eingeschlagenen Kurs ganz zur Freude ihrer Fans nicht verlassen. Als Defenders Of The Faith dann am 4. Januar 1984 schließlich veröffentlicht wird, sind die Kritiker jedoch überwiegend skeptisch; ihnen klingt das Ganze dem Vorgänger viel zu ähnlich. Und spätestens ab hier lässt sich vortrefflich über dieses Thema debattieren.



Oberflächlich betrachtet nutzen Priest tatsächlich die gleiche Formel: Die Refrains sind griffig und zum Mitsingen geeignet, die Riffs hart und metallisch, gelegentlich wird sogar auf frühes Speed Metal-Tempo beschleunigt. Mit Some Heads Are Gonna Roll ist auch wieder ein Titel von Bob Halligan, Jr. vertreten. Warum etwas ändern, wenn es gut läuft? Auf der anderen Seite lässt sich anführen, dass die Band nun ihren Stil etabliert hat und lediglich verfeinert, kurzum: dass Judas Priest nun mal genau so klingen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen Screaming und Defenders auch schon.

Denn zum einen verpasst Tom Allom den neuen Songs einen etwas glatteren Sound als bisher, der schon die kommende Turbo-Ära andeutet, mit der sich Priest ab 1986 aufgrund klanglicher Änderungen bei manchen Fans in die Nesseln setzen werden. Zum anderen fehlt 1984 ein Single-Überflieger wie You’ve Got Another Thing Comin’. Allerdings ist Defenders Of The Faith als Gesamtkunstwerk ziemlich eindrucksvoll gelungen. In den Charts macht das fast keinen Unterschied, Judas Priest gehören nach wie vor zu den Zugpferden im Metal-Zirkus. In Deutschland schafft es die Platte auf Platz 21.

Ein Artwork fällt doch ein bisschen aus dem Rahmen: Die Single “Love Bites”.

Auf der Platte finden sich gleich mehrere Priest-Klassiker, etwa The Sentinel und Jawbreaker. Für eine mittelschwere Kontroverse sorgt dann Eat Me Alivedas die Initiative PMRC in ihre „Filthy Fifteen“-Liste mit 15 ihrer Meinung nach jugendgefährdenden Musiktiteln aufnimmt. Anführerin Tipper Gore, Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, behauptet gar, Judas Priest würden in diesem Lied mit gezogener Waffe erzwungenen Oralsex propagieren. Dass sich sein Song mit dem Thema Sex befasst, streitet Rob Halford gar nicht erst ab. Er gibt aber zu bedenken, das alles sei so überzeichnet, das der parodistische Charakter des Textes doch klar erkennbar sein sollte.



Kurz nach Erscheinen der Platte begeben sich Priest auf die achteinhalb Monate andauernde Metal Conqueror-Tour, auf der alle neuen Songs live gespielt werden – mit Ausnahme von Eat Me Alive. Das holen Judas Priest erst 2008 nach. Im Anschluss an die Konzerte legt die Band dann erstmal eine einjährige Bühnenpause ein. Ihren Platz auf dem Olymp des klassischen Heavy Metal haben sie da schon verdient.

Rob Halford, K.K. Downing und Glenn Tipton am 3. Februar 1984 im spanischen San Sebastián – Pic: Fernando Catalina Landa/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 16.7.1990 stehen Judas Priest wegen versteckter Botschaften vor Gericht.

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